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Stil, Fiasko und Abstimmungsfehler

Die Art des Ausscheidens der DFB-Elf bei der Fußball-WM der Männer stürzt nicht nur eine Sportart in die Krise, sondern gleich das ganze Land

Von Harry Nutt

Schmerz ist kein Medium der Erkenntnis. Vielmehr sei er, so der Anthropologe Hans Peter Dreitzel „pures Dagegensein, rein immerwährender Krieg“. Erst wenn der Schmerz nachlässt, finden wir charakterisierende Beschreibungen wie bohrend, klopfend, stechend, reißend, schneidend, ziehend, brennend, nagend, glühend etc.

In diesem Sinne muss man wohl auch das Gerede nach dem unrühmlichen Ausscheiden der DFB-Elf bei der Weltmeisterschaft der Männer in Kanada, USA und Mexiko als ein Ringen um Worte verstehen – Versuche, den eigenen Empfindungen Ausdruck, Sinn und Bedeutung zu verleihen. Weil die Zeiten nicht rosig sind, fielen leider manche der nachgereichten Erklärungen dürftig aus. Niederlagenprosa.

Nicht wenige haben dabei den Begriff vom Rumpelfußball aufgewärmt, der, so glauben Sportetymologen zu wissen, zuerst von „Kaiser“ Franz Beckenbauer in Umlauf gebracht worden sei. Als sogenannter Experte hatte der ehemalige Spieler und Trainer in einer Kolumne zum Scheitern der deutschen Mannschaft bei der EM im Jahr 2000 deren glanzloses Spiel kritisiert. Gegen England und Portugal unterlag die deutsche Mannschaft damals, gegen Rumänien wurde ein klägliches Unentschieden erkämpft.

Höhnische Klage

Über das sportliche Scheitern hinaus ist Rumpelfußball ein abwertender Begriff, der das Fehlen von Schönheit und Eleganz moniert und höhnisch den ausbleibenden Erfolg beklagt. Dabei scheint Rumpelfußball eher eine defätistische Beschreibung des Moments zu sein.

Blickt man auf die einzelnen Akteure, die ihn Anfang des Jahrtausends unter dem glücklosen Trainer Erich Ribbeck hervorgebracht haben sollen, so stehen Namen wie Kahn, Matthäus, Ballack und Hamann für eine weithin anerkannte Spielkultur. Wer Rumpelfußball sagt, ist denn wohl auch um die Abwehr des Eingeständnisses bemüht, mit den enttäuschten Erwartungen nicht recht umgehen zu können. Die Schlauschlau-Analyse als Psychotherapie.

Die Absurdität der WM-Niederlage im Sechzehntelfinale gegen Paraguay Dienstagnacht schien denn auch darin zu bestehen, dass jegliche zwischenzeitlich aufkeimende Hoffnung aufs Abwenden einer schicksalshaften Niederlage – der Ausgleich, ein vermeintlicher Führungstreffer, das Aufbäumen beim Elfmeterschießen – durch das Spielgeschehen auf comichafte Weise zunichtegemacht wurde.

Kommunikative Panne

Die DFB-Truppe bot sich gewissermaßen als Prügelknabe für eine Art nationalen Fatalismus an, der auf kuriose Weise in einer fehlgeleiteten Botschaft von CDU-Bundeskanzler Friedrich Merz auf die Spitze getrieben wurde. „Was für ein Spiel!“ Selbst Durchhalteparolen und Zuspruch geraten zur kommunikativen Panne einer missglückten Digitalisierung.

Es habe Abstimmungsfehler gegeben, hieß es zwei Tage nach dem Spiel aus dem Kanzleramt. Auf dem Platz führen Abstimmungsfehler meist binnen Sekunden zum Fiasko. Im beliebten Gesellschaftsspiel der Analogiebildungen zwischen Fußball und Politik erscheinen Bundestrainer Julian Nagelsmann und Bundeskanzler Friedrich Merz nun als tragische Figuren, die ihre Stärken in der Analyse nicht so recht durchgecoacht bekommen.

Vielleicht hilft zur Bewältigung der Leiden ein Lied des US-Songwriter James Taylor, der in „Secret of Life“ lebensklug reimt, dass niemand weiß, wie wir nach oben gekommen sind, weshalb man es demütig genießen solle, wenn es abwärts geht: „And since we’re only here for a while / Might as well show some style“. Könnte das Bemühen um Stil nicht ein schönes Gebot der Stunde abgeben?

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