Soziologe Richard Sennett über Weihnachten

„Ich bin nicht nostalgisch“

Der britische Soziologe Richard Sennett lässt es über die Feiertage ruhig angehen. Ein Gespräch über Smartphones, Handarbeit und Marx.

Spazieren an Weihnachten sollte man in milderen Gegenden als hier, am Kap Arkona auf Rügen. Bild: dpa

Richard Sennett: Ms. Barmeyer, über was wollen wir reden?

taz: Über das Problem, Freizeit und Arbeit heute zu trennen, und über Weihnachten.

Fangen wir mit den ernsten Dingen an. Reden wir über Weihnachten.

Geboren: 1943 in Chicago, Illinois

Beruf: lehrt Soziologie an der New York University und der London School of Economics and Political Science

Stationen: Harvard, Yale, Rom, Washington

Promotion: 1964 in Harvard zur Geschichte der amerikanischen Zivilisation. Seitdem forscht er interdisziplinär zu Stadt, Arbeit und Kultur

Letzte Veröffentlichung: „Zusammenarbeit. Was unsere Gesellschaft zusammenhält“. Aus dem Amerikanischen von Michael Bischoff. Hanser Berlin, Berlin 2012, 416 Seiten, 24,90 Euro

Familie: verheiratet mit der Stadtsoziologin Saskia Sassen

Wie feiern Sie Weihnachten?

Ich bin ein vollkommener Atheist.

Feiern Sie Weihnachten dann überhaupt?

Ich feiere mit Freunden in der englischen Provinz. Am 25. Dezember gehen wir dort auf einen sehr langen Spaziergang durch die ländliche Gegend.

Klingt sehr entspannt. Gibt es bei Ihnen eine Arbeitsteilung? Einer kocht, der andere schmückt das Haus?

Ich koche und ich mag es nicht, wenn der Rest meiner Familie die Küche besetzt.

Wurde Weihnachten entfremdet?

Für mich ist das alles nur Mythologie. Weihnachten ist einfach ein schöner Tag, um spazieren zu gehen. Ich habe meinem Sohn nie erzählt, dass es den Weihnachtsmann gibt. Er hätte mir das sowieso nie geglaubt.

Eigene Kindheitserinnerungen?

(lacht) Rein gar nichts. Ich bin nicht nostalgisch. Für mich ist es einfach nur ein schöner Tag um spazieren zu gehen.

Aber Sie haben frei an Weihnachten?

Ja, weil in Großbritannien alles geschlossen hat.

Was machen Sie, wenn Sie nicht schreiben oder lesen?

Ich mache diese langen Spaziergänge auf dem Land. Und jetzt lassen Sie uns über die frivolen Dinge wie Arbeit sprechen.

Heute sind wir per Smartphone überall erreichbar und können arbeiten. Ist es da utopisch, Arbeit und Freizeit von einander zu trennen?

Vor über zwanzig Jahren haben die Menschen das Ende der Arbeit prophezeit. Mittlerweile erleben wir genau das Gegenteil davon. Durch die neuen Technologien ist man zwölf oder vierzehn Stunden täglich für das Büro erreichbar. Ich glaube, dass die Arbeit die Zeit kolonisiert hat, die früher mal Freizeit war. Offizielle Arbeitszeiten sind im Laufe der Jahre beständig gestiegen. In Ländern wie Frankreich, wo es eine offizielle Obergrenze gibt, arbeiten die Leute einfach länger – inoffiziell und unbezahlt.

Hat sich der Traum vom selbstbestimmten Arbeiten in einen Albtraum der Selbstausbeutung verwandelt?

Die Idee, seine Arbeitszeit selbst kontrollieren zu können, ist illusorisch. Tatsächlich ist man immerfort auf Abruf und im Auftrag der Bedürfnisse eines anderen unterwegs. Es erfordert großen Mut, die abendlichen Mails vom Chef erst am nächsten Morgen zu öffnen.

Wie kommen wir da wieder heraus?

Man muss bereit sein zu sagen: Nichts oder nur sehr wenig ist so wichtig, dass es nicht warten kann. Die gefährliche Tendenz dieser totalen Kommunikation besteht darin, dass alles sofort gemacht werden muss. In meinem Büro haben wir deshalb eine strenge Regel, an die wir uns alle halten: Keine Mails nach sechs Uhr abends.

Schön.

