Stadtgespräch Katharina Wojczenko aus Bogotá: In Bogotá können Menschen kostenlos Fahrrad fahren lernen. Zu Besuch in einer Radschule, die sogar das Antlitz eines Parks verändert hat
Daniel hält den Lenker des roten Fahrrads und stößt sich mit den Füßen ab. An den Plastikhütchen entlang, den anderen Kindern und dem Mann mit dem breiten Sonnenhut hinterher. Die Pedale sind abgeschraubt, vorerst. Unter den Kindern ist der Junge mit den dunklen Haaren der größte. Geradeaus schubsen, wie ein Laufrad. Dann um die Ecke und wieder geradeaus. Plopp, ein Hütchen muss dran glauben.
Es ist Daniels zweite Unterrichtsstunde hier im Park. Auf einer der Bänke im Schatten sitzt seine Mutter. Es ist Ferienzeit in der kolumbianischen Hauptstadt. Da können die Kinder auch unter der Woche in die Fahrradschule kommen.
Der Distriktpark Alfonso López hat im Vergleich zum Rest der Stadt ungewöhnlich viele hohe Bäume. Im Park, der nur einen Häuserblock lang und breit ist, drängen sich unter anderem: ein Kinderspielplatz, ein Basketballplatz, ein Fußballfeld – und ein rötlich gepflasterter Platz. In seiner Ecke steht ein bunt besprühter Container. „Escuela de la Bici“ steht drauf, Fahrradschule.
Die Fahrradschule ist ein Angebot der Stadt Bogotá, genauer gesagt des Amts für Freizeit und Sport. Außer sonntags öffnet sie täglich von 8 bis 16 Uhr. Dann sind der Mechaniker und die Lehrkräfte da, holen die Räder aus dem Container, vom Kleinkindrad bis zum Erwachsenenmodell. Jede volle Stunde beginnt der Unterricht. Alles kostenlos.
Vor einem Jahr bekam Daniel ein Fahrrad zu Weihnachten. Seine Eltern und die Schwestern übten mit ihm, aber es klappte nicht. Dann sah er ein paar ältere Frauen in der Fahrradschule und wollte es noch mal versuchen. „Ich will das lernen, damit Papa stolz auf mich ist“, sagt der Zehnjährige. Aber nicht nur. „Auf dem Rad fühle ich mich größer und kann mich viel schneller bewegen.“
Früher lag bergeweise Müll im Park, Obdachlose durchwühlten die Abfälle, Menschen konsumierten Alkohol und Drogen, auch tagsüber. Dann, vor zweieinhalb Jahren, stellte das Sportamt den Container mit der Fahrradschule auf, und auf einmal tat sich etwas. Bewohner:innen fingen an, mit Mitarbeiter:innen des Botanischen Gartens Blumenbeete anzulegen. Sozialarbeiter:innen sprachen mit den Obdachlosen. Diese halfen dabei mit, den Müll unter Kontrolle zu bekommen, und viele suchten sich zum Konsumieren andere Ort. Man sah nun Anwohner:innen, die ihren Park verschönerten, berichtet Steffania Alonso. Sie ist eine der Koordinatorinnen des Programms „Bogotá mit dem Rad“ beim Sportamt.
Bogotá habe eine der besten Radinfrastrukturen der Welt, sagt Alonso. Daher der Beiname „Weltfahrradhauptstadt“. Das hat mit den Radwegen die in der Pandemie ausgebaut wurden, und mit der ciclovía zu tun, so heißt die Fahrradroute, für die an Sonn- und Feiertagen Teile der Straßen gesperrt werden. Diese Idee hatte Bogotá in den 70ern als erste Stadt weltweit. Doch der Verkehr ist immer noch chaotisch.
Heute stehen an 39 Orten im Stadtgebiet fixe Container. Dazu kommen 14 mobile Standorte. Etwa 86 Prozent der Nutzer:innen sind Frauen. Und wenn nicht gerade Ferienzeit ist und sich Kinder im Radeln üben, sind etwa 80 Prozent mindestens 60 Jahre alt. Dass viele Frauen erst so spät Radfahren lernen, habe mit Sexismus und Vorurteilen zu tun, die in ihrer Generation verbreitet waren. „Fahrräder waren nichts für Frauen, diese gehörten nach Hause. Als Mädchen hatten sie kein Rad, später verbot es der Mann“, sagt Fahrradlehrer Alexander Ramirez.
Gegen Ende der Unterrichtsstunde tritt Daniel zum ersten Mal in die angeschraubten Pedale. Er wackelt leicht beim Bremsen, fängt sich aber mit den Beinen. „Wie cool, mein Schatz!“, ruft seine Mutter. Lili Pedeaña ist Künstlerin und fährt mit dem Rad zur Arbeit. Dass ihr Sohn sich wie sie in den Verkehr der Achtmillionenstadt stürzten könnte, ängstigt sie etwas. Aber sie träumt davon, mit der Familie auf der ciclovía zu fahren. „Ein bisschen fehlt noch“, sagt Daniel. „Aber ich denke, in dieser Woche werde ich es lernen.“
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