Soziales Bier aus Berlin: Zum Wohl der Gemeinschaft

Mit einem neuen Sozialbier namens Jesöff möchte Maxim Wermke den Biermarkt revolutionieren: Von jedem Kasten werden 50 Cent gespendet.

Ein mann mit einem kasten Bier

Ein bisschen Revolution, auch beim Trinken: Maxim Wermke mit einem Kasten Jesöff Foto: André Wunstorf

BERLIN taz | Wer Sternburg-Bier trinkt, sagt Maxim Wermke, tue dies oft „aus Überzeugung“ und mit einem persönlichen Bezug zu seinem Lieblingsbier. Was aber wohl die Wenigsten wissen: Seit 2006 gehört die Marke zur Radeberger-Gruppe und damit zum Lebensmittelimperium der Familie Oetker. Bei dem Gedanken dürfte so manchem Punk die Flasche aus der Hand fallen.

Mit jedem verkauften Bier, so Wermke, würde eine der wohlhabendsten Familien Deutschlands noch ein bisschen reicher. Das möchte der 30-jährige Student ändern und „das Eigentum mehr in den Fokus stellen“, auch beim Trinken. Dafür soll es ein neues Sozialbier geben: Die Anschubfinanzierung über eine Crowdfunding-Kampagne namens „Unser Sterni“ ist angelaufen.

„Jesöff“ wird das neue Bier heißen, und es soll nicht weniger als den Markt revolutionieren. Sozialbier meint eine Gemeinwohlorientierung, „dass nicht einige wenige profitieren“, erklärt Wermke. Pro verkauftem Kasten würden 50 Cent gespendet.

Das Ziel der Marktdurchdringung ist ambitioniert: In jedem zweiten Berliner Späti, mindestens aber in 500 Läden soll das Exportbier bald zu haben sein. Hinter dem Vorhaben steckt die J-MeinGut AG, die Wermke zusammen mit Markus Krönert als ehrenamtlicher Vorstand führt. Das Jungunternehmen vertreibt bereits ein Pils und verschiedene Erfrischungsgetränke, größtenteils über einen Lieferdienst und bei Veranstaltungen für junge Leute. Das soll sich beim neuen Bier ändern, den Vertriebsweg Späti sieht Wermke auch als Sprungbrett für den Supermarkt, also hin zu einer breiteren Masse.

Mit Experimenten hat das nichts zu tun

Mit Craftbier-Experimenten hat das Vorhaben nichts zu tun. Wermke studiert Wirtschaft und Politik, die Herstellung des Biers überlässt er lieber Experten. Für die Jesöff-Produktion konnte er eine thüringische Brauerei gewinnen, eine Logistikfirma liefert an die Verkaufsstellen aus. J-MeinGut übernimmt lediglich Werbung und Organisation. Schon im Oktober sollen die ersten Flaschen probeweise in Spätis erhältlich sein.

Maxim Wermke will das „Eigentum mehr in den Fokus stellen“, auch beim Trinken

Das Jesöff ist nicht das erste Sozialbier. Schon seit 2010 gibt es zum Beispiel die Biere von Quartiermeister*in – mit dem Slogan „zum Wohle aller“ – auf dem Berliner Markt. Mehr als 180.000 Euro Spendengelder für insgesamt 160 Projekte kamen bereits zusammen, wie sich der Quartiermeister-Website entnehmen lässt.

Der schlagende Unterschied des neuen Jesöff zu den anderen derartigen Angeboten werde der Preis sein, kündigt Wermke an. Mit angestrebten Verkaufspreisen von 80 Cent bis einem Euro pro Flasche im Späti soll es auch für das dünnere Portemonnaie konkurrenzfähig sein. Möglich gemacht werden soll das durch eine effiziente Lieferkette.

Es scheint verwunderlich, dass eine Aktiengesellschaft hinter einem Projekt steht, das Inhaberstrukturen kritisch hinterfragt. Eine „gemeinwohlorientierte Rechtsform“ für Unternehmen gebe es laut Wermke jedoch nicht. Auch eine Genossenschaft sei nicht die richtige Form, da sie den „Gewinn der Mitglieder“ in den Vordergrund stelle. Mit der Wahl einer AG, verbunden mit einem Verein als Ankeraktionär, wurde selbst eine passende Rechtsform kreiert.

Anteile sollen zurückgekauft werden

Das Stammkapital für die AG haben zwei private Spender*innen zur Verfügung gestellt; mit den Einlagen des Vereins und der Einzelaktionär*innen werden die Anteile zurückgekauft. Gewinnausschüttung an Aktionär*innen erfolgt nicht. „Transformative Projekte“ als Verwendungszwecke für die 50 Cent pro verkaufter Bierkiste kann jedes Vereinsmitglied und jede*r Anteilseigner*in vorschlagen. Letztlich entscheidet die Hauptversammlung.

Ein Mann hält einen Bierkasten hoch

50 Cent je Kasten gehen an ein soziales Projekt Foto: André Wunstorf

Der operative Gewinn des Unternehmens diente bisher zur Finanzierung der Werbemaßnahmen. Diese zielten nicht auf einzelne Produkte ab. Wichtiger ist Wermke „idealistische Werbung“, die zu politischer Aktivität und zum Nachdenken anregen soll. „Wem jehört der Laden?“ steht zum Beispiel auf einem seiner Werbeaufkleber, eine kleine Sensibilisierung für alternative Inhaberstrukturen.

Noch ist das Jesöff Zukunftsmusik. Die Markteinführung des neuen Biers soll durch 10.000 Euro aus einem Crowdfunding-Aufruf ermöglicht werden. Hier gilt das Prinzip „alles oder nichts“: Wenn das Geld bis Ende September nicht zusammenkommt, wird kein Cent ausgezahlt und das Projekt würde sterben.

Die Kampagne ist für Wermke auch eine Art Marktanalyse, denn das Jesöff soll ein Bier für alle werden, das Interesse daran müsse also „von der Crowd kommen“. Eine Vorfinanzierung über einen Kredit kommt für ihn daher nicht in Frage. Viele kleine Beiträge seien wertvoller als große Einzelspenden.

Hierfür verteilen Maxim Wermke und seine Mitstreiter*innen gerade eifrig Flyer in Parks und teilen ihr Werbevideo bei Social Media. Bei Erfolg der Kampagne erhalten die Unterstützer*innen ein „Dankeschön“: Kugelschreiber, Feuerzeuge, natürlich kistenweise Bier.

Und wem so ein neues Jesöff mindestens 500 Euro wert ist, darf dann bei dem ganz besonderen Event „Saufen mit dem Vorstand“ kräftig darauf anstoßen. Auch so exklusiv kann man zu dem neuen Sozialbier kommen.

www.startnext.com/unser-sterni

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