Theaterstück „Der Nibelungen Wut“: Die Hölle der Deutschen

Die Bremer Shakespeare Company zeigt „Der Nibelungen Wut“. Die Abrechnung mit dem deutschen Nationalepos ist diskurssatt und höchst unterhaltsam.

Theaterschauspielerin in mittelalterlichem Kostüm zerrt wütend an ihren Ketten. Andere schreien sie an

Gefangen in Erinnerungen, Trauma und Suff: Die Nibelungen in der Hölle Foto: Marianne Menke/Shakespeare Company

BREMEN taz | Feuer gibt es in dieser Hölle höchstens an der Bar – vom Pagen nämlich, der chronisch schlecht gelaunt seiner vor Jahrhunderten versackten Kundschaft die Kippen anfeuert. Das Totenreich ist „ein Hotel ohne Sterne“, wie es heißt, schwer in die Jahre gekommen, dafür aber umso satter angefüllt mit nostalgischem Charme, schrägem Stil und einem Hauch von Würde.

Total gemütlich wär's noch obendrein, hätten die anderen Gäste nicht allesamt gehörig einen an der Klatsche. Ausraster sind hier an der Tagesordnung, Tränen und Allüren. Diese verkorksten Gestalten sind nicht einfach irgendwer, sondern waren früher einmal so was wie richtige Stars: die Nibelungen nämlich.

„Der Nibelungen Wut“, heißt das Stück – „Furor Teutonicus“ – das Johanna Schall und ihre Dramaturgin Grit van Dyk geschrieben und nun an der Bremer Shakespeare Company zur Uraufführung gebracht haben. Im Grunde ist das harter Stoff, wo verbitterte Alte auf ewig durch ihre Erinnerungen kreiseln: zwischen Blut und Rache, Vergewaltigung, Kindsmord und überhaupt recht viel Gemetzel.

Nacht für Nacht werden im Suff die immer gleichen Verletzungen und Traumatisierungen aufgewühlt, das alte Leid und glühende Rachsucht. Die Schuld an der Misere trägt Superheld Siegfried, der im Stück zwar nicht vorkommt, den sie aber doch alle nicht vergessen können.

„Der Nibelungen Wut – Furor Teutonicus“: 18. und 19. September; 3., 23. und 24. Oktober, Bremen, Shakespeare Company Bremen

Mehr unter www.shakespeare-company.com

Der große Anspruch von Stück und Inszenierung: die deutsche Lust an diesem bluttriefenden Stoff zu ergründen. Wieso wurde ausgerechnet so eine Untergangsgeschichte zum deutschen Nationalepos? Weshalb sind alte und neue Nazis so verzaubert davon? Und warum kann selbst die Popkultur nicht so richtig lassen von dem sperrigen Schinken?

Bevor man sich nun aber auf den Versuch einer Antwort einlässt, ist erst einmal Lust am Mitmachen angesagt. Es ist auch wirklich zu schön, dieses verkorkste Miteinander. Ex-Walküre Brunhild (herrlich kratzbürstig: Svea Auerbach) stapft durch den Salon, rezitiert schwermütig irgendwelche isländischen Verse, die hier keiner mehr hören kann. Hagen von Tronje (so charmant wie fies: Michael Meyer) nimmt noch einen Whiskey an der Bar – und Krimhild (mit enormer Präsenz: Sonja Hilberger) rastet mal wieder völlig aus.

Eine Weile ist das durchaus hübsch anzusehen, was neben der atmosphärischen Dichte und dem kurzweiligem Spiel auch an der Revuehaftigkeit der ersten Hälfte liegt. Da stakst Tobias Dürr als Totengöttin Hel hochhackig besohlt über die Sofalehne, ruft ihre verstorbenen Gäste zur Ordnung und singt Umdichtungen von „Hotel California“ oder Radioheads „Creep“.

