: Sitzen und Liegen verboten
Wer sich nicht an die neue Hausordnung im Bahnhof Zoo hält, fliegt raus / 190 Personen haben Bahnhofsverbot / Drogenszene am Hardenbergplatz ■ Von Barbara Bollwahn
Bernhard Kroller hat bis zur Abfahrt seines Zuges noch eine halbe Stunde Zeit. Die nutzt er, um an einem der neueröffneten Imbißstände auf dem Bahnhof Zoo etwas zu essen. Zu den frischen Bratkartoffeln und einer Boulette, die er „viel billiger und besser als das Essen im Zugrestaurant“ findet, bekommt er einen Live-Einsatz der Polizei frei Haus geliefert.
Neben dem Imbiß „Alles Wurscht“ scharen sich sechs uniformierte junge Polizisten mit Bürstenhaarschnitt und Sonnenbrille um ihren Vorgesetzten, der über seiner Zivilkleidung eine Polizeiweste trägt. Schulter an Schulter warten sie mit ernsten Gesichtern auf den Einsatzbefehl. In Zweiergruppen steuern sie die Ausgangstür an. Hinter dem Schild „Heut sind die Berliner froh, nu jibt's n' neuen Bahnhof Zoo“ gehen sie in Deckung. Mit dem Schlachtruf „Vorwärts“ wird die „Zugriffsmaßnahme“ am Hardenbergplatz eingeleitet. Die Truppe stürmt die Treppe zur U-Bahn hinunter, vorbei an verdutzten Passanten. Auf der gegenüberliegenden Seite stoßen sie zu etwa 50 weiteren Kollegen, die bereits den Bereich um Mc Donald abgesperrt haben.
Der Einsatz der Operativgruppe City West am Donnerstag nachmittag war zwar „ziemlich erfolglos“, so die Pressestelle der Polizei. Aber seitdem die Drogenszene offensichtlich aus dem Bahnhof Zoo raus ist, scheint sie sich auf die gegenüberliegende Seite zu konzentrieren. Und dafür ist die Polizei zuständig.
Um den inneren Bahnhofsbereich kümmert sich der Bundesgrenzschutz (BGS). Seitdem im Dezember letzten Jahres die Zoowache der Polizei ausgezogen ist, muß der BGS auch deren Aufgaben mit übernehmen. Das hat bisher zu einer Erhöhung der Arbeit um etwa zwanzig Prozent geführt, so die Pressestelle.
Die Verkäuferin im Krawatten- und Tücherladen, einem der dreiundzwanzig neueröffneten Geschäfte, ist mit dem Umsatz zufrieden. Hin und wieder sehe sie zwar noch „einige Penner“, aber da sie sich nicht mehr setzen dürften, habe sich die Szene zerstreut. Nach Auskunft der BGS-Pressestelle herrscht bei den Geschäftsleuten „große Zufriedenheit“. Auch die Verkäuferin im Tabak- und Rauchwarengeschäft kann nicht klagen. „Der Boss-Wachschutz ist immer um uns“, sagt sie.
Neben privaten Wachschützern sind pro Schicht vier BGS-Beamte und zusätzliche Zivilfahnder auf dem Bahnhof im Einsatz. Sie alle achten auf die Einhaltung der Hausordnung der Deutschen Bahn. Diese verbietet neben dem „Betteln und Herumlungern“ auch „übermäßigen und gewohnheitsmäßigen Alkoholgenuß“ und das „Sitzen und Liegen auf dem Boden“. Seit der Eröffnung des ersten Bauabschnitts im Dezember 1993 mit 2.000 Quadratmetern Verkaufsfläche ist das „Bahnhofsmilieu nach außen gedrängt worden“, so die Pressestelle weiter. Seitdem wurden 37 Prozent mehr Verweise als im Vorjahr erteilt. Nach zwei Verweisen gibt's Hausverbot.
Gegenwärtig dürfen 190 Personen den Bahnhof nicht betreten. „Handlungszwang“ entstehe erst bei einer „penetranten Bahnhofsbelagerung“, so ein BGS-Sprecher. Man mache einen „gewissen Unterschied“ zwischen der „Berberszene“ und „Jugendgruppen mit Reisegepäck, die auch saufen“. Das heißt, Personen, die sich offensichtlich weder zum Einkaufen noch zum Reisen im Bahnhof aufhalten, fliegen raus. Oftmals werden sie mit dem dezenten Hinweis „Kommen Sie besser nicht mehr her“ vor die Tür gesetzt, erzählt ein Mann, der seine Suche nach Verkäufern des Obdachlosenmagazins Haz außerhalb des Bahnhofs fortsetzen muß.
Die, die sich an die Hausordnung halten, können von Zeitungen über Tee, Seidenblusen, Fisch, bis zu Brot, Souvenirs, Blumen und Lebensmitteln so ziemlich alles auf dem Bahnhof kaufen. Demnächst kommen noch eine Apotheke und ein Body-Shop hinzu. Auch die Deutsche Bahn (DB) versucht den Reisenden zusätzliches Geld aus der Tasche zu ziehen. Das DB-Logo prangt z.B. auf Armbanduhren (99 Mark), Miniatur-Zugschlußlaternen (69 Mark), Anstecknadeln (12 Mark) und Krawattenklammern (15 Mark), die der Reisende neben Emailleschildern mit Sprüchen wie „Nicht auf den Boden spucken“ oder „Spülen und Abortdeckel schließen“ bestellen kann. Bisher laufe der Verkauf schlecht, so die Pressestelle der DB in Frankfurt. Auch der Rücklauf an Karten, auf denen der Geschäftsbereich Personenbahnhöfe die Reisenden um ihre Meinung zum neuen Bahnhof bittet, hält sich in Grenzen. Nur etwa zwanzig Reisende teilten ihre Anregungen der Zentrale in Frankfurt mit.
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