Softwarekonzern SAP setzt auf Autisten

Der andere Blick

Sie arbeiten konzentriert und fehlerfrei, ohne zu ermüden. Trotz zum Teil massiver Kommunikationschwierigkeiten können Autisten ideale IT-Spezialisten sein.

Jedes Kabel muss auch an den richtigen Platz. Bild: dpa

BERLIN taz | Das Softwareunternehmen SAP will in den nächsten Jahren vermehrt Menschen mit Autismus als Softwaretester, Programmierer oder in der Qualitätssicherung einsetzen. In Zusammenarbeit mit dem dänischen Unternehmen „Specialisterne“ soll der Anteil der Autisten auf rund ein Prozent der Belegschaft ausgebaut werden. Weltweit arbeiten derzeit rund 65.000 Menschen für den im baden-württembergischen Walldorf ansässigen Software-Riesen.

Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu einem Prozent der Bevölkerung mehr oder weniger von Autismus betroffen sind. Unter Autismus wird ein ganzen Spektrum an verschiedenen Entwicklungsstörungen oder Krankheitsbildern zusammengefasst.

Erste Symptome treten schon bei Kindern unterschiedlichen Alters auf. Die betroffenen Kindern kapseln sich von der Umwelt ab, sie ziehen sich in ihre eigene Welt zurück. Die Kommunikation mit anderen Menschen ist gestört. Häufig gibt es auch Probleme bei der Sprachentwicklung. Autisten neigen dazu, ein bestimmtes, immer wiederkehrendes Verhalten zu zeigen. Schon leichte Störungen ihrer Ordnung können Autisten aus der Bahn werfen.

Die Symptome können sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Das Asperger-Syndrom zum Beispiel, dass schon bei Kindern im Kindergarten beginnen kann, ist eine milde Form des Autismus. Die Sprachentwicklung und auch die Intelligenz ist in der Regel ohne Auffälligkeiten. Auch als Erwachsene können sie einige ein eigenständiges Leben meistern. Andere wiederum werden ein Leben lang auf Hilfe angewiesen sein.

In einzelnen Gebieten können Autisten manchmal zu außergewöhnlichen Leistungen fähig sein. Bücher auswendig lernen oder gar parallel im Schnelldurchgang lesen, Stadtpläne fotografisch abspeichern oder dicke Telefonbücher auswendig lernen.

Inoffiziell werden diese Symptome als High-Functioning-Autismus (Hochfunktionaler Autismus) bezeichnet. Allgemeines Kennzeichen bleibt aber eine eingeschränkte Kommunikation und Schwierigkeiten bei der Eingliederung in Gemeinschaften. Autisten benötigen daher besondere Rahmenbedingungen, vor allem in der – oftmals rauen – Arbeitswelt.

Produktivität nahm zu

Die Zusammenarbeit mit Autisten ist für SAP nicht ganz neu. Sie war bisher auf Indien beschränkt. Dort stellte die Softwarefirma 2011 sechs Mitarbeiter mit Autismus als Softwaretester ein. Nach den Angaben von SAP hat das Team danach „seine Produktivität und seinen Zusammenhalt verbessert“.

Jetzt soll das Programm bei SAP weltweit eingeführt werden. Noch in diesem Jahr werden in einem Pilotprojekt in Irland fünf Positionen besetzt. SAP-Niederlassungen in Deutschland, den USA, Kanada und fünf weiteren Ländern werden folgen.

Für SAP sei das Projekt eine Chance, im weltweiten Kampf um talentierte IT-Mitarbeiter besonders spezialisierte Menschen zu finden, erläutert Anka Wittenberg von SAP das Projekt.

Vielleicht mag auch ein caritativer Aspekt eine Rolle gespielt haben. Das Softwareunternehmen hofft aber auch Spezialisten gewinnen zu können: „Nur wenn wir Mitarbeiter einstellen, die anders denken und so Innovationen fördern, kann SAP den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts begegnen“, sagt Luisa Delgado, die bei dem Software-Riesen im Vorstand sitzt.

Ein Vater steigt um

Die Firma Specialisterne, mit der SAP bei dem Autisten-Programm zusammenarbeitet, wurde 2004 von Thorkil Sonne gegründet. Der Däne ist selbst Vater eines Kindes mit Autismus. Die Firma hat sich darauf spezialisiert Arbeitsplätze für Autisten zu schaffen. Sie bildet aus, hilft Unternehmen bei der Mitarbeiterauswahl und der Schaffung von angepassten Arbeitsbedingungen. Mittlerweile hat Specialisterne in mehren Ländern Niederlassungen.

„Das Besondere bei SAP ist, dass erstmals ein großes, weit verzweigtes Unternehmen weltweit besondere Arbeitsplätze für Menschen mit Autismus schaffen will“, sagt Matthias Dalferth, Professor für Sozialwissenschaften an der Hochschule Regensburg. Den Gedanken, dass SAP nur Imagepflege betreibt, weist Dalferth, der auch im wissenschaftlichen Beirat des „Bundesverbands zur Förderung von Menschen mit Autismus“ angehört gegenüber der taz zurück. „Es ist immer eine gute Sache, diesen Menschen zu helfen“.

Der Regenburger Professor schätzt die Zahl der von Autismus Betroffenen in Deutschland auf etwa eine halbe Million. Etwa 5 bis 6 Prozent davon haben einen Job in der normalen Arbeitswelt. Bei Menschen mit Asperger-Syndrom oder High-Functioning-Autismus sind es rund 20 Prozent. Es könnten dreimal soviel sein, so Dalferth.

Ohne müde zu werden

Die IT-Branche ist so etwas wie ein Vorreiter. Auch wenn es mit der Kooperation oder Teamarbeit häufig hakt, Autisten können sehr konzentriert wiederholende Aufgaben leisten und das fehlerfrei und ohne schnell zu ermüden. Beispielsweise komplizierte Kabelverbindungen planen oder umfangreiche Kabelbäume überprüfen.

Die möglichen Einsatzorte sind aber nicht auf die IT-Branche beschränkt. Dalferth verweist auf die Berufsbildungswerke in Deutschland. Dort werden Autisten auch auf Arbeiten mit Metall oder Farbe, in der Gestaltung und für andere Berufszweige vorbereitet.

Für Unternehmer gibt es einen weiteren Vorteil, wenn sie Autisten beschäftigen – zumindest in Deutschland. Da Firmen und Einrichtungen der öffentlichen Hand hierzulande angewiesen sind, fünf Prozent ihrer Jobs mit Schwerbehinderten zu besetzten, könnten sie so ihre Quote erfüllen und müssten keine Strafzahlungen mehr leisten.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben