Sozialkrimi „Unter Verdacht“: Das Geschäft mit den Toten
Die internen Ermittler Prohacek und Langner spüren einem Pflegebetrüger nach, untersuchen aber eigentlich das Innere des Polizeiapparats.
Ausgeliefert zu sein ist ein gesellschaftliches Schicksal geworden, das Millionen Alte und Pflegebedürftige in Deutschland teilen. Zunehmend erleben das auch alternde Einwanderer. Sie sind im doppelten Sinne ausgeliefert: ihren Pflegekräften und einer Gesellschaft, die ihre Kultur nicht versteht, ihre Muttersprache nicht spricht – und gerade zur Muttersprache kehren viele im hohen Alter zurück. Als Unverstandene sind sie eine gute Klientel für Missbrauch und mafiöse Machenschaften.
„Grauzone“ heißt die Folge der Krimiserie „Unter Verdacht“, die Arte am Freitagabend zeigt. Sie führt die KomissarInnen Eva Prohacek (Senta Berger) und André Langner (Rudolf Krause) in die Münchner Vorstadt, in die Wohnblöcke, in denen viele Russlanddeutsche wohnen. Sie werden in „Grauzone“ Opfer eines perfiden Betrugs.
Zu Beginn sind Prohacek und ihr Kollege Langner mit einem vermeintlichen Routinefall beschäftigt: Der Kollege Peter Söllner (Marc Oliver Schulze) ist den Immobilienhai und Landtagspolitiker Hubert Cuntze (Jürgen Tarrach) bei einer Alkoholkontrolle etwas zu ruppig angegangen und fällt seit Längerem als unzuverlässig auf.
Etwas erschütternd Tragikomisches hat dieses Anfangsszenario, nicht nur weil der Dienststellenchef der beiden, Dr. Reiter (Gerd Anthoff), seine Münchner Spezlwirtschaft bedienen muss und im Auftrag des Abgeordneten den ganzen Fall kleinreden möchte. Hinzu kommt die Nachricht, dass der Bruder des Problemkollegen Söllner in einem Verkehrsunfall tödlich verunglückt ist. Ein sehr unbefriedigendes Wirrwar also, das nur die mütterliche, etwas hemdsärmlige Kommissarin – eine gewohnt souveräne Senta Berger – entwirrt, indem sie ihre Neugier auf die sozialen Hintergründe des Falls lenkt: Der entgleiste Polizist pflegt seine querschnittsgelähmte Frau.
Freitag, 13. März 2015, 20.15 Uhr, Arte.
Bald kommt Prohacek auch dem vermeintlichen Unfall des Bruders auf die Spur: Dieser war beim Sozialreferat München beschäftigt und forschte in den Wohnungen von russlanddeutschen Pflegebedürftigen einer Betrugsmafia hinterher, die vor Gewalt nicht zurückschreckt. Söllner wird selbst zum Gejagten. Und die ursprünglich gegen ihn ermittelnden Kollegen Prohacek und Langner kämpfen auf seiner Seite gegen ein dreistes Komplott.
Polizisten, die Polizisten ins Visier nehmen
So viel zum Stoff, der herkömmlich, reichlich konstruiert und ziemlich krimischablonenhaft wirkt. Doch das ist nicht das Entscheidende in der inzwischen vierten „Unter Verdacht“-Folge des Regisseurs Andreas Herzog. Hier, in der internen Ermittlung, geht es ja sprichwörtlich um die Metaebene: Polizisten, die Polizisten ins Visier nehmen.
Die Dramatik der Handlung, die Menschlichkeit der Figuren speist sich so konsequent wie in keinem anderen deutschen Krimiformat aus dem Inneren des Polizeiapparats.
Längst bildet ja in so gut wie jedem „Tatort“ eine emotionale Verstrickung von Räuber und Gendarm den atmosphärischen Überbau. Hier stehen die Beziehungen selbst im Vordergrund. Sie verdichten sich zu einem Knäuel an Konflikten und zeigen sich in Details: Die Komik zwischen der scharfsinnig-überlegenen Kommissarin Prohacek und ihrem störrischen Kollegen Langner, herrlich gespielt als grundbiedere Witzfigur, die nervtötende Penetranz, mit dem der Dienststellenleiter Reiter (Gerd Anthoff in cholerischer Hochform) den beiden in das Handwerk pfuschen will.
All das ist darstellerisch prägnant und filmisch spannend: Die lakonisch-kühle Kameraführung von Wolfgang Aichholzer trägt dazu bei, dass sich diese Konflikte von Augenblicken in ihrer vollen Unvereinbarkeit bestens entfalten.
Am Ende leistet sich Regisseur Herzog ein zehnminütiges Verhörfinale – kammerspielhaft dürfen hier die Charaktere in ihrer Verschwiegenheit und klüngelnden Münchner Schmierigkeit all ihre Register ziehen.
Was bei diesem Krimi zweifellos vernachlässigt wird, ist der soziale Hintergrund des Falls, der bisher im Unterhaltungsfernsehen kaum beachtet wird: Altern in einem migrantischen Milieu böte einen fruchtbaren Stoff für ein echtes Sozialdrama.
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