Trauerfeiern in Corona-Zeiten: Abschied mit Mundschutz

Ein Bestatter und Trauerredner erzählt, warum trotz Lockerungen der Zwang zur bescheidenen Trauerfeier auf vielen Friedhöfen bleibt. Ein Protokoll.

Eine Nase-Mund-Schutzmaske in Großaufnahme vor blauem Himmel – sie scheint zu fliegen

Im Himmel mit Mundschutz Foto: jungeblodt.com

„Es gibt diese Sachen zwischen Himmel und Erde, die man nicht endgültig erklären kann. Zum Beispiel, wenn die sterbende Oma wartet, bis alle Kinder und Enkel noch mal da waren. Ich fürchte, dass viele Menschen, die ihren Weg jetzt aus Infektionsschutzgründen alleine gehen mussten, diesen Weg schwerer gegangen sind. Das ist für alle extrem hart.

Ich bin seit 2002 in Berlin Bestatter und Trauerredner. Warum ich das geworden bin? Klassische Frage, die höre ich immer wieder. Bei mir war es so: Oma war verstorben. Der Trauerredner hat Namen und Daten verwechselt. Der Urnenträger konnte sich das Lachen nicht verkneifen bei den vielen traurigen Gesichtern. Es war furchtbar. Ich war zu der Zeit sowieso dabei, mich umzuorientieren und hab mich dann querbeet bei Berliner Bestattern beworben als Trauerredner. Nach einem Praktikum habe ich dann bei der IHK eine Ausbildung zum Bestatter gemacht.

Jahrgang 1955, arbeitet beim Berliner Bestattungsunternehmen Grieneisen als Trauerredner und Bestatter. Auch bei den Trauerfeiern diverser Berliner Persönlichkeiten hat er die Rede gehalten.

Die klassischen Aufgaben des Bestatters – Überführung des Verstorbenen in die Kühlräume beziehungsweise ins Krematorium, Beschaffung der Papiere, hygienische Versorgung, Einbettung – Das hat sich alles nicht verändert. Es sei denn: Der Arzt, der die Leichenschau durchgeführt hat, hat auf dem Leichenschein vermerkt: infektiös. Das hatten wir schon mehrfach und dann gelten narürlich besondere Schutzmaßnahmen. Wir tragen dann Overall und Maske, Handschuhe. Die oder der Verstorbene wird in eine sogenannte Hygienehülle verpackt und in den Sarg gelegt. Es wird ansonsten nichts mehr am Verstorbenen vorgenommen vor der Bestattung und es gibt natürlich auch keine Abschiednahme am offenen Sarg für die Angehörigen.

Was sich aber für alle Angehörigen verändert hat in den vergangenen Wochen, ist der Umgang mit der Trauerfeier. Alles, was der Bestatter mit den Angehörigen vereinbart hatte – Blumenschmuck, musikalische Untermalung und so weiter – war ja schlagartig hinfällig, weil die Friedhofskapellen weitgehend geschlossen wurden. Das Hauptproblem war, dass alle Friedhöfe unterschiedlich mit den Beschränkungen umgegangen sind: Es gab keine klare Linie und diese Nichtorganisiertheit war für die Bestatter und die Angehörigen eine Katastrophe.

Ein gewisser Galgenhumor

Ich erzähl das mal an einem Beispiel: Mit einem evangelischen Friedhof war vereinbart worden, dass bei einer Trauerfeier 10 Personen in die Kapelle dürfen. Und dann stehen wir am nächsten Tag früh um 9 Uhr mit den Angehörigen vor der Kapelle und der Friedhofsmitarbeiter sagt: „Seit heute wird die Kapelle gar nicht mehr aufgeschlossen.“ In diesem und in vielen anderen Fälle haben wir dann eine kleine Trauerfeier direkt am Grab abgehalten. Zum Glück hat das Wetter da mitgespielt.

Bei manchen Angehörigen herrschte auch ein gewisser Galgenhumor vor. Da hieß es dann: „Ach er war doch eh immer so bescheiden, hätte ihm gefallen, dass es jetzt nur so ein kleiner Rahmen ist“. Manche wollten jetzt aber auch abwarten, bis sie wieder eine richtige Trauerfeier machen könne. Da wurden die Urnen solange aufbewahrt. Nur Erdbestattungen müssen ja in einer gewissen Zeit stattfinden.

Natürlich ändern sich mit den aktuellen Lockerungen für die Bevölkerung auch die Verfahrensweisen auf den Friedhöfen. Angehörige können nun wieder Abschied in Form einer Trauerfeier in der Kapelle mit Redner oder Pfarrer, Organist und individueller Dekoration mit Bezug zum Verstorbenen gestalten. Aber auch das ist auf jedem Friedhof anders und hängt davon ab, wie viele Menschen mit Mindestabstand in die Kapellen passen.

„Ich reiße am Grab auch keine Angehörigen auseinander, die sich trauernd in den Armen liegen.“

Das sind dann zum Beispiel auf einem Friedhof in Westend maximal 35, in einer beliebten Stahnsdorfer Kapelle bis zu 50, auf einem Friedhof in Ruhleben höchstens 20 Trauergäste. Teilweise mit Mundschutz. Wir selbst gestalten in unserer eigenen Trauerhalle wieder Feiern mit bis zu 20 Trauergästen, allerdings weiter ohne Catering. Da orientieren wir uns an den derzeit geltenden Bestimmungen für Cafes und Restaurants.

Für die Bestattungsunternehmen bedeuten die ganzen Beschränkungen natürlich auch Umsatzverlust, ist ja klar. Aber ich sehe es als meine allererste Aufgabe, einen Weg zu finden, einen Abschied auch in dieser Zeit pietätvoll und feierlich zu gestalten. Das heißt: Wir achten auf die Regelungen. Aber ich reiße am Grab auch keine Angehörigen auseinander, die sich trauernd in den Armen liegen.“ Protokoll: Manuela Heim

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