piwik no script img

Stadtgespräch„Alles Banditen“

Die Reprivatisierung von Immobilien in Warschau bringt die Mieter der Häuser mächtig in RagE

Gabriele Lesser aus Warschau

Der Slalom um die Warschauer Pfützen verlangt die ganze Aufmerksamkeit der alten Frau. „Dzień dobry, Pani Basia“, begrüßt sie die Kioskbesitzerin. „Der Sommer fängt ja gut an – Regen, Regen, Regen“, beginnt sie das Gespräch. Doch Pani Basia hat keine Lust auf Smalltalk übers Wetter. „Die Zeitungen sind heute voll mit der Reprivatisierung. Gazeta Wyborcza, Rzeczpospolita, Fakt und Superexpress. Wollen Sie alle?“ Die alte Frau nickt: „Ich weiß, gestern hat sich die Reprivatisierungskommission mit der Schule an der Twarda-Straße beschäftigt.“

Ein Taxifahrer, der sich auch seine Tageslektüre holen will, deutet auf drei Blätter und drückt Pani Basia schon das abgezählte Geld in die Hand: „Die da oben“, sagt er, „das sind doch alles Banditen, egal ob Kommunisten oder Kapitalisten. Die betrügen uns kleine Leute doch immer!“ Auf einer Titelseite prangt groß das Bild der Twarda-Schule. „Das ist wieder so ein Beispiel. Wieso untersucht die Kommission als Erstes, ob bei der Schule alles mit rechten Dingen zugegangen ist? Hier in der Narbutt-Straße sollen die Leute aus ihren Wohnungen geschmissen werden!“

Anfang der 90er Jahre begannen in Polen Gerichte damit, Klagen von Alteigentümern auf Rückgabe ihrer verstaatlichten Immobilien stattzugeben und die Kommunen zu Entschädigungen zu verdonnern. In Warschau überprüft seit einer Woche eine von der Regierung eingesetzte Kommission die bisherige Rückgabe von rund 2.000 Immobilien. Mit dem sogenannten Bierut-Dekret wurde 1945 der gesamte Privatgrundbesitz in Warschau verstaatlicht. Dies sollte den Wiederaufbau erleichtern. Die Stadtverwaltung konnte dann obdachlosen Warschauern Zimmer oder Wohnungen in nicht zerstörten Häusern zuteilen. Das große Eckhaus an der Asfaltowa-Straße erhielt die Politechnika für ihre Professoren. Auch nach der politischen Wende 1989 blieben die Mieten niedrig. Viele kauften ihre Wohnungen, doch der in dem Haus geborene Staatsanwalt Wojciech Kotowski erkrankte. Jetzt – nach der Rückgabe des Hauses an die Erben und dem Verkauf an einen Anwalt – soll er plötzlich die vierfache Miete zahlen oder ausziehen. Alle in Mokotow kennen ihn. „Wissen Sie, ob der alte Kotowski mit seiner Klage Erfolg hatte?“, fragt ein anderer Kunde Pania Basia. Seit das Fernsehen berichtete, gilt der Rentner in seinem Stadtteil als Held.

Ebenfalls zweifelhaft lief es in der Narbutt-Straße 60, direkt hinter dem Kiosk. Der Taxifahrer weiß Bescheid: „Banditen!“, stößt er zwischen den Zähnen hervor. „Den angeblichen Verkauf des Grundstücks hat nach dem Krieg ein Notar beglaubigt, der gar kein Notar war. Damit ist das Dokument ungültig!“ Außerdem hätten Käufer und Verkäufer sich damals mit Kennkarten der Nazibesatzung ausgewiesen, nicht aber mit ihren Papieren aus der Vorkriegszeit. Die Klage der Mieter ließ die Staatsanwaltschaft nicht zu. „Das stinkt doch alles zum Himmel!“

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen