Soap&Skin-Konzert in Berlin: Schmerz als Grundnahrungsmittel
Durch die eigene Vergangenheit – und Zukunft: Im Rahmen des „Love is a verb“-Festivals im Berliner HAU spielte Musikerin Soap&Skin eines ihrer selten gewordenen Konzerte.
Foto: Clemens Schmiedbauer
Im Hintergrund ersticht eine Frau mit wehenden Haaren stumm einen Drachen, gemalt auf einem fragmentierte Hintergrundbanner, als Anja Plaschg alias Soap&Skin und ihre Schwester, die begleitende Musikerin Evelyn Plaschg, die Bühne betreten. Ansonsten passiert erst mal nichts, das Publikum im ausgebuchten Saal des Berliner HAU 1 am Dienstagabend scheint ehrfürchtig eingefroren, in den ersten Reihen verströmt ein Strauß rosa Lilien seinen süßlichen Gruftgeruch.
Dann setzt Soap&Skin sich ans Klavier, beginnt eins ihrer selten gewordenen Konzerte und holt scheinbar sofort eine Art dunklen Geist ihrer US-amerikanischen Kollegin Cat Power in den Saal. Eine Assoziation, die Plaschg schon seit Anfang ihrer Karriere begleitet. 2009 war es, da war sie gerade mal 19 Jahre alt, als sie ihr erstes Album „Lovetune for Vacuum“ veröffentlichte und damit sofort wochenlang an der Spitze der österreichischen Charts abhing. Plaschg sieht an dem Abend so jung aus, es fällt schwer zu verstehen, dass sich nun schon das zwanzigjährige Bühnenjubiläum der Musikerin jährt.
Dementsprechend spielt sie sich hier durch ihre eigene Vergangenheit – und Zukunft. Von fast jedem Album tauchen Stücke auf, intoniert sie beispielsweise dramatisch, mit Nachdruck in Tasten und Stimme „Vater“, von der 2012er-Veröffentlichung „Narrow“ oder eins ihrer Soundtrackstücke des Marie Kreutzer Sissi-Films „Corsage“.
Wenig Kontakt zum Publikum
„Love is a verb“ – Liebe ist ein Verb, so heißt das Festival im HAU, in dessen Rahmen das Soap&Skin-Konzert stattfindet. Sitzt man still im Dunkeln, scheint es jedoch vor allem Schmerz zu sein, der hier als Grundnahrungsmittel die Inspiration füttert, wenn Plaschg ihre Stimme auf der Messerschneide vor dem Abrutschen entlang schiebt und sie schließlich wimmernd beim Um-Hilfe-Flehen in „Spiracle“ fast versagen lässt. Die Zeit hat hier die Wunde scheinbar nur zum Eitern gebracht.
Wie gewohnt spricht die Künstlerin wenig mit ihrem Publikum. Ein bisschen Danke, ein bisschen Betonung der eigenen Aufgeregtheit. Dabei ist es schwer zu entziffern, was authentische Kontaktaufnahme, was Performance ist.
Immer wieder ringt die Musikerin in ihren Stücken mit sich wiederholenden Takten, scheint in Songs, wie dem Sufjan Stevens Cover „Mystery of Love“, nach den Liedzeilen zu suchen und doch ergänzen diese neurotisch-zitternden Augenblicke die Bühnenperson, dieses So-lange-mit-dem-Seifenstück-über-den-Körper-reiben-bis-es-wehtut, so ungebrochen, dass man es fast für gespielt halten kann, würde nicht später beim ersten Schlussapplaus Schwester Evelyn der Sängerin so unauffällig und zärtlich die Schulter drücken, dass sie plötzlich mit voller Wucht da ist: die Liebe in der Tat. Mit all ihrem Trost, ihrem Zuspruch und vielleicht auch einer Prise Mitleid: Es muss sehr weh tun, den Drachen immer wieder zu töten. Oder zumindest so zu tun.
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