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Spanisches Leder„Wir schützen den handwerklichen Bereich“

Große Modemarken verlagerten ihre Lederwarenproduktion zurück ins spanische Ubrique. Made in Europe schlägt chinesische Produktion.

Ubrique ist bekannt für die Herstellung hochwertiger Lederartikel wie Taschen, Geldbörsen, Gürtel und Accessoires Foto: imago

Korkeichenwälder, schroffe, einsame Berglandschaft, schmackhafter Ziegenkäse – die Sierra de Grazalema im Südwesten Spaniens eignet sich hervorragend zum Wandern. Mit ihren weißen Dörfern, der maurischen Geschichte, die hier noch nicht überall touristisch vermarktet wurde, ist sie ein lohnendes Ausflugsziel. Sie ist aber auch die regenreichste Region Spaniens, was ihr grüne Landschaften beschert, aber dieses Jahr auch traurige Berühmtheit brachte. Das Dorf Grazalema drohte durch massive Wassermassen aufgrund des wochenlangen Regens im Februar abzurutschen, die Bewohner wurden evakuiert.

Auch die nahegelegene Stadt Ubrique, ein Mekka der spanischen Lederindustrie, wurde schwer getroffen. Überall werden Bäume, die den Halt im steilen Gelände verloren haben, gefällt, ein riesiger Felsbrocken, der ein Haus zum Einsturz brachte, wird gerade weggeräumt, viele Zufahrtswege nach Ubrique durch die Berge waren vorübergehend gesperrt.

Weltbekannte Unternehmen wie Gucci, Dior, Polène und viele andere lassen in Ubrique ihre Lederwaren herstellen. Ubrique ist bekannt für die Herstellung hochwertiger Lederartikel wie Taschen, Geldbörsen, Gürtel und Accessoires. Das Geheimnis des Erfolges von Ubrique liegt in der Mischung aus alten Techniken und moderner Innovation. Die Kunsthandwerker hier wenden noch immer traditionelle Methoden an, um Leder von Hand zu schneiden, zu nähen und zu veredeln, sodass jedes Stück einzigartig und von höchster Qualität ist.

Aurora Cadenaz führt durch das Ledermuseum von Ubrique. Es ist in einem barocken Kapuzinerkloster untergebracht mit Blick über die Stadt und den Taleinschnitt. „Ubrique hatte aufgrund seiner geografischen Lage immer hervorragende Bedingungen für die Lederproduktion“, erklärt Aurora.

Für uns ist es wichtig, Personen einzustellen, die jeden Schritt der Produktion kennen

Monica Vilches, Qualitätsprüferin

Dazu gehöre der Wasserreichtum, denn zum Gerben wird viel Wasser benötigt. Das kalkhaltige Gestein eignet sich hervorragend für bestimmte Schritte der Lederverarbeitung wie Einweichen und Reinigen der Tierhäute. In der Umgebung gibt es riesige Steineichen- und Korkeichenwälder, deren Rinde Gerbstoffe (Tannine) enthalten. Das wurde traditionell zum Gerben des Leders verwendet. Aufgrund der traditionellen Viehzucht in Andalusien standen stets ausreichend Tierhäute als Rohstoff für die Lederproduktion zur Verfügung. So sei über Generationen ein spezialisiertes Wissen über die Lederverarbeitung entstanden.

Das Familienerbstück Patacabras

Die Ausstellung wurde liebevoll aus persönlichen Gegenständen der Familien zusammengetragen: Ledertaschen, Ledereinbänden, Lederstühlen, einem Flamenco-Kleid, rosarot und ganz aus Leder. Lederkoffer, in denen die fahrenden Händler aus Ubrique ihre Waren in ganz Spanien präsentierten. „Die waren oft wochenlang unterwegs“, sagt Aurora. „Aber das war damals die einzige Form der Werbung für die Produkte.“

Im Erdgeschoss gibt es antike Lederverarbeitungsmaschinen, an der Decke hängt eine Sammlung von sogenannten Patacabras, die von lokalen Handwerkern hergestellt wurden. Die Patacabra ist ein kleines Holzstück, das Werkzeug der Lederarbeiterin schlechthin. „In Ubrique sind die Patacabras von den Eltern an die Kinder oder von den Großeltern an die Enkelkinder vererbt worden“, sagt Aurora. „Das klopfende Geräusch der Patacabras war für uns von früh bis spät der Rhythmus der Stadt“, sagt Aurora, die hier aufgewachsen ist. „Das hat sich total eingeprägt. Das hier sind die persönlichen Stücke von Frauen aus dem Ort, die sie dem Museum überlassen haben.“ Die Namen der Spenderinnen sind auf einer Gedenktafel aufgeführt.

