Theaterstück zum NSU-Komplex

Die Kanzlerin tritt zurück

In München thematisiert die Regisseurin Christiane Mudras die großen Versäumnisse bei der Aufklärung der NSU-Morde.

Mann flucht gruselig im düsteren Wald

Zerrbilder, pantomimisch gespielt, werden auf die Leinwände projiziert Foto: Franz Kimmel

Es ist ein Bühnenbild, das Unruhe vermittelt: Im Zuschauerraum des Theaters Hoch X in München sind unregelmäßig Platten gestapelt. Auf ihnen kauern die Besucher wie ein Haufen Schiffbrüchiger, umgeben von vier Leinwänden. Mit Beginn der Vorstellung bricht Finsternis über die Zuschauer herein. Die Dunkelheit wird nur periodisch vom Licht der vier Projektionsflächen erleuchtet. Das schärft den Gehörsinn, erschreckt aber auch.

In den folgenden 90 Minuten gilt es, die Stimmen aus dem Off einzuordnen, als da sind: Vertreter des NSU-Untersuchungsausschusses, Beamte der Landes- und Bundesbehörden für den Verfassungsschutz, Sprecher der Bundesanwaltschaft, des Bundesverfassungsgerichts und der Generalbundesanwalt. Dazwischen montiert sind Zeugenaussagen, Pressestimmen und offizielle Verlautbarungen.

Es geht in dieser Collage, die wie ein Hörspiel vor allem auf das vom Band abgespielte Wort setzt und wenig auf eine theatralische Spielhandlung, um Versäumnisse und Vertuschungen bei den Ermittlungen zur NSU-Mordserie. Und das ist problematisch: Auch wenn die Sprecher mit Namen und Funktion genannt werden, erfordert es eine erhebliche Anstrengung, den Argumentationslinien zu folgen.

Manches bleibt hängen und erschüttert immer noch, etwa wenn die Mitarbeiter des Amtes für Verfassungsschutz davon sprechen, dass die Opfer doch schließlich nur „türkische Gemüsehändler“ gewesen seien. Vernichtend auf den Punkt gebracht wird die desaströse Ermittlungsarbeit mit Aussagen über die Topquellen, die im Bundesamt für Verfassungsschutz geäußert wurden. Etwa über den V-Mann-Führer Kaldrack: „Wer zum Henker soll uns noch glauben, dass wir nichts von den Morden wussten?“

Zerrbilder und Geräusch-Sperrfeuer

Ebenso ungläubig vernimmt man die Aussage von Lothar Lingen, Referatsleiter der Abteilung Rechtsextremismus im Bundesamt für Verfassungsschutz: Es geht um die Vernichtung zahlreicher Akten zu V-Männern aus der Thüringer Neonaziszene am 11. 11. 2011, unmittelbar nach dem Auffliegen des NSU-Trios. Die sogenannte Operation Konfetti ereignete sich bezeichnenderweise am Faschingsbeginn.

Was erschüttert, sind die Fakten, die Christiane Mudra in diesem Stück, für das sie als Autorin und Regisseurin verantwortlich ist, in akribischer Kleinarbeit zusammengetragen hat: In der Summe der ungeheuren Fehlleistungen und Irrtümer sticht da besonders die Tatsache heraus, dass bereits 2003 Hinweise von mehreren ausländischen Nachrichtendiensten auf das mordende NSU-Trio an die deutschen Behörden ergingen.

Zerrbilder, pantomimisch gespielt, werden auf die Leinwände projiziert und von einem Geräusch-Sperrfeuer begleitet. Sie spannen den Bogen von Hassbildern der 1930er Jahre, aus den Anfängen der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland, bis zur gegenwärtigen Bedrohung des Rechtsstaats durch erweiterte Befugnisse der Geheimdienste und dem Aufkommen der rechtsextremen identitären Bewegung.

Am Ende des Stückes steht eine schier utopische Vision: Alle Straftäter, die im Rahmen des NSU Verbrechen begangen haben, werden verurteilt, die schuldigen Verantwortlichen in den Behörden entlassen, die Kanzlerin tritt zurück.

Irritation des Zeigefingers

Bereits etliche Theaterproduktionen haben sich in den letzten Jahren mit dem NSU-Thema befasst. Darunter ist etwa „Das schweigende Mädchen“ von Elfriede Jelinek über die mutmaßliche Rechtsterroristen Beate Zschäpe und ihren Prozess oder das Dokumentartheaterstück „Urteile“ von Christine Umpfenbach, das den strukturellen Rassismus kritisierte.

Beide Inszenierungen wurden, wie nun auch Mudras Arbeit, bezeichnenderweise in München uraufgeführt, der Stadt, in der zwei NSU-Morde geschahen. In Berlin war „Fahrräder könnten eine Rolle spielen“ des Autorenduos Angry Birds im Ballhaus Naunynstraße zu sehen.

Doch nicht immer ist der Erkenntniswert dieser politisch und moralisch ambitionierten Stücke tatsächlich groß. Bei Mudra irritiert der moralische Zeigefinger, der einen bedauerlicherweise nicht emotional berührt. Leider hat Drehbuchautorin und Regisseurin Christiane Mudra so viel Stoff in den Abend gepackt, dass man sich als Zuschauer letztendlich überfordert fühlt angesichts dieses Informations-Overkills. Gut gemeint ist eben nicht immer gut gemacht.

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