Man muss sich gegenseitig respektieren. Aber wir befinden uns natürlich im Kontext einer Universität. Da ist es einfach, so eine Regel aufzustellen. Die Geschäftswelt tickt anders, da wird man schnell zum Sklaven des Terminplans.

Besitzen Sie ein Smartphone?

Natürlich. Das sind wunderbare Dinger. Ich habe eine Wetter-App und eine zur Abfrage von Zugverbindungen.

Helfen uns gescheiterte Ideologien wie der Marxismus, die Arbeitswelt von heute zu verstehen?

Wir reden gerade über die Gewinnung von Mehrwert aus Arbeitskräften. Ich bin ein sich erholender Marxist. Es gibt Leute, die sind genesende Alkoholiker, ich bin ein genesender Marxist. Deshalb schaue ich immer auf die Dinge, bei denen Marx richtig lag, anstatt auf die, bei denen er falsch lag. Das Internet ist ein wunderbares Beispiel für die Gewinnung von einem Arbeitskräfteüberschuss.

Inwiefern?

Man gewinnt ein Überangebot an Arbeit, wenn jemandes Zeit nicht seine eigene ist. Es ist zwar wahr, dass Marx darüber nachgedacht hat, im Bezug auf den Stundenlohn im Verhältnis zu Arbeit, aber das Prinzip ist dasselbe in der Kommunikationstechnologie: Wenn Sie mich jedes Mal bezahlen müssten für jede Mail, in der Sie mich bitten etwas für Sie zu tun, würde die Zahl der Anfragen drastisch sinken. Wir befänden uns in einer viel gerechteren Situation. Aber tatsächlich können Sie mich umsonst erreichen, etwas unentgeltlich von mir verlangen und Fragen stellen. Wenn ich Ihr Angestellter bin, muss ich darauf antworten. Ich kann nicht einfach sagen, meine Antwort kostet drei Euro. So funktioniert das nicht.

Welche Bedeutung hat das Handwerk in der Wissensgesellschaft?

Es gibt viele verschieden Arten, wie man digitale Kommunikation als Handwerk nutzen kann.

Und zwar?

Viele Ärzte operieren beispielsweise aus der Ferne. Das Bild, das wir vom Handwerk haben, also dass man physisch anwesend sein muss, um etwas zu erschaffen, ist veraltet. Worauf es nicht zutrifft, ist die bloße Anzahl der Nachrichten, die Leute miteinander per Mail oder via Twitter austauschen. Niemand würde sagen: „Du twitterst aber gut.“ Darüber denken wir nicht weiter nach, aber wir machen uns Gedanken darüber, wenn wir das Internet dafür benutzen, um über Dinge wie medizinische oder wissenschaftliche Verfahren zu kommunizieren.

Aber ist das Benutzen von Sprache nicht auch ein handwerklicher Akt?

Schon, aber nicht die Sprache von Twitter.

Glauben Sie, Menschen wären glücklicher, wenn mit ihrer Hände Arbeit etwas erschaffen, sie also im Wortsinn ein Handwerk ausüben würden?

Menschen sind glücklicher, wenn sie Qualitätsarbeit leisten. Die meisten Menschen zumindest. Viele meiner Kollegen halten das für eine romantische Vorstellung. Es herrscht der Glaube, man wolle bloß bezahlt werden und denke nicht über die Qualität der Arbeit nach. Diese Art Zynismus ist falsch. Wenn du acht Stunden am Tag damit verbringst etwas zu tun, was du bedeutungslos findest, wirst du es schlecht machen. Ich bin nicht zynisch auf diese Weise.

Können wir dennoch eine frohe Botschaft für zukünftige Arbeitswelt verkünden?

(lacht) Europa wird sich erholen und die Menschen werden neue Arten der Arbeit finden. Wahrscheinlich werden sie viel manueller sein, als man erwartet hätte. Vielleicht ist das unrealistisch, aber ich denke, dass es viele Arten physischer Arbeit gibt, die einen sehr erfüllen können – wie etwa die Arbeit eines Zimmermannes. Letztendlich werden wir eine viel ausgeglichenere Idee davon haben, was Arbeit bedeutet. Die Leute werden Arbeit finden. Ich glaube nicht, dass Europa fertig ist und denselben Weg geht wie Japan. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist das nicht passiert und damals ging es schlimmer zu. Wir werden uns wieder erholen.

Ihr Fazit?

Wegen Weihnachten nochmal. Ich habe eine sehr bestimmte Meinung darüber: Wir Atheisten sollten Weihnachten zusammen verhindern und alle einen Spaziergang machen.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben