Thomas Helmer über Phantomtore

„Das war keine böse Absicht“

Stefan Kießling schießt ein Tor, das keines war, genauso wie Ex-Bayern-Spieler Helmer vor 20 Jahren. Dieser fordert nun eine Wiederholung des Spiels.

Thomas Helmer, Experte in Sachen Phantomtore. Bild: dpa

taz: Herr Helmer, wie haben Sie davon erfahren, dass es am Freitag ein zweites Phantomtor in der Bundesliga-Geschichte gegeben hat?

Thomas Helmer: Ich hatte mir am Freitagabend das Spiel nicht im Fernsehen angeschaut, Hoffenheim gegen Leverkusen ist ja nicht unbedingt ein Muss. Aber dann habe ich abends im Internet gelesen, „Kießling macht den Helmer“. Und dann wird man ja stutzig.

Hätten Sie es für möglich gehalten, dass so etwas fast 20 Jahre nach ihrem Stolperer, als der Ball beim Spiel FC Bayern – 1. FC Nürnberg am Tor vorbeiging, so etwas auf andere Art noch einmal passiert?

Ehrlich gesagt nicht, weil die technischen Möglichkeiten ja ganz andere sind. Damals hatte Schiedsrichter und Linienrichter beispielsweise keinen Funkkontakt, jetzt sind die Referees alle miteinander verbunden. Hat nicht der vierte Offizielle irgendeine Möglichkeit, auf einen Fernseher zu schauen? Aber damals wie heute ist die fehlende Kommunikation ein Grund, dass so etwas geschieht.

Offenbar hat Schiedsrichter Felix Brych aber bei Stefan Kießling nachgefragt und keine klare Antwort bekommen. Wie war das bei Ihnen am 23. April 1994?

Der Bremer Schiedsrichter Hans-Joachim Osmers hat mich damals nicht gefragt, auch wenn er immer etwas anderes behauptet hat.

46, hat 390 Bundesligaspiele, die meisten für Bayern München und Borussia Dortmund, bestritten. Derzeit arbeitet er für den TV-Sender Sport1.

Würden Sie also Stefan Kießling keinen Vorwurf machen?

In der Sekunde weiß man echt nicht genau, was los ist. Für einen Spieler ist es extrem schwer, während des Spiels vernünftig zu reagieren. Und das entscheidet darüber, bist du der liebe Junge oder der böse Bube. Man kann ja in der Wiederholung gut erkennen, dass sich Kießling erst wegdreht, dann laufen Mitspieler zu ihm, um zu gratulieren. Da unterstelle ich keine böse Absicht, ich glaube, alle waren in diesem Moment überfordert. Soll der Schütze entscheiden, dass es kein Tor ist? Ich würde dazu neigen, alle ein bisschen in Schutz zu nehmen. Man muss ja auch mal fragen, wie so ein Loch ins Netz reinkommt.

Sollte die Partie Hoffenheim – Leverkusen wiederholt werden?

Aus meiner Sicht schon. Doch ich glaube, da wird die Fifa nicht mitspielen. Der DFB hatte 1994 mächtig Ärger bekommen, wenn ich mich richtig erinnere, als er ein Wiederholungsspiel ansetzte, das dann 5:0 für uns Bayern ausging.

Sie sind 1996 Europameister geworden und haben den Uefa-Pokal gewonnen. Aber mit ihren Namen wird oft zuerst das Phantomtor in Verbindung gebracht. Nervt das manchmal?

Es ist tatsächlich mitunter nicht so prickelnd. Ich werde ganz häufig nur darauf angesprochen. Und eigentlich hatte ich dieses Wochenende vor, mal vom Fußball frei zu machen und mit meinen Kindern in Hamburg zu verbringen. Das kann ich mir nun abschminken. So viele Leute haben schon lange nicht mehr bei mir angerufen.

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