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„So was kriegst du nicht künstlich nachgebaut“

Michael Höller ist Groundhopper. Der Fußballfan reist gerne zu Lost Grounds – Stadien, die verfallen. Ein Gespräch über Fußball, Nostalgie und den Sinn solcher Reisen in Zeiten der Klimakrise

Interview Alina Schwermer

taz: Herr Höller, Sie sind zu Hunderten Lost Grounds in ganz Europa gereist, also Fußballstadien, die verlassen sind und zum Beispiel nur noch als Ruinen existieren oder abgerissen wurden. Was fasziniert Sie daran?

Michael Höller: Ich bin so einer, der immer mit einem Ereignis einen Ort verbindet. So ging es mir zum Beispiel mit dem ersten Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft 1908 gegen die Schweiz. Da habe ich rausgefunden, dass es dieses Landhof-Stadion in Basel noch gibt, und bin hingereist. Ich fahre zu einem Ort und weiß nie genau, was mich erwartet. Ob ich in die Ruine reinkomme, ob überhaupt noch was da ist. Manchmal komme ich an und das Stadion ist gerade abgerissen worden. Aber meistens findet man noch etwas vor.

taz: Wie kann man sich so einen Lost Ground vorstellen, wenn Sie noch was vorfinden?

Höller: Einer meiner Lieblingsgrounds ist das Shawfield Stadium in Glasgow. Da hat bis 1986 der Clyde FC gespielt, der war zwischenzeitlich Erstligist, da war die Hütte voll. Und jetzt ist da kein Mensch mehr. Das Stadion hat ein spitzes, zulaufendes Dach, ganz klassisch britisch, aber viele Dachteile sind schon runtergefallen. Man sieht die relativ flachen Ränge noch. Es ist total aus der Zeit gefallen. So ein schönes Stadion, das die Natur sich gerade zurückholt.

taz: Solche Stadien schaffen Erinnerungen für viele Generationen, dann werden sie plötzlich vom Klub verlassen. Wie geht die Gesellschaft mit so einem Ort um?

Höller: 2023 waren die Fans mit ein paar Spielern noch mal im Stadion, um sich zu verabschieden, weil vor Corona mit der Hunderennbahn auch der letzte Betrieb dichtgemacht hatte. Sie haben per Tonband das Vereinslied gespielt. Und an einer Stelle, wo es einmal eine tödliche Massenpanik gab, haben sie eine Gedenkfahne aufgehängt. Für die Leute war das ein Teil des Lebens. So einen Ort kriegst du nicht künstlich nachgebaut. Wenn er einmal abgerissen ist, ist er für immer verloren.

taz: Wie sollten wir mit diesen Orten umgehen, statt sie abzureißen oder verrotten zu lassen?

Höller: Ich bin Realist genug, um zu wissen, dass wir Fußballnostalgiker in der Minderheit sind. Und gerade bei den knappen Stadtkassen haben Dinge wie Kitas und Schwimmbäder natürlich Priorität. Aber trotzdem frage ich mich bei historisch bedeutsamen Stätten wie dem Stadion Weidenpescher Park in Köln, wo eine der ältesten erhaltenen Fußballtribünen in Deutschland steht und 1905 und 1910 das Finale um die Meisterschaft gespielt wurde: Warum lässt die Stadt das so verkommen? Die Tribüne sollte renoviert werden, ein kleines Museum dahin oder zumindest eine Gedenktafel.

taz: Kennen Sie ein positives Beispiel in Deutschland?

Höller: Der Bökelberg, das alte Stadion von Borussia Mönchengladbach, ist als Erinnerungsstätte eingerichtet. Man kann die Ränge noch sehen und auf dem ehemaligen Spielfeld stehen Wohnhäuser. In der alten Nordkurve gibt es einen Gedenkort. Man könnte in Deutschland sicher mehr machen. Viele Stadien liegen brach.

taz: Wohnhäuser wie am Bökelberg werden in mehrere alte Stadien Europas gebaut, zum Beispiel im denkmalgeschützten Highbury-Stadion von Arsenal. Meist sind es Luxuswohnungen für Überreiche. Ist das eine Lösung oder ein neues Problem?

Höller: Ich bin bei so etwas skeptisch. Die Neubauten kosten viel Geld. Die Art-déco-Fassade am alten Stadion von Arsenal, die durch das Konzept erhalten bleiben kann, ist wunderschön. Aber die Leute, die da früher auf der Tribüne gesessen haben, sind nicht die, die da heute wohnen.

taz: Wie könnte man denn einen Erinnerungsort so gestalten, dass er auch für die breite Gesellschaft gemacht ist?

Höller: Ein schönes Beispiel ist Bootham Crescent im englischen York. Die wurden die Fans und die Denkmalschutzbehörde bei der Planung mit einbezogen. 2023 wurde das Stadion abgerissen und Wohnungen wurden dorthin gebaut. Aber so, dass man den Ort als solchen wiedererkennt. Ein Stück vom Spielfeld mit Mittelkreis und ein Teil der Fantribüne bleibt erhalten. Außerdem wird es einen Erinnerungsgarten geben, wo die Urnen von Fans, die sich damals unter dem Spielfeld haben bestatten lassen, wieder beigesetzt werden. Es gab damals im Stadion einen Fahnenmast, da hat man die Fahne immer fünf Minuten vor Spielbeginn gehisst, für die Leute, die keine Uhr hatten. Auch die Fahne wird wieder stehen. Da hat man sich wirklich Gedanken gemacht.

taz: Klingt sehr spannend. Wie sind Sie überhaupt auf dieses ungewöhnliche Hobby gekommen?

