Stipendium fürs Nichtstun: Oblomow in Hamburg

Eine Kunsthochschule lobt Geld für Untätigkeit aus. Dabei wird in der Ausschreibung eine gewisse begriffliche Unschärfe offenbar.

Ein Mann in Nachthemd liegt auf einer Couch und stützt sich den Kopf.

Der Schauspieler Oleg Tabakow als Ilja Oblomow in einem Film von Nikita Michalkow Foto: Mosfilm/imago images

1.600 Euro, einfach so fürs Nichtstun. Das klingt doch erst mal ganz gut. Eine Art einmaliges bedingungsloses Grundeinkommen für drei Künst­le­r*in­nen, die sich im Bewerbungsverfahren der Hochschule für bildende Künste in Hamburg durchsetzen können. Das Sig­nal­wort ist „durchsetzen“, denn ganz so bedingungslos ist das Stipendium dann doch nicht.

Begründen sollen die As­pi­ran­t*in­nen ihr Nichtstun, eingebettet in den Kontext des Projekts „Schule der Folgenlosigkeit“. Dessen Ziel ist es, Alternativen zur abgegriffenen Nachhaltigkeitsbeschwörung zu entwickeln. Konsum und Kapitalismus will man kritisch gegenüberstellen, und zwar durchs Nichtstun. Oder die Folgenlosigkeit. Oder beides, wie auch immer das gehen soll.

Dass Nichtstun quasi synonym für Folgenlosigkeit steht, offenbart eine seltsam entrückte Weltsicht. Natürlich müssen Menschen sich mit der Folgenlosigkeit ihres Daseins abfinden können. Lernen, auch ohne unmittelbaren Zweck ihr Leben zu meistern.

Der Antrieb jedoch, Spuren zu hinterlassen, auch wenn diese schnell von den Wellen der Zeit aus dem Sand gewaschen werden, macht uns doch erst zu Menschen. Die Beziehung zu anderen, die Beschäftigung mit Ideen, mit den kleinen und großen Dingen der Welt, eröffnen erst die Möglichkeit, sie zum Besseren zu verändern. Nichts zu tun, ist keine Kritik an den Verhältnissen, sondern die Kapitulation vor ihnen. Eine Kapitulation, die außerdem gerade nicht folgenlos bleibt.

Oblomow, der prototypische Nichtstuer der russischen Literatur, verweigert jegliches Engagement in seiner Umwelt und zerstört so alles: Vermögen, soziale Bindungen und Leben, am Ende sein eigenes.

Gewiss ist eine Distanz zum permanenten Leistungsdruck begrüßenswert. Natürlich ist der Müßiggang unbezahlbarer Treibstoff für ein selbstbestimmtes Leben. Und selbstverständlich können Künstler*innen nie genug Geld haben, ihnen seien die 1.600 Euro also von Herzen gegönnt. Jedoch stellt sich die Frage, ob sich die Hochschule der Widersprüchlichkeit der Aufgabenstellung bewusst ist. Eine Leistungsschau, ein Wettbewerb zum Erwerb des „Oblomow“-Stipendiums, das mit einem Bericht über die Resultate (!) des Nichtstuns abzuschließen ist? Da legst di’ nieder, wie man weiter südlich zu sagen pflegt.

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