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Theaterstück nach Kae TempestIllustration durch die Hintertür

Am Deutschen Theater Berlin inszeniert Sebastian Nübling „Let them eat Chaos“ als Stationendrama. Der Drive des Originals leidet etwas.

Alltagsmenschen, wie sie in der Inszenierung am Berliner DT zu sehen sind: Szene aus „Let them eat Chaos“ nach Kae Tempest Foto: Thomas Aurin
Eva Behrendt

Aus Berlin

Eva Behrendt

Die Zeit zwischen 3 und 5 Uhr früh wird auch Wolfsstunde genannt, weil außer dem Schafsräuber alle schlafen. Morgens um 4.18 Uhr rutscht aber auch die innere Chemie von Großstadtbewohnern in eine lichtlose Talsohle. Im Langgedicht „Let them eat Chaos“, das der britische Schriftsteller, Musiker und seit diesem Jahr Transmann Kae Tempest 2016 im Alter von 30 als Text und Album herausbrachte, sind sieben Menschen in einer Londoner Straße Punkt 4.18 noch wach. Alle für sich und in ihrer Wohnung, wo ihnen der Dichter in Hirne und Herzen schaut.

Einer stochert besoffen nach dem Wohnungstürschloss, eine Pflegerin grübelt über die Spuren kolonialer Vergangenheit, eine andere hat vom Ex geträumt, ohne den sie die Kinder großzieht, eine weitere fliegt gerade aus der Wohnung, weil die luxussaniert wird – selbst der PR-Typ, dessen Karriere am Schnürchen läuft, hat keinen Schimmer, wozu er eigentlich lebt.

Wie Kae Tempest vom Neoliberalismus geformte Individuen porträtiert, ohne sie zu verraten, wie er die depressive Hellsicht der Schlaflosen mit einem Weltuntergangssturm samt apokalyptischen Reitern verknüpft, ist grandios und erschütternd – und in der Albumsversion zwischen minimalistischem HipHop und Performance Poetry reinste Wortmalerei von melodiös-rhythmischer Schönheit. Nur mal zum Beispiel: „But every time he gets paid he gets wasted and wakes up with less than he made and he hates it. Fast-paced, shit-faced, low-maintenance.“

Normalmenschen in Alltagsklamotten

Knapp zehn Jahre später nun inszeniert Sebastian Nübling den Text auf der Kammerspielbühne des Deutschen Theaters in Berlin. Sieben Normalmenschen in Alltagsklamotten – nur Natali Seelig sticht in grünem Bademantel und gelben Puschen heraus – drängeln sich am Rand eines Lüftungsschachts, der wie ein Laufsteg längs der Rampe steht.

Darüber hängt eine Art monströser Abzugshaube, die aber nur als Projektionsfläche für Lichtmuster dient (Bühne Dominic Huber). Im Pulk wandeln die sieben in Zeitlupe von einem Ende zum anderen, sprechen im Chor das Intro, in dem Tempest aus dem All auf Sonne, Erde, London, Menschen zoomt. Jackie Polonis Tonspur fährt zunächst Großstadtgeräusche auf – Stadtpark, U-Bahn, Autoverkehr, später kleine und große Beats. Dann lösen sich einzelne Figuren aus der Gruppe, und die Herde zerfällt.

Logische Fortsetzung

In gewisser Weise ist der Griff zu Kae Tempests 70-Seiten-Gedicht die logische Fortsetzung eines Stoffs, den Nübling 2022 mit Kollege Boris Nikitin am Jungen Theater Basel entwickelt hat, dort, wo die Regiekarriere des Kulturwissenschaftlers einst Ende der 1990er Jahren Fahrt aufnahm.

In „Dämonen“ schwärmten sieben Per­for­me­r:in­nen aus dem Theater hinaus in die Dämmerung, liefen von einer Videokamera verfolgt durch die saturierte Stadt. Im dynamischen Gehen sprachen sie über Lebensgefühle voller Ängste und Wut, über das Eingezwängtsein in Erwartungen und den Ausbruch in den Rausch – zumindest im Geiste ganz ähnlich wie Tempests Londoner Leute. Das Publikum verfolgte den Aufstand der Basler Jugend als Live-Film im Theater.

Dagegen wirken die Spie­le­r:in­nen­kör­per in „Let them eat Chaos“ gebremst, fast sediert. Tatsächlich ist die Mühle von Doubleshift und drogeninduziertem Absturz ein Motiv in Tempests Text, die Darstellung des rasenden Stillstands vielleicht das Ziel. Doch der Druck, den die Spie­le­r:in­nen in ihre Stimmen legen, wirkt häufig aufgesetzt.

Obendrein fehlt der Übersetzung von Johanna Davids die performative Geschmeidigkeit des Originals – Mercy Dorcas Otieno als Pflegekraft rutscht immer mal wieder ins Englische, weil es besser flutscht. Und so sehr der Regisseur zunächst auf Abstraktion und gegen Illustration inszeniert, kommt sie doch durch die Hintertür wieder rein, wenn Jens Kochs Psycho-Yuppie die Bohrmaschine wie eine Waffe schwenkt oder sich alle an den Lüftungsschacht setzen, als wär's eine Theke im Pub.

Wach sein und stärker Lieben

Natali Seelig befriedet als Ladykillerin mit Liebeskummer am Ende die überhitzte Gesellschaft, unter ihrem Körper, der von einer Schulter zu anderen gleitet, findet die Gruppe wieder zusammen. „Wake up and Love More“, mit dieser Botschaft entlässt Nübling nach 70 Minuten das Publikum in den Abend.

Auch wenn die apokalpytischen Reiter es namentlich nicht in die Inszenierung geschafft haben, hat Kae Tempest mit „Let them eat Chaos“ doch schon fast alles abgesteckt, was uns 2025 umtreibt: der Niedergang des Westens, die Dämonen der kolonialen Vergangenheit, die Ausdehnung des Neoliberalismus bis in die letzten Winkel des digitalen Medienkonsums. Die Wolfsstunde hat sich breitgemacht – auch wenn das Theater hier dafür noch keine überzeugenden Bilder gefunden hat.

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