Das ist übrigens weit weniger Travestie-Geblödel, als es sich vielleicht anhört – vor allem bei diesen vorsätzlich schiefen Gesangseinlagen blitzen mitunter sogar ausgesprochen schöne Momente beinahe Bowie-hafter Extravanganz auf.

Dennoch bleibt es selbstverständlich mutig, Jahrhunderte währenden Stillstand auf die Bühne zu bringen. Spannender als die Geschichte selbst ist ja auch eher, was die Deutschen immer wieder an ihr fanden und finden. Und über diese Frage wird es dann auch irgendwann etwas eng im Diskurstheater.

Neben der retrospektiven Erzählung werden auch Text- und Rezeptionsgeschichte ergründet: von der Edda quer durchs Mittelalter zu Wagner, Tolkien und so weiter. Immer wieder werden Mythos, Minne, Oper und Pop mit Zitaten gewürzt: Walter Benjamin und Heiner Müller reinzitiert zwischen Tür und Angel.

Dass es aber dennoch gelingt, diesen Diskursbrocken bis zuletzt außerordentlich sehenswert über die Bühne zu wuppen, liegt an einem geschickten Schwenk auf vermeintliche Nebenfiguren: zu Page Otto und zu einer jungen Frau, die nicht mal einen Namen trägt. Sofie Alice Miller spielt diese rührige Oberwelt-Praktikantin im Höllenbetrieb, die dreimal vergeblich versucht, sich vorzustellen und selbst im Textbuch nur als „Fräulein“ geführt wird.

Mit offenem Mund steht sie da, wenn von alten Schrecken die Rede ist, findet alles ungeheuer aufregend und super, solange es nur knallt. Sie kommt immer freundlich rüber und engagiert – und ist hier unten auf der Suche nach dem Unique Selling Point der Marke Nibelungen, wie sie sagt, um das alles ein bisschen aufzupeppen und noch mal neu unter die Leute zu bringen.

Sagenladen wird Populismusmonster

Am Ende ist sie wohl die Schlimmste der Geschichte, flüstert Hagen von Tronje Höcke-Reden ein und transformiert den oll gewordenen Sagenladen in ein marktförmiges Populismusmonster. Doch AfD hin und „Denkmal der Schande“ her – das eigentlich Spannende an dieser Entwicklung ist tatsächlich ein schauspielerisches und damit Sofie Alice Millers Verdienst.

Der gelingt es nämlich mit Bravour, diesen postideologischen Menschentyp zu sezieren. Als junge Frau in Turnschuhen ist sie keine Femme fatale, aber auch keine asexuelle Schicksalsmacht. Sie weiß sehr genau, was sie will, und bleibt dabei doch stets flexibel. Und das Schlimmste ist, dass sie auf diese grässlich beliebige Art ja wirklich sehr viel umgänglicher ist als die verquarzten Alten mit ihren Fehden und der immer gleichen Sterberei.

Die Linke geht ab

Folgerichtig abserviert wird schließlich der kriegsinvalide Page Otto, den Erik Roßbander mit der ihm eigenen Mixtur aus Witz und Würde durch den Abend führt. Als Soldat ist er auf unzähligen Schlachtfeldern quer durch die Weltgeschichte für Führer, Volk und Vaterland krepiert: Immer mal wieder tot, dann immer wieder hier unten im Höllenjob – bis er aus Frust über den ewigen Germanenzank doch wieder kündigt und sich irgendwo aufs Neue abknallen lässt.

Otto verkörpert wohl so was wie eine klassisch linke Perspektive auf den Stoff. Dass Brecht-Enkelin Johanna Schall ihn einfach so verschwinden lässt, ist eine Provokation. Otto und die Linke finden nicht mehr statt, wo es auf sie ankäme.

Oder eben andersherum: Immerhin ist es bei aller Tragik doch auch sonderbar beruhigend, dass sie im populistisch aufgemotzten Nibelungen-Franchise keinen Platz mehr gefunden haben. So oder so hält „Der Nibelungen Wut“ mehr Fragen als Antworten parat – und das ist wirklich eine gute Nachricht.

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