Traditionskneipe punktet mit Filmkonzept : Großes Kino im kleinen Dorf

Der kleinste Kino-Ort Deutschlands ist das 448-Einwohner-Dorf Quernheim in der Nähe des Dümmer Sees. Dort zeigt die Lichtburg mit viel Erfolg aktuelle Filme.

Nostalgisch ist neben der Kino-Einrichtung auch der Auto-Geschmack der Besucher: Die Lichtburg im Jahr 2012. Bild: Lichtburg

Begeisterung kann ansteckend sein. Anders lässt sich der Erfolg der Lichtburg in Quernheim, fast 40 Kilometer nordöstlich von Osnabrück, nicht erklären: 448 Einwohner, keine Schule, keine Kirche – aber ein Kino mit zwei Sälen und 35.000 BesucherInnen im letzten Jahr.

Der Besitzer Karl-Heinz Meier ist ein Filmbegeisterter, er hat das ehemalige Gasthaus der Familie liebevoll als Wallfahrtsort für Filmbegeisterte alter Schule eingerichtet. Die klassische Kinokasse ist mit Rundzahlbrett und den Preisen in altdeutscher Schrift an der Scheibe seit über 50 Jahren nicht modernisiert worden. Die Gasträume, durch die man zu den Kinosälen gelangt, sind mit Filmplakaten, Filmfotos, Autogrammen und andern Erinnerungsstücken gepflastert.

Ferner gibt es eine Kult-Ecke mit Fotos von Ikonen wie James Dean oder Marlon Brando, eine Senioren-Nische mit Schwarzweißbildern von Marika Rökk und Heinz Ehrhard sowie Schellackplatten von den Comedian Harmonists an den Wänden und eine Büste von Marilyn Monroe. In der Knutsch-Ecke hängen Filmfotos von den „schönsten Küssen der Filmgeschichte“. Zwei Musikboxen mit alten Hits kann man nur mit D-Mark-Stücken in Gang bringen und die Decke des kleineren Kinosaals ist ein Sternenhimmel mit über 300 einzelnen kleinen Leuchten, unter dem sich Ortsansässige gerne Heiratsanträge machen – erzählt man sich zumindest.

Natürlich hilft es, dass die Lichtburg auch die einzige Gaststätte des Ortes ist und dort auch Dart und Billard gespielt wird. Doch das Kerngeschäft ist das Kino und das läuft so erfolgreich, dass dort die Hollywoodfilme nicht etwa wie in anderen Dorfkinos mit ein paar Monaten Verspätung ins Programm kommen. Die Verleiher liefern das aktuelle Programm, und so wird neben „Hangover 3“ und „Die Ostsee von oben“ ab heute auch „World War Z“ mit Brad Pitt in Quernheim gezeigt.

Wie traditionsbewusst hier Kino und Kneipe geführt werden, kann man schon daran erkennen, dass laut einer Urkunde an der Wand seit über 100 Jahren Fassbier von der gleichen, lokalen Brauerei ausgeschenkt wird.

In dem 1929 erbauten Tanzsaal des Gasthauses wurden kurz nach dem Zweiten Weltkrieg einmal in der Woche von einem Wanderspieler Filmvorführungen abgehalten. Da der Gastwirt Fritz Meier so schlau war, nach der Vorstellung das Publikum mit Hans-Albers-Liedern aus dem Akkordeon zu unterhalten, war bei ihm der Laden immer voller als bei der Konkurrenz.

1952 wurde die Tanzdiele in ein Kino mit 450 Sitzplätzen umgebaut, und 1979 baute der Sohn Karl-Heinz Meier den Saal so um, dass er mit 180 „französischen Luxussesseln“ mit viel Beinfreiheit zu einem für das flache Land ungewöhnlich schmucken Kino wurde. Meier blieb von da an mit seinem Kino auf der Höhe der Zeit. 1998 wurde ein zweiter Saal mit 87 Sitzplätzen angebaut und in wenigen Wochen werden beide Säle auf digitale Projektion umgerüstet.

Karl-Heinz Meier weiß, wie er aus einem Kinobesuch ein Gemeinschaftserlebnis machen kann. Bei seinen Open-Air-Vorführungen sitzt man gemütlich auf einer von Bäumen umrahmten Wiese direkt hinter dem Gasthof und die „Herr-der-Ringe-Nacht“ mit allen Filmen nacheinander dauert von fünf Uhr nachmittags bis halb sechs am nächsten Morgen. „Wichtig sind die langen Pausen und die gute Verpflegung“, sagt Meier und berichtet von 200 belegten Brötchen, 50 Bockwürsten und 50 Frikadellen, mit denen er die Zuschauer auf der gut besuchten Veranstaltung verköstigt.

Zu einer Vorstellung von „Vom Winde Verweht“ gehört für Meier selbstverständlich ein Sektempfang und seit 32 Jahren gibt es an jedem Karfreitag eine Kultveranstaltung mit dem Film „The Blues Brothers“, zu der das Publikum in schwarzem Anzug oder in Nonnenkluft erscheint und rituell bei dem Kurzfilm „Der Hahn ist tot“ mitsingt.

Fast an jedem Tag sitzt Meiers Ehefrau an der Kinokasse und er führt die Filme vor, arbeitet hinter der Theke und steht nach dem Film an der Tür, um zu hören, ob es dem Publikum gefallen hat. Spätestens wenn er zu erzählen beginnt spürt jeder, dass dieses sein Leben ist. Sätze wie „Mein Vater war genauso, er hat nie aufgehört und ist 95 Jahre alt geworden!“ hat er inzwischen Dutzenden von Journalisten in die Mikrophone gesagt, denn über die Jahre ist sein Kino auch von den Medien entdeckt worden.

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung stand ein Lobgesang und inzwischen gab es 23 Berichte im Fernsehen über die Lichtburg in Quernheim. Doch seit ein Kamerateam Kälber vor die Kinoschaukästen treiben ließ, ist Meier nicht mehr so gut auf die Kollegen zu sprechen. Denn er hat nun wirklich den Blick dafür, dass solch ein falsches und gestelltes Sinnbild kein gutes Kino ist.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de