Springer-Chef kritisiert „Bild“: Der Entschuldigungs-Wettbewerb

Mathias Döpfner, Chef des Axel Springer Verlags, gesteht öffentlich Fehler in der Solingen-Berichterstattung der „Bild“ ein. Glaubhaft ist das nicht.

Märchenillustration

Haben Kreide gefressen: Die „Bild“ und der böse Wolf in einer Illustration von Karl Fahringer Foto: Karl Fahringer

Im Märchen vom Wolf und den sieben Geißlein frisst der Wolf Kreide, um den kleinen Ziegen etwas vorzumachen. Ein wenig staubte es auch bei der Rede von Springer-Chef Mathias Döpfner, die er am Dienstag beim diesjährigen, erstmals virtuellen Zeitungsverlagskongress hielt.

Da ging er auch auf den Umgang seiner Bild mit dem Kindesmord in Solingen ein: „Wir haben Fehler gemacht: Bild hat WhatsApp-Nachrichten eines Kindes, das überlebt hat, in einem Artikel eins zu eins veröffentlicht. Wir haben den Schutz von Minderjährigen in diesem Fall missachtet“, sagte Döpfner. Und dass sie „intern seither viel und sehr kritisch über diesen Vorgang diskutiert“ hätten. Wenn der Kollege Kai-Hinrich Renner von der Berliner Zeitung recht hat, soll sogar der Stuhl von Bild-Chefredakteur Julian Reichelt kurz gewackelt haben.

Wenn man allerdings die lange Tradition der kalkulierten Grenzüberschreitungen der Bild-Zeitung Revue passieren lässt, wirkt auch dieses Schuldbekenntnis scheinheilig. Wie viele von den Rügen, die der Presserat beim Verstoß gegen die journalistische Ethik und den Pressekodex ausspricht, gingen bei der aktuellen September-Vergabe an Bild? Sechs von fünfzehn, dazu kommt noch eine für die kleine Berliner Bild-Schwester B.Z. Knapp die Hälfte, also.

Und auch der Entschuldigungs-Schönheitswettbewerb auf dem Boulevard ist stets der gleiche. Bild haut drauf, bis es spritzt. Die erste Empörungswelle wird gekontert, indem Bild auf andere Medien zeigt, die auch Dreck am Stecken haben. Im Fall Solingen war das vor allem RTL. Ironie des Schicksals: Dort ist mit Tanit Koch eine ehemalige Bild-Chefredakteurin für die Nachrichten zuständig.

Schuld sind erstmal die anderen

„Andere Medien haben zu Recht diese Grenzüberschreitung kritisiert. Manche, obwohl sie selbst auch aus den privaten Nachrichten des Jungen zitiert hatten“, merkte denn auch Döpfner. Um in seiner Rede dann weiter Kreide zu fressen und zu versprechen: „Wir wollen und müssen es in Zukunft besser machen.“

Wenn Bild den Bogen so richtig überspannt hat, kommt es hier und da zusätzlich zu einer Art Generalbeichte. Die nimmt dann auch schon mal der oberste Konzernvorstand Döpfner höchstpersönlich ab. Zum Beispiel, als Bild den Virologen Christian Drosten madig zu machen versuchte und damit ziemlich vor die Wand fuhr. Da besprachen Döpfner und Reichelt das Ganze anschließend im Springer-Podcast inside.pod.

Döpfner packte aber nicht wie der Jäger im Märchen dem Bösewicht Steine in den Bauch. Sondern kritisierte das Vorgehen gegenüber ­Drosten, für das es übrigens auch eine Rüge vom Presserat gab, eher onkelhaft als „dummen Fehler“. Was am Ende stark nach „kann schon mal passieren, Schwamm drüber“ klingt. Und – das ist die traurige Moral von der Geschichte – so halten es Bild und der böse Wolf auch.

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2000-2012 Medienredakteur der taz, dann Redakteur bei "ZAPP" (NDR), Leiter des Grimme-Preises, 2016/17 Sprecher der ARD-Vorsitzenden Karola Wille, seit 2018 freier Autor, u.a. beim MDR Medienportal MEDIEN360G. Schreibt jede Woche die Medienkolumne "Flimmern und rauschen"

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