Schon die Römer und später die hier ansässigen Mauren haben Leder produziert, aber die jüngere Geschichte der Handwerkskunst des Dorfes begann mit den Frauen von Ubrique, mit dem Nähen von Tabakbeuteln, den Petacas. Noch heute werden Frauen aus Ubrique als „Petaqueros“ bezeichnet. Es gehörte zur Tradition, dass die Menschen die Lederwaren mit nach Hause nahmen, um sie nach dem Abendessen am Esstisch fertigzustellen. Die ganze Familie half sich gegenseitig beim Nähen, selbst die Jüngsten in der Familie, wodurch ein einzigartiges Verständnis dieses Handwerks entstand, das seinesgleichen sucht.

Diese Tradition begann in den späten 1890er Jahren und wurde seitdem weitergeführt. Der größte Teil der Industrie von Ubrique ist der Lederindustrie gewidmet. „Es gibt jemanden, der den Leim herstellt, jemanden, der die Maschinen produziert, und jemanden, der sie wartet. Es ist eine Kreislaufindustrie. Genau das unterscheidet Ubrique von anderen Städten“, erklärt Aurora.

„Wir arbeiten nicht mit einer klassischen Prozesskette“

Im alten Teil der Gemeinde, der sich unterhalb des felsigen Berges befindet, gibt es eine Reihe von engen Straßen, die sich um den Berg winden. Manchmal werden die kleinen Gassen durch Stufen miteinander verbunden. Im moderneren Teil reiht sich Ledergeschäft an Ledergeschäft – ein Großteil der Bevölkerung lebt vom Leder, es gibt hier so gut wie keine Arbeitslosigkeit. Die Bewohner bleiben in ihrem Ort, das hält ihn lebendig.

Seit seinen Anfängen 2016 ist die Produktion des Hauses Polène in Ubrique angesiedelt. Heute arbeiten mehr als 1.300 Handwerkerinnen an der Herstellung der im Pariser Designstudio entwickelten Taschenkreationen. Monica Vilches ist seit zwei Jahren Qualitätsprüferin bei Polène. Sie hat sich während der Mittagspause Zeit für ein Gespräch genommen. „Sämtliche Fertigungsschritte der Taschen, von der Annahme des Leders bis zum Versand der Bestellungen, erfolgen in einem Umkreis von fünf Kilometern. Die lokale Produktion ermöglicht es, die Qualität der Produktion zu sichern und unnötige Transportwege zu vermeiden“, sagt Monica. Das unterstütze unmittelbar die Entfaltung der vielseitigen handwerklichen Kreativität von Ubrique. Die einzigartige Dynamik der Stadt beruhe auf einem tiefen Gemeinschaftsgefühl und einer umfassenden Kenntnis des Lederhandwerks, die von Generation zu Generation weitergegeben wird.

„Für uns ist es wichtig, Personen einzustellen, die jeden Schritt der Produktion kennen. Wir sind sehr handwerklich orientiert. All unsere Arbeiter wissen von Anfang bis Ende, wie ein Portemonnaie zugeschnitten, hergestellt und zusammengenäht wird, was ich für sehr wichtig halte. Wir arbeiten nicht mit einer klassischen Prozesskette – was natürlich auch funktionieren würde –, aber hier in Ubrique machen wir es auf eine andere Art und Weise. Und das ist etwas, worauf wir sehr stolz sind“, sagt Monica. „Alle Taschen sind ein Unikat, da viele Teile handwerklich hergestellt werden. Wir schützen hier den handwerklichen Bereich.“ Das bringe dem Ort viele Arbeitsplätze, auch aus den Nachbardörfern kämen die Leute zum Arbeiten hierher.

Die Handwerkskunst sei der Grund, warum viele Firmen, die ihre Produktion Anfang der 2000er Jahre nach China ausgelagert hatten, wieder nach Spanien zurückkamen. Gründe waren neben den Qualitätsproblemen, steigenden Lohnkosten in China auch Transportkosten und Probleme mit Fälschungen. „Wir behandeln hier unsere neuen Modelle und Trends als strenges Firmengeheimnis“, sagt Monica. Hinzu kommt auch: „Made in Europe“ hat heute ein prestigeträchtiges Herkunftsimage.

Die Mischung aus zeitnahen Methoden und zukunftsweisenden Innovationen sorgt dafür, dass spanisches Leder ein Symbol für Qualität und Nachhaltigkeit ist, vor allem aber ein Engagement für das Handwerk widerspiegelt. Und Tradition, Qualität und Umweltverantwortung sind ein gefragter Trend auf dem globalen Markt.

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1 Kommentar

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  • Gut so. Es ist nicht alles schlecht was in Europa gefertigt wird und es ist nicht alles besser was in China gefertigt wird. Und zu guter Letzt ist es nicht teurer als aus China. Gerne weiter so.