Tokio und die Nazi-Olympiade 1936: Die heiteren Spiele von Berlin

Coronabedingt muss auf die Olympia in Tokio noch ein Jahr gewartet werden. In einem Werbefilm blendet das IOC historische Zusammenhänge einfach aus.

Schwimmerin aus Japan spricht bei einer Zeremonie, weißes Kleid, große Bühne

Hauptsache, feierlich: die japanische Schwimmerin Ikee Rikako am 23. Juli in Tokio Foto: DuXiaoyi/XinHua/dpa

Seit Donnerstag, 23. Juli, werden die Tage wieder heruntergezählt in Tokio. Da waren es 365 Tage bis zum Beginn der Olympischen Sommerspiele, die wegen der Coronapandemie von diesem ins nächste Jahr verschoben worden sind. #1yeartogo war der Hashtag in sozialen Medien, mit dem das IOC den Start des Countdowns begleitet hat. Die Ouvertüre zur ganz großen Sportoper im nächsten Jahr ist angespielt worden. Als Symbol für „die Kraft des Sports, die Menschheit zu einen“ haben die Olympier die Fackel mit dem olympischen Feuer auserkoren. In der Sprache Olympia klingt das so: „Die olympische Flamme soll ein Licht werfen auf die Ausdauer und Stärke der Athleten bei der Vorbereitung auf die Spiele.“

Dass es die Nazis waren, die den Fackellauf als Vorspiel zu den Olympischen Spielen ins Leben gerufen haben, daran stört sich das Internationale Olympische Komitee offenbar nicht. „Berlin 1936 hat den Auftakt markiert, indem zum ersten Mal die Flamme zur Schale getragen wurde. Das nächste Mal können wir kaum erwarten“, twitterte dass IOC und schickte ein schönes Filmchen in die Welt, das die Propagandaspiele der Nazis im besten Licht dastehen lässt. Die heiteren Spiele 1936. Leni Riefenstahl, die Zelluloidpropagandistin der Nazis, hätte gewiss ihre Freude an dem Zusammenschnitt von Bildern aus ihren Olympiafilmen zu einem Werbevideo für die olympische Idee im 21. Jahrhundert. Im Werbefilmchen vom Donnerstag sind keine Hakenkreuzfahnen zu sehen, keiner reckt die rechte Hand in die Höhe, kein Führer, der zurückgrüßt.

Leni Riefenstahl hätte gewiss ihre Freude an dem Zusammenschnitt ihrer Olympiafilme zu einem Werbevideo für die Olympische Idee im 21. Jahrhundert

Die faszinierenden Bilder, die den vierfachen Olympiasieger Jesse Owens zusammen mit dem deutschen Weitspringer Lutz Long zeigen, dürfen da nicht fehlen. Da wird so getan, als sei es die olympische Bewegung gewesen, die den Schwarzen Superstar der Spiele mit dem unter der Hakenkreuzfahne startenden Deutschen zusammengebracht hat. Wie lautet noch mal das Synonym für Olympische Spiele in der Werbelyrik des IOC? „Ein Fest zur Feier der Einheit und Solidarität der Menschheit.“

Geschichtslose Geschichtserzählung

Dass es das IOC war, das den Nazis die Bühne für eine nie dagewesene Propagandashow geboten hat, wird man wissen in der Zentrale des Sportkonzerns in Lausanne. Wie gut man dort historische Zusammenhänge ausblenden kann, hat das IOC über die Jahrzehnte seines Bestehen immer wieder gezeigt. Und so lassen sich eben auch die Nazi-Spiele von 1936 bestens einreihen in die ganz eigene historische Erzählung des IOC. In der ist zwar immer von Werten die Rede, von der Menschheit, von der Einheit in Vielfalt und von der Kraft des Sports. Eingeordnet in einen historischen Kontext werden diese Begriffe nie. Und so bleiben sie leer, so gut sie sich auch anhören mögen. Wer hat schon etwas gegen den Weltfrieden?

Dafür schickt das IOC auf allen Kanälen Bilder von sportlichen Spitzenleistungen in die Welt, die die Menschheit „inspirieren“ sollen. „Inspiring“ ist vielleicht das von den Olympiern am häufigsten gebrauchte Worte, wenn es um Höchstleistungen im Zeichen der fünf Ringe geht. Aber wozu soll die Welt inspiriert werden? Zur Steigerung des Ruhms der olympischen Bewegung natürlich. Auf dass eine nächste Generation wieder Bilder von Höchstleistungen produziert, welche die übernachste inspirieren.

In dieser abgeschlossenen Welt ist es kein Problem, im Fackellauf von 1936 nichts als Inspiration zu sehen. In einer Mitteilungung des IOC heißt es: „Die Flamme soll für die Solidarität, die Hoffnung und die Vielfalt in der olympischen Bewegung stehen“. Ein später Propagandeerfolg der Nazis.

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1968 geboren und dann lange Münchner. Studiert hat er Slawistik und wäre um ein Haar Lehrer geworden. Zehn Jahre lang war er Kabarettist (mit Helmut Schleich und Christian Springer). Dann ist er Sportreporter geworden. Von April 2014 bis September 2015 war er Chefredakteur der taz. Jetzt treibt er wieder Sport.

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