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StadtgesprächFelix Wellisch aus Tel AvivNach dem Vorfall in der Flydubai-Maschine ziehen viele Israelis Parallelen zum Behördenversagen am 7. Oktober. Politiker hingegen machen damit Wahlkampf

Beinahe hätte die israelische Bevölkerung kurz vor dem dritten Jahrestag des Hamas-Überfalls am 7. Oktober einen neuen Terroranschlag verkraften müssen – und nicht wenige im Land ziehen nun Parallelen. Die einen feiern den Mut der israelischen Passagiere, die den Angreifer stoppen konnten. Die anderen fragen, wieso es drei Jahre nach dem totalen Versagen der israelischen Sicherheitsbehörden erneut Zivilisten sind, die das Schlimmste verhindert haben.

Eine Woche nachdem der omanische Co-Pilot Hamam al-­Hammami seinen indischen Kollegen Smit Machchhar im Cockpit offenbar mit einem Notfallbeil angegriffen hatte, tobt im aufgeheizten israelischen Wahlkampf der Streit da­rü­ber, wie es so weit kommen konnte. Wie vor drei Jahren steht das vermeintlich engmaschige israelische Sicherheitssystem im Fokus. Denn al-Hammami war kein Unbekannter. Der 29-Jährige soll zwischen 2018 und 2025 bei Oman Air gearbeitet haben, bevor er aus Sorge vor seinen extremistischen Einstellungen Flugverbot bekam. Bisher ist unklar, wieso er trotz dieses Hintergrunds von ­Flydubai eingestellt wurde.

In der Kritik steht besonders die israelische ­Transportministerin Miri Regev. Obwohl Israel von ausländischen Fluggesellschaften vor­ab Passagier- und Crewlisten erhalten soll, fiel al-Hammamis Vorgeschichte dort offenbar niemandem auf. Regev weist jede Verantwortung zurück, ganz im Stil ihres Regierungschefs Benjamin Netanjahu, der bis heute jede Verantwortung für den 7. Oktober ablehnt. Sie sieht die Zuständigkeit bei den Geheimdiensten. Im Raum steht aber auch die Frage, weshalb offenbar niemand in der amtierenden Regierung der Warnung der staatlichen ­Aufsichtsbehörde nachgekommen ist, die bereits 2024 vor ­Schwachstellen in der Überwachung der zivilen Luftfahrt nach Israel gewarnt hatte.

„Ich sehe darin die zunehmende Unprofessionalität in den Ministerien, in denen Stellen meinem Eindruck nach vor allem nach politischer Loyalität besetzt werden“, sagt ein Mitarbeiter einer israelischen NGO, der anonym bleiben möchte. Er berate israelische Behörden und Ministerien. „Das Maß an Inkompetenz ist erschreckend.“

Kurz vor der israelischen Parlamentswahl Ende Oktober, die viele Oppositionelle als Schicksalswahl sehen, versuchen alle Seiten, den Anschlagsversuch politisch für sich zu nutzen. Netanjahu ließ sich noch am Abend des Vorfalls in der Maschine mit den überlebenden Passagieren fotografieren.

Sein wichtigster Herausforderer Gadi Eisenkot hingegen zog Parallelen zum Verhalten der Regierung nach dem 7. Oktober: „Eine deutliche Linie verbindet damals und heute, eine Kultur der Lügen, der Vertuschungen und der Abwehr von Verantwortung“, sagte er. Die Aufarbeitung des knapp verhinderten Terroranschlags versinkt damit in den Grabenkämpfen der israelischen Parteipolitik.

Bestätigt sehen sich viele Israelis indes, dass die Bedrohung von Juden und Israelis weltweit nicht ernst genug genommen werde. „Wie kann es sein, dass wir es offensichtlich mit einem versuchten Anschlag auf 160 Israelis zu tun haben, für den es Zeugenaussagen, Videos und Flug­daten über den Beinahe­absturz gibt, und weltweit ziehen Menschen noch am selben Tag in Zweifel, dass das überhaupt so passiert ist?“, fragt die 33-jährige Shir auf dem Mahane-­Yehuda-Markt in Jerusalem gegenüber der taz.

Andere sind nach drei Jahren Krieg schlicht erschöpft: „Vor ein paar Jahren hätte mich so ein Fall Monate beschäftigt“, sagt der 37-jährige Ofer in einem Café in Tel Aviv. „Heute verdrängt ein Fall den nächsten: die Korruptionsermittlungen gegen Netanjahus Büro, die stille israelische Besatzung in Libanon, Syrien und Gaza, über die kaum noch jemand spricht, die täglichen Angriffe von Siedlern im Westjordanland und vielleicht morgen der nächste Angriff auf Iran. Ich fühle dazu einfach nichts mehr.“