Theater im TD Berlin: Im Magen des Schlunz
Kim de l’Horizons Theaterstück „Dann mach doch Limonade, Bitch“ lässt Birke, Zwergsepia, Zentaur und Knöterich um Körper, Kultur und Natur ringen.
Eine Birke von fast aristokratischer Eleganz geht ins Gartencenter und möchte einen Sack Erde kaufen. Doch der Erdenverkäufer redet und redet, doziert über Spezialerden, über Knabenkraut in allen Formen, über Substrate für dies und jenes – ein klassischer Fall von Mansplaining. Die Birke hört höflich zu, mit leicht gesenkten Augen, bis sie schließlich, ganz leise und unverrichteter Dinge, rückwärts von Dannen trippelt.
Christoph Rath als Birke und Gartencenterangestellter spricht – oder vielmehr: niest – ihren Dialog mit bewundernswerter Präzision und Tragik. Es ist einer jener Momente, in denen Kim de l’Horizons Sprache sofort ihre einzigartige Kraft entfaltet: kalauernd und hochpoetisch zugleich, ein Satzstrom ohne Satzzeichen, der mal galoppiert, mal stottert, mal rülpst, aber immer brennt.
Mit „Dann mach doch Limonade, Bitch“, der ersten Theaterarbeit seit dem preisgekrönten Roman „Blutbuch“, bringt Kim jenen wild verzweifelten, tief existenziellen Sprachrausch auf die Bühne. Regisseur Olivier Keller, dessen Inszenierung im März 2024 in Bern Premiere hatte, ist mit ihr nun im TD Berlin zu Gast. Im Publikum sitzen viele junge und sehr junge Leute – sympathische Berliner*innen mit bunten Klamotten und wilden Föhnfrisuren, von denen fast jede*r an anderen Stellen plötzlich in lautes Gelächter ausbricht.
Vier Spieler*innen verkörpern sechs Figuren: die erwähnte Birke, eine leuchtende Zwergsepia (Diego Valsecchi), die zugleich eine ausgelaugte polnische Pflegekraft sein will, einen unsichtbaren Zentauren mit trappelnden Füßen und Consultant-Sprech (Newa Grawit), einen strengen japanischen Staudenknöterich und Kim selbst (beide Silke Geertz) – sowie Kims Neffen, einen Jungen, der von fast allen mal verkörpert wird.
Unheimliche Stimme aus dem Off
Sie alle stecken im Magen eines rätselhaften Wesens fest. Vielleicht heißt es Schlunz. Vielleicht auch nicht. Sicher ist nur: Eine unheimliche Stimme aus dem Off spricht zu ihnen – oder zu uns – und scheint über allem zu stehen. Eine Mischung aus „Per Anhalter durch die Galaxis“ und der „Muppet Show“: kosmischer Unsinn, der jederzeit ins Bedrohliche kippen kann.
Wann? Kim de l’Horizons Stück läuft noch einmal am 14. und 15. März, beide Male um 20 Uhr.
Wo? Im TD Berlin, Klosterstraße 44, direkt am U-Bahnhof Klosterstraße.
Wie? Tickets unter https://td.berlin/
Auf der Bühne leuchtet eine Leiter wie ein Weihnachtsbaum in der Finsternis. Wer hinaus will aus diesem seltsamen Magenraum, muss hoch hinaus – so zumindest glauben die Figuren rasch zu verstehen. Und weil da Bühne und Publikum sind, muss das Ganze wohl eine Competition sein. Fußball, ein Kampf der Pollen gegen die Leuchtbakterien oder eine Tanzbattle sollen entscheiden. Das Ganze soll natürlich spiegeln, dass Gesellschaften zunehmend alles in Rankings, Sieger und Verlierer zerlegen, eine Beobachtung, die man allerdings schon oft gesehen, gehört und gelesen hat.
Wo das alles kurz etwas schwer gerät, hilft ein Blick auf die visuelle Fantasie dieser Inszenierung: Aus den goldenen Gedärmen des Schlunz wächst Dominik Steinmanns Bühne wie ein groteskes Organ, glitzernd und zugleich widerwärtig und klaustrophobisch. Dazu kommen die Kostüme von Tatjana Kautsch – voller vergnügtem Übermut. Etwa der unsichtbare Zentaur, der Leggings und Shirt mit Pferdeaufdrucken trägt, wie man sie aus Schreibwarenabteilungen für Dreizehnjährige kennt. Das Leben ist kein Ponyhof.
Und dann natürlich immer wieder die Figuren – ganz egal, ob sie sich gerade mal wieder bekriegen oder einander in den Armen liegen. Man schließt sie sofort ins Herz: die Birke, Pionierpflanze der Wälder und der Literatur, die nach Brand und Kahlschlag als erste wiederkommt – und zugleich eine weiblich gelesene Pflanze, die die Menschheit mit Pollen quält, ähnlich wie der männliche Mann seinen Samen in die Welt verstreut.
Dann die Zwergsepia, Meisterin der Symbiose, mit der sie sich tarnen kann; und der invasive Knöterich, der mit seinen unheimlich langen und tiefen Rhizomen selbst dicken Beton sprengt – in Großbritannien ist er so gefürchtet, dass Häuser mit Befall unverkäuflich werden, weil Banken keine Hypotheken mehr darauf geben. Vielleicht ist er doch nicht der böse Neophyt, sondern die perfekte Pflanze, diese geplagte Welt wieder zu begrünen?
All diese fantastischen Wesen ringen um etwas sehr Menschliches: um die Frage, was das überhaupt ist, dieser Körper, in dem wir stecken, ob wir zu ihm gehören oder nur in ihm wohnen – und wer entscheidet, wo Natur, Kultur und Kontrolle beginnen. Kims Sprache trägt diese Fragen mit einer erstaunlichen Leichtigkeit. Sie ist witzig, experimentell, manchmal kalauernd, dann wieder plötzlich von großer lyrischer Schönheit.
Am Ende des Stücks bemerkt der unsichtbare Zentaur mit seinem verballhornten Consultant-Sprech („Entsorrygung“) übrigens den Pferdefuß der Geschichte. Seine eigenen Pferdefüße nämlich – mit denen er die Leiter gar nicht erklimmen kann, es sei denn, er schnitte sie ab. Da ergibt in diesem durch und durch berührenden Stück plötzlich selbst der manchmal etwas ermüdende Wettkampfplot großen Sinn.
Als dann aus den Gedärmen des Monsters plötzlich lauter Pferdefüße aufragen, die trotzig auf ihrer Schönheit bestehen – und sei es bis in den Tod –, verwandelt sich doch auch die ganze Competition noch einmal in ein Bild von großer, grotesker Traurigkeit.
Hinweis in eigener Sache: Die Autorin ist persönlich mit einigen der am Stück beteiligten Künstler*innen befreundet.
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