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Sojawirtschaft will wieder mehr roden

Ein Moratorium sollte sicher stellen, dass für den Anbau der Hülsenfrucht in Brasilien kein Regenwald gerodet wird. An diesem Montag wird es beendet

Reste von Amazonas Regenwald in Pará state, Brasilien, im Oktober 2024: Frisch gerodet für den Sojaanbau Foto: Amanda Perobelli/reuters

Aus Salvador Da Bahia Christine Wollowski

In Brasilien bröckelt der Waldschutz: Nach zwanzig Jahren ist es vorbei mit dem brasilianischen Soja-Moratorium, das laut Greenpeace die weltweit umfassendste und erfolgreichste Vereinbarung gegen Entwaldung war. Zum 16.2.2026 tritt die Abiove, die brasilianische Vereinigung der Pflanzenölindustrie, aus dem Moratorium aus.

Im Jahr 2006 hatten sich 25 Sojakonzerne und diverse Vereinigungen verpflichtet, nicht von Erzeugern zu kaufen, die auf nach 2008 abgeholzten Flächen anpflanzten. Damit reagierten sie auf den Druck europäischer Einkäufer, die kein Soja handeln wollten, für das Regenwald vernichtet worden war.

Laut Abiove hat die Vereinbarung nun ihren Zweck erfüllt. Künftig würden die brasilianischen Gesetze wie der Forstwirtschaftskodex (Codígo florestal) den Erhalt der „hohen sozialen und ökologischen Standards“ in der brasilianischen Sojaproduktion sicherstellen. Eine Untersuchung des Institut Centro de Vida (ICV) hingegen zeigt, dass 91 Prozent der Entwaldung im Amazonasgebiet zwischen August 2023 und Juli 2024 illegal war.

Der Austritt der Abiove aus dem Moratorium ist eine direkte Folge eines im Januar im brasilianischen Agro-Bundesstaat Mato Grosso in Kraft getretenen Gesetzes. Danach sind alle Produzenten, die sich zu höheren Standards als den gesetzlich vorgeschriebenen verpflichten, künftig von den milliardenschweren staatlichen Förderungen und Steuerbefreiungen ausgeschlossen und erhalten kein Nutzungsrecht mehr für öffentliche Ländereien.

Die Regierung unter Präsident Luiz Inácio Lula da Silva hat eine Verfassungsklage gegen das Gesetz eingelegt. Das Oberste Bundesgericht lehnte sie jedoch ab. Der Bundesstaat könne seine eigenen Kriterien entwickeln, und privatrechtliche Vereinbarungen hätten sich übergeordneten Gesetzen anzupassen, heißt es in der Entscheidung.

Brasilien ist der größte Sojaexporteur der Welt und wird in diesem Jahr voraussichtlich 113 Millionen Tonnen produzieren. Rund 1,8 Millionen Tonnen davon gehen direkt nach Deutschland. Die EU hat vor Kurzem ein Handelsabkommen mit dem Mercosur-Staatenbund verabschiedet, zu dem auch Brasilien gehört. Es soll die Handelsbeziehungen vertiefen. Zwar gilt auf Sojaimporte in die EU bereits Zollfreiheit, allerdings senkt das Abkommen insgesamt Handelsbarrieren und erlaubt eine geringe Menge zollfreier Einfuhren von Fleisch. Ein Großteil der Sojaproduktion wird als Futtermittel verarbeitet.

Im Gegensatz zur Eigendarstellung der Lobbyisten ist das Sojageschäft keineswegs nachhaltig: Daten der Lieferkettenplattform Trase zeigen einen Anstieg der für Sojapoduktion abgeholzten und umgewidmeten Flächen von 635.000 Hektar im Jahr 2020 auf 794.000 im Jahr 2022. Neben dem Amazonas-Biom ist vor allem der Cerrado, die brasilianische Savanne, betroffen.

Der Austritt aus dem Soja-Moratorium ist nicht nur ökologisch eine Katastrophe, sondern auch ökonomisch wahnsinnig kurzsichtig

Harald Gross, Greenpeace

Laut einer Vorstudie des Amazonas-Umweltforschungsinstituts IPAM (Instituto de Pesquisa Ambiental da Amazônia) könnte das Ende des Moratoriums die Entwaldungsrate allein im Amazonas-Biom bis 2045 um bis zu 30 Prozent steigern.

„Der Austritt aus dem Soja-Moratorium ist nicht nur ökologisch eine Katastrophe, sondern auch ökonomisch wahnsinnig kurzsichtig“, sagt Greenpeace-Waldexperte Harald Gross. Die Abiove vertritt die weltweit wichtigsten Agrarhändler, darunter Cargill, Bunge, ADM und Louis Dreyfus.

14 europäische Großkunden, darunter Tesco, Lidl und Aldi, kündigten bereits an, kein brasilianisches Soja mehr zu kaufen, sollten die Lieferketten nach dem Ende des Moratoriums nicht mehr nachvollziehbar sein. Die europäischen Einkäufer tragen nun ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem die EU-Entwaldungsrichtlinie empfindlich geschwächt wurde, besondere Verantwortung für die Erhaltung des Regenwalds.

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