„Tatort“ aus Köln: Über waidwunde Typen

Der Kommissar leidet an einer Fata Morgana. Die Küchentischpsychologie wird dem Thema psychische Krankheit nicht gerecht.

ein Mann mit Pistole hockt auf dem Boden, ein anderer hält ihn an der Schulter

Auf dem Schießstand bricht Kommissar Ballauf zusammen, weil er ein Trauma nicht verarbeitet hat Foto: Thomas Kost/WDR

Ein Ermittler, der sich schnell ins Bad rettet, um sich zu übergeben, als er die aktuelle Leiche samt Schusswunden sieht. Dann vor Erschöpfung im Schlafzimmer des Opfers einpennt. Und das nach 23 Jahren TV-Dienst. Ja, in der Tat: Mit Kommissar Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) stimmt etwas nicht.

Das liegt an einer alten Kölner „Tatort“-Folge von Pfingsten 2019 („Kaputt“ steht bis 27. 6. in der ARD-Mediathek). Ballauf hatte damals eine Streifenpolizistin erschossen, die ihm jetzt als Fata Morgana erscheint. Im Schwimmbad in der Umkleide. Auf dem Schießstand. Bis er zusammenbricht. (Randnotiz: Anna Brüggemann ist sogar als stummer Geist eine Erscheinung.)

Mal so in Nicht-TV-Realität gerechnet: Jetzt, knapp ein Jahr später, wird’s so langsam mal Zeit, sich drum zu kümmern. Vorbildfunktion, Ballauf, Vorbildfunktion!

Damit hat der aktuelle Tatort „Gefangen“ aus Köln sein Thema – und seinen Klumpfuß. Der schwer leidende Ballauf zieht die Aufmerksamkeit auf sich wie Motten das Licht, Freddy Schenk (Dietmar Bär) rumpelt dazwischen, wiegelt ab, sein Partner solle sich mal bitteschön nicht so anstellen.

Eine betuliche Geschichte

Dass diese Konstellation die Folge schwergängig macht, liegt auch am Fall selbst: Eine junge Frau (wirklich beeindruckend lässig: Frida-Lovisa Hamann) ist in einer psychiatrischen Klinik, geschlossene Abteilung, ihr Baby ist bei ihrer Schwester samt Schwager untergekommen. Dann wird der Chefarzt erschossen. Kurz vorher hat er ebenjenen Schwager angerufen. Und weil Ballauf emotional so angeschlagen ist und Küchentischpsychologie so doll als Storygrundlage taugt, sympathisiert er – logo – mit der Frau, die so jung und blond ist wie die, die er erschossen hat.

Ja, natürlich kann man sagen, das Drehbuch von Christoph Wortberg (für „Lindenstraßen“-Trauernde: „Frank Dressler“) ist relevant wegen des Bayerischen Psychisch-Kranken-Hil­fe-­Gesetzes. Oder weil hier wieder – Mini-Spoiler – Männer entscheiden, dass eine Frau „krank“ ist und weggesperrt gehört. Und sicher, man kann sich freuen, dass die Erzählstrategie hier mal wieder ein für Sonntagabendkrimis rares Verwirrspiel aufmacht. Oder darüber, dass Regisseurin Isa Prahl so gelassen ist, möglichst viel im Dämmer zu inszenieren (wie in ihrem Kinofilm „1000 Arten, Regen zu beschreiben“).

Der Köln-„Tatort“ „Gefangen“ läuft am So., 17. Mai 2020 um 20.15 Uhr im Ersten.

Aber: puh. Denn was bleibt, ist nur eine betuliche Geschichte über einen waidwunden Typen. Kauft man hier weder Behrendt noch Ballauf ab. Und dafür lohnt’s sich dann echt nicht.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben