Silvestertradition und Sinneserfahrung: Kleine Stinkefische, große Liebe

Ohne Sardellen an Silvester geht das nächste Jahr gründlich schief, weiß unsere Autorin inzwischen. Der Beweis? Das Jahr 2021.

Salziges Knabbergebäck in Fischform

In Österreich werden süße Glücksfische verzehrt, andere bevorzugen salziges Knabbergebäck Foto: Jochen Tack/imago

Neulich las ich im Internet, dass viele Leute in Österreich zu Silvester an Fischbiskotten knabbern, Bisquitkeksen in Fischform. Das soll Glück bringen, eh kloar, funktioniert aber nur, wenn das Teigtier von hinten nach vorn verzehrt wird, von der Schwanzflosse zum Kopf – damit das Glück nicht fortschwimmt, so geht der Aberglaube in dem ulkigen Land mit den hohen Bergen und hübschen Kühen, den bestechlichen Politikern und gar nicht mal so üblen Schriftstellerinnen.

Wie ich darauf kam? Weil ich das Wort „Glücksfische“ aus Recherche­zwecken in die Suchmaschine eingab. Ich war nämlich der festen Über­zeugung, dass es echte Glücksfische gibt. Das sie millionenfach gegrillt, gekocht, mariniert und in der Nacht der Nächte in Familien und Freundschaftskreisen serviert werden, um Frieden, Liebe, Geld und Gesundheit über die Welt zu bringen. Dass es sich um eine jahrhundertealte Tradition handelt, von der ich irgendwann irgendwo schon mal gehört oder gelesen hatte. Intuitiv verortete ich sie in Asien. Vielleicht auch in einer orthodoxen Balkanregion. Oder in einem Weltkultur­erbe­dorf nördlich des Polarkreises.

Zu meiner herben Überraschung schien jedoch das steinige Österreich das einzige Land weltweit zu sein, das Glücksfische kannte – und eben bloß als Süßgebäck. Während ich die augenscheinlich einzige Person auf dem Planeten Erde war, die sich seit Jahren strikt an folgende Verhaltensregel hielt: „Man muss zum Jahreswechsel kleine Stinkefische essen, sonst geht in den zwölf Monaten darauf alles schief!“

Mit „kleinen Stinkefischen“ meine ich sauer eingelegte Sardellen. Die Sardelle – von angeberischen Gemütern auch „Anchovi“ genannt, Engraulidae lautet ihr biologischer Name – ist die zierliche Cousine der Sardine. Beide zählen zur Familie der „Herings­artigen“ und treten in Schwärmen auf, stets in Küstennähe und in besonders großer Zahl im westlichen Mittelmeer. So gut wie wissenschaftlich bewiesen ist auch dies: Liegen am 31. 12. keine marinierten Sardellen in meinem Kühlschrank und bis zum 1. 1., spätestens 12 Uhr mittags, nicht in meinem Bauch, ist das ein schlechtes Omen.

Neues Jahr, neue Pläne? Für die Neujahrsausgabe der taz am wochenende haben wir sechs Menschen gefragt, wie sie mit den Unwägbarkeiten der Pandemie umgehen. Außerdem: Die AKWs in Grohnde, Brokdorf und Gundremmingen gehen vom Netz – ein energiepolitischer Kommentar und eine Erinnerung an eine Kindheit im Schatten der Kühltürme. Und: Was macht ein gutes Brettspiel aus? Ab Freitag am Kiosk, im eKiosk, im praktischen Wochenendabo und rund um die Uhr bei Twitter.

Beweis gefällig? An Silvester vor einem Jahr war mir um 21.57 Uhr siedend heiß eingefallen: „Die Sardellen fehlen!“ Die Lebensmittelläden hatten längst zu, die mediterranen Imbiss­theken waren pandemiebedingt dicht. So schlitterte ich – und die Welt mit mir – ohne meine Glücksfische nach 2021, et voilà: Es wurde wohl nicht nur mein mühsamstes Jahr seit Langem.

Es stimmt also: „Sardelle = Em­powerment = Happiness“. Auch wenn ich mir jenen Glauben wohl komplett selbst ausgedacht habe. Es gab und gibt keine Kirche, keine Sekte, keine Bevölkerungsgruppe, nirgends, die je mit der Sardelle Silvester gefeiert hätte. Ich, die mittelaltjunge Frau mit ihrer jeden Tag an Wert gewinnenden Plattensammlung und ihrer jeden Tag an Wert verlierenden Lebensversicherungspolice, ihrem kleinen Schattenbalkon und ihrem großen Bekanntenkreis bin meine eigene Religionsstifterin.