Höller: Ich habe um 2012 mitbekommen, dass immer mehr Stadien verschwinden, die ich selbst noch besucht habe. Mich hat beeindruckt, was passiert, wenn so ein Ort verlassen wird. In England sind zum Beispiel nach der Hillsborough-Katastrophe 1989 (eines der größten Unglücke in der Fußballgeschichte mit 97 Toten, Anm. d. Red.) viele Stadien wegen fehlender Sicherheitsstandards nicht mehr genutzt worden. Ich vermute, deshalb sind Lost Grounds in England unter Groundhoppern ein viel größeres Thema.

taz: Beim Groundhopping suchen Fans möglichst viele Spiele und Stadien in verschiedenen Ländern auf. Früher war das ein Hobby von Nerds. Durch Social Media und Sport­event-Tourismus hat sich die Suche nach den Stadien ex­trem verändert.

Höller: Ich mache Groundhopping, seit es um 1990 nach Deutschland gekommen ist. Ich bin immer allein unterwegs. Aber auch ich kriege mit, dass sich das Hobby stark verbreitet hat. Früher haben das alle nur aus Spaß gemacht. Heute fragt man sich schon, ob jemand das nur für Klicks macht.

taz: Im modernen Tourismus suchen alle nach Authentizität. Auch beim Groundhopping geht es viel um vermeintlich authentischen Fußball in unterklassigen Ligen. Wird da auch etwas verklärt?

Höller: Erst mal finde ich es positiv, dass dadurch die unterklassigen Ligen stärker in den Vordergrund rücken. Wenn jemand eine Perle entdeckt hat, fahren viele dahin. Aber mit Kommerz hat es natürlich immer zu tun. Selbst beim allerersten offiziellen Fußballspiel in England gab es Sponsoring und Sportwetten. Trotzdem glaube ich: Leute mit richtig Geld in der Tasche machen kein Groundhopping. Da geht es eher darum, möglichst viel und billig irgendwohin zu kommen. Das finde ich bewundernswert. Manche Leute schlafen nächtelang im Auto, damit sie es sich leisten können.

taz: Der Groundhopper Matt Barnes hat Gleichgesinnte in verschiedenen Foren befragt und ermittelt, dass 75 Prozent der Reisen Flüge sind und fast 30 Prozent der Community alle drei Monate ins Ausland reist. Muss sich das Hobby in der Klimakrise verändern?

Höller: Durch die Billigflieger hat das Groundhopping in den 2000er Jahren einen richtigen Schub bekommen. Früher ist man mit Interrailticket 24 Stunden nach Lissabon gefahren. Hardcore-Fans können wunderbare Geschichten erzählen von Zugfahrten durch Jugoslawien ins abgeschottete Albanien. So was gibt es heute nicht mehr. Es ist nichts Besonderes mehr, mal schnell am Wochenende für 20 Euro nach Portugal zu fliegen.

Michael Höller

Der Groundhopper besucht seit 1990er Jahren unter anderem Lost Grounds. 2025 erschien sein Buch „Ein Stadion geht – Die Legende bleibt“.

taz: Ist das angesichts des Klimakollaps noch vermittelbar?

Höller: Das ist eine berechtigte Frage. Aber ist es unsere Freiheit, machen zu können, was geht. Ich glaube, man kann es nur über Preiserhöhung steuern. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Groundhopper freiwillig wegen ihrer Klimabilanz zu Hause bleiben. Schon jetzt gibt es bei Preiserhöhungen einen Aufschrei: Oh, da kann ich nicht mehr 30-mal im Jahr fliegen, sondern nur noch 20-mal. Ich kenne jemanden, der zweimal im Quartal nach Australien fliegt. Er wird von allen dafür bewundert.

taz: Das sind schon krasse Zahlen. Die Vielfliegerei von Groundhoppern und Ultras ist ein blinder Fleck im Fußball, wo es meist um die Reisen von Spielern geht.

Höller: Ohne Regulation wird das so weitergehen. Aber der Fußball hat von Anfang an dazu beigetragen, dass eine Reisekultur entsteht. Schon zu den ersten FA-Cup-Spielen in England Ende des 19. Jahrhunderts sind Tausende Fans mit dem Zug gekommen. Dadurch hat sich eine richtige Fußballtourismus-Industrie entwickelt, auch mit Hotels.

taz: Ist etwas am Groundhopping verloren gegangen dadurch, dass man heute nicht mehr tagelang im Zug nach Albanien fährt?

Höller: Ja, ich glaube schon. Wenn man so schnell im Flieger dort ist, rückt alles näher ran. Ich habe keinen Führerschein und muss oft den Weg mit dem ÖPNV irgendwohin finden. Ich war mal mit einem Kumpel im Auto als Beifahrer unterwegs, da waren wir super effizient und haben zehn Lost Grounds auf einmal besucht. Aber es war nicht spannend, denn ich habe sie mir nicht erkämpft. Früher war alles so verdammt weit weg. Heute ist der Reiz ein bisschen verloren gegangen.