: Sternstunden der Inhaltslosigkeit
KitschKrieg, Shirin David und Konsorten. Die deutsche Musikindustrie setzt dem Aufstieg der AfD hohle Selbstoptimierung entgegen. Wollen wir diesem Genöle noch lange zuhören? Ein Rant
Von Johanna Schmidt
Vor einigen Wochen tauchten in meinem Viertel Aufkleber mit dem Slogan „Du bist gut genug“ auf. Sie prangten so ziemlich überall, und daher dachte ich erst, dass sich eine hippieske Person an Ampelmasten und Straßenschildern ausagiert hat.
Irgendwann stand ich dann an einer Straßenecke und bemerkte, dass diejenigen, die „Gut genug“ stickern, die ungeschriebenen Gesetze des Stickerns ignorieren. Man überklebt nämlich nur dann andere Aufkleber, wenn man deren Aussage nicht teilt, etwa, wenn Anhänger:innen des Fußballstadtrivalen sich verewigen, oder wenn Sticker auf Termine hinweisen, die bereits in der Vergangenheit liegen.
Mir fiel das auch nur auf, weil an der Ampel immer wieder Sticker von den vermeintlichen Hippies überklebt wurden. Und so witterte ich nach einigen Tagen Klebebattle, dass es sich hier um Marketing in großem Stil handelt, und befragte das Internet. Es stellte sich dann schnell heraus: Für „Gut genug“ wird richtig Geld in die Hand genommen, und zwar nur, um einen einzigen Song zu bewerben. Und das muss man wohl auch tun, denn so schlimm der Songtext von „Gut genug“ ist, musikalisch klingt er noch schlichter.
Zusammengetan haben sich für den Marketing-Coup die drei deutschen Künstler:innen KitschKrieg, Blumengarten und Shirin David. Online lässt sich dieser Mesalliance noch schlechter entkommen. Nachdem Letztere im Sommer unseres Missvergnügens 2024 bei ihrer Selbstoptimierungsarie „Bauch, Beine, Po“ schon „Geh ins Gymmie, werde skinny“ reimte, kann sie nun verkünden: „Du bist gut genug.“ Unklar, ob das nur für die gilt, die skinny sind, oder auch für alle anderen. Davon ganz abgesehen: Gut genug für was? Und in welchen Verhältnissen?
Jeder Tag wie fünf vor Apokalypse
In dem Buch „Als die Welt noch unterging“ beschreibt der Autor Frank „Apunkt“ Schneider, welche enorme Wirkung das atomare Wettrüsten auf die popkulturellen Erzeugnisse der 1970er und 1980er Jahre hatte, und zählt Perlen des Punk und New Wave auf, die darauf Bezug nahmen. Das drohende Armageddon bescherte uns damals immerhin zeitgemäß nihilistische Musik, aber alles, was wir heute bekommen, ist KitschKrieg. Zwar fühlt sich schon seit einigen Jahren jeder Tag wie fünf vor Apokalypse an. Die Turbulenzen haben aber gezeigt, dass die Welt eben nicht untergeht, sondern jeden Tag ein bisschen beschissener wird.
Was bleibt dann gesamtgesellschaftlich anderes übrig, als der Rückzug ins Private? Und so wird die Promotion für KitschKrieg mit den Waffen der kompletten Entkopplung zwischen Individuum und den politischen Verhältnissen, von denen es umgeben ist, geführt. Ökonomisch wird das mit den Mitteln der kompletten Verblödung (Marketing) geleistet, das einem die egalsten Mantras so oft ins Gesicht haut, bis man glaubt, sie würden irgendetwas bedeuten.
„Selflovecore“ war ursprünglich mal der Genrebegriff, den ich dieser Musik, die gleichzeitig auch ihr eigenes Marketing ist, für diesen Text geben wollte. Aber dann kam Juse Ju mit seinem neuen Song „EGALMUSIK“ ums Eck und der Titel beschreibt den Zustand noch viel besser. „F**k deine Egalmusik / Doch das heißt nicht, mach jetzt bitte was zu Klimawandel, Politik, Iran und Krieg“, rappt er darin.
Forderung nach politischer Positionierung
Abgebildet wird in diesen Zeilen, welches Problem aus der permanenten Forderung an Musiker:innen nach politischer Positionierung hervorgeht. Wenn Musikjournalist:innen ständig fragen: „Muss Musik politisch sein?“ und „Müssen Musiker:innen sich politisch positionieren?“, dann ist in der Frage die Antwort so implizit, wie bei Talkshows, die mit Titeln wie „Haben wir in Deutschland ein Flüchtlingsproblem?“ auf Sendung gehen.
In einer Welt, in der die Maxime „du bist, was du isst“ gilt, ist man eben zwangsläufig auch das, was man hört. So wird die politische Positionierung des Künstlers zum Kaufargument und entbindet die Konsument:innen, die dem Warenfetisch voll und ganz verfallen sind, gleichzeitig auch noch von einer eigens angestrengten Auseinandersetzung.
Wobei es durchaus auch die Art von Musiker:innen gibt, von denen kein inhaltliches Statement erwartet wird. Leider sind es genau die, von denen es dann kommt. Oder hat in letzter Zeit mal jemand um Morrisseys Meinung zum Thema Migration gebeten oder Xavier Naidoo zum Thema Impfungen befragt? Unwahrscheinlich. Äußern sollen sich die, deren Weltanschauung sowieso ungefähr auch die vermutet eigene ist.
Vor einem Jahr gewann Zartmann, der unter anderem durch Egalmusik-Hits wie „Tau mich auf“ bekannt wurde, den Bambi als „Musikact des Jahres“. „Ich will noch eine Sache sagen: Fick die AfD. Fick rechtspopulistische Scheiße!“, verlautbarte der Rapper in seiner Dankesrede. Vorgetragen wurde sie mit ausgestrecktem Mittelfinger, weil diese Haltung rebellisch und glaubwürdig wirkt. Außerdem lässt sich so eine Geste noch durch den Algorithmusfleischwolf drehen und zweitverwerten.
Dabei hat jemand, der so was sagt, eigentlich noch gar nichts gesagt. Und hätte vielleicht auch besser geschwiegen. Denn wer „AfD ist scheiße“ sagt, sollte auch in der Lage sein, benennen zu können, dass politische Maßnahmen wie Grenzschließungen, die seit Langem von der AfD gefordert werden, mittlerweile von anderen Parteien umgesetzt werden.
Der sollte Medien für deren Umgang mit rechten und rechtsextremen Positionen kritisieren können. Dann beispielsweise, wenn diese rechte Kampfbegriffe wie „Remigration“ einfach übernehmen, aber bei dem Wort „Umverteilung“ schon den Kommunismus wittern.
Aber eingehegt zwischen Marketing und Management sollen bloß alle A sagen, aber bitte niemand B. Denn B könnte eine potenzielle Hörerschaft abschrecken. Man darf sich also auf Hits wie „Klimaanlage“, „Wenn die Miete zu teuer ist, dann ziehen wir auf’s Land“ oder „Das ist normal und niemand kann was dafür“ freuen. Unendlich viele weitere Sternstunden der Inhaltslosigkeit sind vorprogrammiert. Oder, wie Shirin David sagen würde: „Glaub mir, Boy, schwer wiegt das Haupt, das die Birkin trägt.“
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen