Spielfilm „For the Time Being“ auf Mubi: Auftritt des Poolroboters

In ihrem Regiedebüt „For the Time Being“ zeigt Salka Tiziana eine Familienkrise im Spanienurlaub. Erzählt wird viel über die Bilder der Landschaft.

Die beiden Zwillinge sitzen in der Ferienwohnung auf dem Sofa.

Der Film „For the Time Being“ setzt nebenbei den Zustand des Kindseins in Szene Foto: Mubi

Manchmal lösen Filmszenen den Proust’schen Madeleine-Effekt aus – und plötzlich findet man sich in einer Kindheitserinnerung wieder. So erging es mir mit dem Anfang von Salka Tizia­nas eigenwilligem Regiedebüt „For the Time Being“. Ein kleiner Junge lehnt seinen Kopf gegen die Autoscheibe, er schläft tief und fest, ein Sonnenstrahl fällt auf sein Gesicht. Ich denke an die Urlaubsreisen mit den Eltern, vom Rheinland zur Costa Blanca in Spanien. Die unendlich langen Stunden im überhitzten Auto, der Anblick meines Bruders, der zwischendurch immer ausgiebige Nickerchen hielt. Die Vorfreude.

Es sind nicht nur Erinnerungen – die atmosphärischen Einstellungen dieses Films bringen weitere Geschichten zum Vorschein. Salka Tiziana erzählt aus ihren fotografisch anmutenden Bildern heraus. Zunächst sind sie einfach nur da: die Frau am Steuer, der kleine Junge und neben ihm sein Zwilling.

Einfach nur da ist auch die Landschaft, in die sie reisen. Man könnte auch sagen, sie war schon vor ihnen da. Es ist die karge, ausgetrocknete Gegend der andalusischen Sierra Morena. Der Wind rauscht durch Bäume, Sträucher und Büsche, die Hitze liegt über den bräunlichen Hügeln, ewige Ruhe erfüllt das Bild.

Wie Fremdkörper wirken Larissa und ihre neunjährigen Zwillingssöhne Jon und Ole in dieser Umgebung, die sich ihnen zunächst entziehen und fremd bleiben wird. Larissa möchte ihren Mann, den Vater der Kinder, dort treffen. Die ­Sierra Morena ist seine Heimat.

„For the Time Being“. Regie: Salka Tiziana. Mit Melanie Straub, Jon Bader u. a. Deutschland/Spanien/Schweiz 2020, 71 Min. Läuft auf Mubi

Mit ihren Söhnen wohnt Larissa in einer abgeschiedenen Finca bei ihrer Schwiegermutter Pilar und ihrer Schwägerin Amalia, zwei Frauen, die sie kaum kennt und deren Sprache sie nicht spricht. Man verständigt sich ein wenig auf Englisch. Die Tage bestehen aus Warten auf den Mann und Vater, dessen Erscheinen sich immer wieder verschieben wird. Indessen passiert vieles in den Bildern von Salka Tiziana.

Die Trockenheit wird stets miterzählt

Sie erzählen die Geschichte der Menschen, die an diesem Ort leben. Die Kamera begleitet Amalia, wenn sie Rinder füttert, beobachtet sie bei ihren alltäglichen Verrichtungen auf den Feldern. Pilar kümmert sich um den Garten, versorgt die wenigen am Haus stehenden Pflanzen mit Wasser. Manchmal kommt keines mehr aus dem Schlauch, weil schon zu viel verbraucht wurde.

Die Trockenheit wird in den Szenen stets miterzählt. Der Stausee im Tal ist halb leer, einmal sieht man einheimische Kinder baden. Ausgelassene Fröhlichkeit erfasst die Szenerie. Auch diese Einstellung hat etwas Überzeitliches, so als sei klar, dass die Handvoll Menschen sich dort schon seit jeher und auch in den nächsten Sommern wieder zu einem erfrischenden Bad treffen wird.

Ohnehin scheinen Amalia und Pilar, wenn auch nicht in unmittelbarer Nähe, Nachbarn zu haben. Drohnenaufnahmen zeigen Pisten, die die Landschaft regelrecht zerfurchen. Eine dieser Sequenzen von oben wird mit dem Sound eines Computerspiels unterlegt, die Zwillinge spielen auf dem Sofa mit dem Computer. Das Haus ist wegen der Hitze abgedunkelt, die Kinder tragen Badehosen, wirken mit ihren schmächtigen Körpern zart und verletzlich.

Als Antwort folgt langes Schweigen

Nebenbei wird der Zustand des Kindseins in Szene gesetzt, das Gefühl, dass es die Welt jeden Tag aufs Neue zu entdecken gilt. Doch die Abwesenheit des Vaters, die ohne verbalisiert zu werden, stets präsent ist, bringt die Freude am Erkunden ins Stocken. Die Mutter wiederum sitzt rauchend auf der Terrasse, ihr Blick verliert sich in der Ferne. Es sind solche Motive, die verdeutlichen, dass man in der Fremde die Selbstentfremdung anders wahrnimmt.

Und dann gibt es plötzlich diesen Dialog, einen der wenigen im Film. Einer der Zwillinge will von der Mutter, die sich zum Nachmittagsschlaf zurückgezogen hat, wissen, ob sie ihn, den Bruder und den Vater liebe. Ihre Antwort lautet stets ja. Auf die Frage, ob sie auch sich selbst liebe, folgt ein langes Schweigen.

Auch so kann man Menschen auf der Leinwand nahekommen: Mit einer behutsam agierenden Kamera, die die Figuren erst einmal bei sich ankommen lässt, die ihrer Verlorenheit einen visuellen Rahmen gibt, und sie zugleich auffängt.

Den Zustand des Provisorischen festhalten

Ein Familiengefüge bricht auseinander und setzt sich vielleicht wieder neu zusammen. „For the Time Being“ hält diesen Zustand des Vorläufigen, des Provisorischen fest. Und ist gleichzeitig ein Film über den Sommer und sommerliche Gefühle. Über Ferien. Über einen Jungen, der sich aufmacht, durch die Hügel zu streunen, sich seinen Weg durch die Dornbüsche zu bahnen, begleitet vom Grillen der Zirpen, vom Rauschen der Blätter.

Manchmal tollen die Zwillinge im Pool, der nur halb gefüllt ist, weil es irgendwo ein Loch gibt. Beim Geschrei der sich balgenden und plantschenden Jungen kommen wieder eigene Kindheitserinnerungen hoch. In schöner Beiläufigkeit erfasst Salka Tiziana die Essenz eines Augenblicks, eines Glücksmoments.

„For the Time being“ erkundet auch das Wesen von Dingen und Gegenständen. Da ist zum Beispiel der Poolroboter. Er sieht aus wie ein entfernter Verwandter von R2-D2 aus „Star Wars“. Er zieht seine Bahnen und kann auch Wände hochklettern. Endlos könnte man ihm dabei zu schauen. Irgendwann bewegt er sich aus dem Bild heraus, nun sieht man nur noch sein Kabel im Wasser. Schwer zu beschreiben, warum diese kleine Maschine sich einen so großen Auftritt zu verschaffen vermag.

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