Immerhin kam ich darauf, wann und wo es angefangen haben muss: in den sehr frühen 1980er Jahren, beim ersten „Spanier“ in unserer hessischen Kleinstadt. Dort wurden rostbraune Keramikschälchen voller wunder­samer Häppchen serviert. „Tapas“ hießen die Portiönchen, erklärten meine Eltern meinem Bruder und mir, damals elf oder zwölf Jahre alt, und der Reiz bestehe darin, sich kreuz und quer durchzunaschen. So lernte ich meine magischen Freundinnen kennen, die Boquerones en vinagre, „Sardellen in Essig“.

Es war weder Silvester, noch mochte ich Fisch. Ich war eines der Kinder, die von Käpt’n Iglo nie satt wurden. Die Stäbchenpanade knabberten wir ab, den Rest ließen wir liegen. Voller Entsetzen starrte ich in das Schälchen auf dem Gaststättentisch: Kleine, kalt glänzende Fische mit dramatisch aufgeschlitzten Leibern waren darin aufgeschichtet. Doch, was immer mich dazu brachte, plötzlich wollte ich es wissen. Mit meiner Gabel pikste ich ein Fischlein auf, führte es vorsichtig zu meinem Mund, sah es wackeln, als ob es noch lebendig war, spürte die Blicke meiner Erziehungsberechtigen, ach was, des gesamten Lokals auf mir, machte mich auf das Schlimmste gefasst – und dann haute es tatsächlich voll rein. Aber ganz anders, als ich es erwartet hatte.

Die erfrischende Kühle des Fischleins. Und seine angenehme Konsistenz! Nicht halb so labberig, wie es aussah, war es, sondern verblüffend bissfest, fast so fest wie das Fleisch eines sehr zarten Hühnerschenkels. Samtig zerging es zwischen meiner Zunge und meinem Gaumen. Die Säure der Essigtunke versetzte meine Speichelmodule in hellen Aufruhr, kitzelte in meinen Ohren, schoss in bis dato unerschlossene Areale meines Gehirns. Diese herbe Würze. So viel Knoblauch! Die köstlichen, knallgrünen Kräuter­fitzel dazu. Und eben: eine solch überwältigende Fischigkeit!

Meine Eltern waren außer sich vor Freude, und auch ich konnte kaum fassen, wie gut es mir schmeckte. Mit nur einem Bissen hatte ich mir eine völlig neue Sinnesdimension eröffnet. „Deftig“ war es und zugleich ganz leicht. Ich hatte das Meer, die Fremde, die Freiheit, die große weite Welt im Mund – meine Wunschzukunft. Vor allem mich selbst fand ich sehr toll, wie ich nun also doch noch zur Fischesserin geworden war, mit einem beherzten Gabelhappen praktisch erwachsen.

Von „spanischen Sardinen“ sprachen meine Eltern damals. Von „kleinen Stinke­fischen“ spreche ich heute, voller Liebe. Im Originalzustand hat das Sardellenfleisch eine bräunliche Färbung. Erst nach rund drei Stunden in Salzwasser und fünf bis sechs Stunden im Essigbad wird es weißlich, und sein Geschmack ist mild genug für den Rohverzehr. Die derart behandelten Sardellen werden mit Olivenöl übergossen, mit reichlich frischem Knoblauch und glatter Petersilie bestreut. Etwas Weißbrot dazu, um den fruchtig-fischigen Sud aufzutunken, und fertig ist das sehr kleine, sehr überschaubare, aber auch sehr verlässliche Glück.

„Die Welt ist wie ein Sardellen-Salat / Er schmeckt uns früh, er schmeckt uns spat“, hat der berühmte Johann Wolfgang einmal gedichtet. Von wertvollen Omega-3-Säuren, Mineralien und Vitamin D will ich gar nicht erst anfangen. Fakt ist: Wir müssen alle zusammenhalten, alleine schafft es kein Mensch, und ich will dieses Jahr wieder ganz bewusst meinen Beitrag leisten. Für den Fall, dass ich dieses Jahr an Silvester keine Frischware mehr erwische, habe ich bereits eine 120-Gramm-­Portion „marinierte Sardellen“ der Marke Medusa im Kühlschrank gelagert. In einem One-Way-Plastikschälchen, auweia. Niemand hat je behauptet, dass das Karma ein Kinderspiel ist.

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