Serie über Journalismus und Mafia: Das Wort, das es nicht gibt

Die Serie „L'Ora“ erzählt die Geschichte der gleichnamigen Antimafiazeitung aus Palermo. Sie erinnert daran, was Journalismus kann und was er kostet.

Episodenbild

Sizilien, 1958: „L'Ora“-Chefredakteur Nicastro macht eine Ansage Foto: SquareOne Entertainment

Es ist kein ganz unblutiger Witz, dass eine Produktion der Firma Mediaset über eine Antimafiazeitung ausgerechnet in dem Moment auf den internationalen Markt kommt, da sich der Mediaset-Eigner anschickt, Staatspräsident Italiens zu werden.

Über Silvio Berlusconis Verbindungen zum Mob, die einen Höhepunkt in der Verurteilung seines engsten Vertrauten Marcello dell'Utri wegen aktiver Unterstützung der sizilianischen Cosa Nostra erlebte, sind viele Seiten beschrieben und viele Filmrollen belichtet worden. Gebracht hat es, in einem konkret politischen Sinn, nichts. Berlusconi wird nicht deswegen nicht das höchste Amt in Italien ergattern, weil er mit der Mafia verbandelt war, dieses Thema spielt überhaupt keine Rolle in der italienischen Öffentlichkeit.

Die Mafia gilt nicht mehr als politisches Problem, sondern als eines der öffentlichen Ordnung, um das sich der Staat eben recht und schlecht kümmert – ganz ähnlich wie die Behörden hierzulande über Jahrzehnte den Rechtsextremismus behandelt haben, bis seine terroristische Seite nicht mehr länger zu leugnen war.

Mit der Geschichte der Tageszeitung L'Ora (Die Stunde) aus Palermo tauchen wir in die heroischen Zeiten der Antimafia ein, der Eine-gegen-alle-Epoche. Mitte der 1950er Jahre wird Vittorio Nisticò (in der Serie als Antonio Nicastro) zum Chefredakteur der im Eigentum der kommunistischen Partei Italiens befindlichen Zeitung. Er macht aus dem betulichen Funktionärsblättchen ein unabhängiges linkes Organ, ein Vorgehen, das einem nicht unzeitgemäß vorkommt.

Kammerspiel in der Redaktion

Von nun an spricht L'Ora aus, wovon niemand spricht: Das Wort Mafia, das es offiziell nicht gibt, das aber für ein System von Politik, Wirtschaft und Staat steht, welches Sizilien und seine Hauptstadt fest im Griff hat. Wie der Neofaschismus im Norden die Industriearbeiterbewegung einschüchtern soll, so übernimmt die Mafia im Süden die Drecksarbeit gegenüber dem ländlichen Proletariat, meist im Bündnis mit der Polizei.

„L'Ora – Worte gegen Waffen“, 10 Episoden, ab 19. Januar 2022 mittwochs um 20.15 Uhr in Doppelfolgen auf Sky Atlantic sowie über Sky Q auf Abruf

Die Redaktion muss für ihren Mut einen hohen Preis bezahlen, das Bombenattentat der Mafia auf das Redaktionsgebäude vom 19. Oktober 1958 eröffnet die 10-teilige Serie. Leider ist gerade diese Exposition schrecklich langatmig geraten und es bedarf einigen guten Willens, der Serie nach Folge 1 noch eine Chance zu geben. Das liegt nicht zuletzt daran, dass ein beträchtlicher Teil der Geschichte als Kammerspiel in der Redaktion abgebildet wird.

Der Doyen des Antimafiajournalismus in Italien, Attilio Bolzoni, begann seine Karriere Ende der 70er Jahre bei L'Ora und beschrieb diesen Raum in einem Gedenkartikel als im Sommer glühend heißen, im Winter eiskalten Wartesaal. Hier habe er sein Handwerk gelernt, aber gerade dieses journalistische Handwerk ist filmisch nicht einfach abzubilden. Dazu kommt die in Italien nicht unübliche Unart der folkloristischen Betonung alles Sizilianischen, nicht zuletzt durch die Musik – ganz so als müsste in einem Film über Bayern ständig gejodelt werden.

Die Serie gewinnt aber mit der Zeit an Rhythmus und Spannung und hat einen starken Cast, angeführt von Claudio Santamaria als Chefredakteur Nicastro (wer Santamaria nicht kennt, sollte sich auf Netflix den Film „Vergib uns unsere Schuld“ ansehen – danach vergisst man sein Gesicht nicht mehr) und Silvia D’Amico. Zeitgemäß fokussiert die Serie nicht ausschließlich auf die männlichen Protagonisten, sondern gibt auch den Schauspielerinnen Material, ihre Charaktere zu entwickeln.

Mit der weltberühmten Journalistin und Fotografin Letizia Battaglia gibt die Geschichte von L'Ora das auch ganz konkret her. Und es ist gut, daran zu erinnern, was Journalismus kann, was er diejenigen, die ihn machen, ganz konkret kostet und was eine Gesellschaft riskiert, wenn niemand den Mut aufbringt, ihr den Spiegel vorzuhalten.

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