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Tagebuch aus der UkraineDas Wunder muss wieder nach Donezk fahren

Die Eisenbahn leistet mehr als nur Güter- und Personentransport. Sie symbolisiert, dass ein Land und seine Städte leben. Die Ukraine braucht Züge.

Zerstörte Züge im Bahnhof der ukrainischen Stadt Fastiv, Dezember 2025 Foto: Imago/ABAGAPRESS

Vor etwa 150 Jahren war die Eisenbahn noch ein Wunder. Sie war eine riesige Metallmaschine, die durch die Dunkelheit raste, Städte verband und müde Reisende beförderte. Wärme, Licht, Elektrizität gab es plötzlich überall und fast jederzeit. Wenn die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts ein erkennbares Symbol braucht, dann soll es die Dampflok sein.

Meine Heimatstadt in der Ostukraine ist aus einem Bahnhof entstanden. Das ganze Leben meiner Familie verlief unter dem Pfeifen von Lokomotiven und dem Gemurmel von Bahnhöfen. Als ich klein war, bedeutete für die Erwachsenen die Eisenbahn so etwas wie Stabilität. Dort wurden die Gehälter auch dann noch gezahlt, wenn die Ärzte und Lehrer leer ausgingen. Meine Großmutter fuhr mit der Bahn in die Nachbarstadt, um Brot zu kaufen, weil es da billiger war.

In gewisser Weise sind Eisenbahnen die Adern und Arterien der Wirtschaft, des Lebens und der Zivilisation insgesamt.

Die Eisenbahngesellschaft hat im vergangenen Herbst den Zugverkehr in die Region Donezk eingestellt

Als man im Donbass mit dem Abbau von Kohle begann, musste diese irgendwie transportiert werden – es wurden Gleise verlegt, Bahnhöfe gebaut und um sie herum entstanden Städte. All dies hat in der Region Donezk faktisch ein Ende gefunden.



Wenn die Bahn zu unsicher wird

Die staatliche ukrainische Eisenbahngesellschaft Ukrzaliznytsia hat im vergangenen Herbst den Zugverkehr in die Region Donezk eingestellt. Der Grund dafür ist einfach und verständlich: Niemand kann mehr die Sicherheit der Fahrgäste garantieren.

Jetzt gibt es nur noch Straßenverbindungen in andere Regionen der Ukraine. Oft handelt es sich dabei allerdings um halbzerstörte Straßen, die gesäumt sind von Holzpfählen, über die kilometerlang Leitungen geführt werden.

Dies ist im Grunde die einzige Möglichkeit, sich gegen die allgegenwärtigen russischen Drohnen zu schützen. 

Für die Einheimischen bedeutet das nichts Gutes. Zuerst funktioniert die Eisenbahn nicht mehr, dann schließen Cafés und Geschäfte, die Polizei und die Behörden verschwinden aus der Stadt.

Kurz nach der Einstellung des Zugverkehrs in der Region Donezk wurde die letzte Kohlemine in Beloserskoje stillgelegt, die Straßenbahn in Druzhkivka stellte ihren Betrieb ein, und die Post in Svyatogorsk wurde geschlossen.

Immerhin, die Anzeigentafel macht Hoffnung

Nichts ist mehr übrig. Nur graue Häuserruinen, in denen mit der Zeit Zivilisten begraben werden. Denn es ist irgendwann nicht mehr sinnvoll und möglich, die Toten zum Friedhof zu bringen.

Manchmal verkehren die Züge. Das vermittelt ein wenig Optimismus. Im Frühjahr 2022, nachdem am Bahnhof von Kramatorsk durch einen russischen Raketenangriff 61 Menschen ums Leben gekommen waren, war der Zugverkehr für die Dauer von sechs Monaten eingestellt worden. Danach kehrten die Züge langsam zurück. Es bleibt also Hoffnung.

Am Hauptbahnhof von Kyjiw gibt es eine symbolische Anzeigetafel für Züge „Kyjiw–Sewastopol“ oder „Kyjiw–Donezk“. Das sieht aus wie ein Denkmal für naiven Optimismus, aber als Symbol ist es perfekt: Dort, wo der Zug hinfährt, gibt es Leben.

Vasili Makarenko ist freier Autor aus Kyjiw und war Teilnehmer eines Osteuropa-Workshops der taz Panter Stiftung.

Aus dem Russischen von Tigran Petrosyan.

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