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Taktik mit Nadelstichen

Kunst Symbolisch und konkret haben viele Hände zur Ausstellung „It will be!“ von Mathilde ter Heijne im Haus am Lützowplatz beigetragen. Ein Austausch von Fertigkeiten, Wünschen und Visionen

von Annika Glunz

„It will be“ – es wird sein! Das Haus am Lützowplatz verspricht mit dieser Ausstellung einiges an Gewissheit und Entschlossenheit. Die braucht es auch, wenn man sich wie die niederländische Künstlerin Mathilde ter Heijne vornimmt, sich selbst und die eigene Wahrnehmung der Realität zu hinterfragen, sie in ihre Bestandteile zu zerlegen und im Sinne der Vision einer offenen Gesellschaft wieder neu zusammenzusetzen – und zwar kollektiv und in einem Prozess des gegenseitigen Austauschs.

2014 hat Mathilde ter Heijne, ein partizipatives Projekt ins Leben gerufen, in dem Frauen unterschiedlichster soziokultureller und politischer Hintergründe an verschiedenen Orten über das gemeinsame Nähen in einen Austausch traten über ihre gegenwärtigen Lebensrealitäten, vor allem aber auch über ihre Wünsche und Visionen.

Konkret bedeutete das, dass NäherInnen- und MigrantInnengruppen in Freiburg, Hamburg und Berlin zunächst einmal jeweils einzelne, dreieckige Elemente entwarfen. Jedes der Elemente besteht aus einer Vorder- und einer Rückseite, wobei eine Seite eher einen handwerklichen Fokus hat und mit floralen Motiven bestickt ist, und die andere Seite eindeutige Appelle, Wünsche oder Sehnsüchte offenbart. Die einzelnen Dreiecke wurden zu einem Gesamtobjekt zusammengesetzt, das beliebig erweiterbar und somit nie ganz abgeschlossen ist.

Diese sogenannte soziale Skulptur füllt mittlerweile drei Räume der kleinen Stadtvilla „Haus am Lützowplatz“. Die Ausstellung zeigt zentrale Anliegen auf, die sich wie ein roter Faden durch nahezu alle Arbeiten ter Heijnes ziehen: Es geht der Künstlerin, die in Kassel an der Kunsthochschule lehrt, oft darum, meist unbewusst auf die Menschen einwirkende gesellschaftliche Machtstrukturen und Realitätsvorstellungen zunächst einmal zu „enttarnen“ und aufzuzeigen. In einem nächsten Schritt fragt sie nach den Möglichkeiten der Veränderung dessen, was „Normalität“ oder „Realität“ sein soll. Besonderen Fokus legt die Künstlerin hierbei auf die Kategorie „Geschlecht“ als gesellschaftliche Markierung, die maßgeblich an Hierarchisierungsprozessen beteiligt ist. Auch „It will be!“ soll einen Beitrag zur Dekonstruktion dieser Kategorien leisten, indem die Frauen kollektiv an der Auflösung dieser und anderer festgefahrener Strukturen arbeiteten.

Was im gedanklichen Überbau zunächst einmal sehr theoretisch und starr klingen mag, war in der praktischen Umsetzung durch das Nähen jedoch eine zutiefst sinnliche Arbeit. Sie verleiht zugleich Menschen Sichtbarkeit, die sonst kaum oder gar nicht im musealen Raum präsent sind.

Etwas irritierend wirkt beim Besuch der Ausstellung die im Hintergrund laufende Popmusik. Zwei Songs wechseln sich in Endlosschleife ab. Als Quelle dieser Musik lässt sich beim Weitergehen eine Karaoke-Anlage ausfindig machen: BesucherInnen sind hier eingeladen, selbst einen der – übrigens emanzipatorischen – Popsongs ins Mikrofon zu trällern. Thema hier wie auch bei der Gestaltung der Rauminstallation: Selbstermächtigung und Partizipation.

Imaginationskraft gefragt

Zwei Songs wechseln sich ab in der Karaoke-Anlage. BesucherInnen sind einge­laden, einen der – übrigens emanzipatorischen – Popsongs ins Mikrofon zu trällern. Auch hier Selbstermächtigung und Partizipation

Ter Heijne hat es mit ihrem Projekt geschafft, über den Weg des Nähens Brücken zu schlagen zwischen Menschen unterschiedlichster soziokultureller Hintergründe. Jedoch: Der Ort, an dem sich das Produkt dieser Arbeit besichtigen lässt, scheint zu klein; die Skulptur wirkt etwas eingeengt zwischen den Wänden.

Zudem offenbart sich beim Besuch nur ein Bruchteil des Prozesses, der hier einmal zwischen den NäherInnen stattgefunden haben muss; es bedarf großer Imagination auf BesucherInnenseite, um diesem Prozess nahezukommen. Haben die Frauen beim Nähen zusammen gelacht, geweint, gesungen? Gab es Auseinandersetzungen oder sogar Streit, und, wenn ja, wo lagen die Konflikte? Antworten auf diese Fragen bleiben den BesucherInnen der Ausstellung verborgen.

Und dennoch: Mathilde ter Heijne setzt hier ein Zeichen gegen die Ohnmacht angesichts vorherrschender, oft unveränderbar erscheinender festgefahrener Strukturen und für die Möglichkeit der kollektiven Umsetzung der Vision einer offenen Gesellschaft.

Haus am Lützowplatz, bis 5. Juni, Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 11–18 Uhr

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