Sergej Lebedews Roman über Giftmord: Gift aus Russland wirkt von innen

Im Agententhriller „Das perfekte Gift“ verarbeitet Sergej Lebedew die russischen Auftragsmorde der letzten Jahre.

Zwei Personen in Schutzanzügen gehen an einer parkbank vorbei

Salisbury/England: hier wurde der frühere Geheimagent Sergej Skripal vergiftet Foto: Andrew Mathews/empics/picture alliance

Als ein russischer Ex-Agent und Überläufer in den Westen nach einem scheinbaren Wespenstich tot in einem Lokal zusammenbricht, schafft er es noch, dem herbeigeeilten Kellner zuzuflüstern, dass ein Anschlag auf ihn verübt worden sei. Weil der Kellner einst Polizist war, wird der Sache nachgegangen und herausgefunden, dass der Mann mit einem so hochwirksamen wie schwer nachweisbaren Spezialgift umgebracht wurde.

Die Spur führt in russische Labore. Zur genauen Untersuchung des Falls stellt man ein Expertenteam zusammen, zu dem auch ein anderer exsowjetischer Überläufer gehören soll, der hochrangige Chemiker Kalitin, der einst tödliche Gifte erforscht und entwickelt hat. Durch diesen Vorgang gerät Kalitin, der seit vielen Jahren unbehelligt in einem einsam gelegenen Haus in den Bergen lebt, in den Fokus des russischen Geheimdienstes. Zwei Offiziere werden losgeschickt, um ihn zu liquidieren.

Diese Rohdaten des Handlungsgerüsts könnten den Schluss nahelegen, dass Sergej Lebedew mit „Das perfekte Gift“ einen Agententhriller geschrieben habe. Und zweifellos enthält der Roman die Grundelemente eines solchen. Zahlreiche Andeutungen zu prominenten Vergiftungsfällen der letzten Jahre (Litwinenko, Skripal) sind mit eingeflossen, und auch ansonsten sind historische Daten, Namen und Vorfälle, auf die im Roman Bezug genommen wird, der außerfiktionalen Wirklichkeit entnommen.

Inwieweit hingegen die Beschreibung der Praktiken in sowjetischen oder russischen Giftchemielabors der historischen Realität entspricht, ist natürlich schwer zu sagen; und auch der Autor selbst wird diese Teile des Romans, die von zahllosen gequälten Tieren erzählen und sogar von Menschenversuchen raunen, aus seiner Fantasie geschöpft haben, um sie zu den fiktiven Erinnerungen des alternden Kalitin zu machen, der in seinem äußeren Exil innerlich vor allem in der Vergangenheit lebt.

Sergej Lebedew: „Das perfekte Gift“. Aus dem Russischen von Franziska Zwerg. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2021. 256 Seiten, 22 Euro

Geheime sowjetische Forschungsstadt

Wie ein Gift von innen wirkt, so erzählt Lebedew auch diesen Roman von innen heraus, aus den mentalen Welten zweier Protagonisten, deren Lebens- und Arbeitsumstände sie zu Monstern in Menschengestalt gemacht haben. Auf der einen Seite steht eben jener Kalitin, der, aufgewachsen in einer geheimen sowjetischen Forschungsstadt als protegierter Verwandter eines einflussreichen Wissenschaftlers im Bereich chemischer Kampfmittel, stets nur diese Art von Existenz gekannt hat.

Fragen ethischer Art stellen sich bei der Arbeit, der er sein Leben gewidmet hat, schlicht deswegen nicht, weil sie verboten sind. Sein Gegenspieler und die zweite Hauptfigur des Romans ist einer der Geheimdienstoffiziere, die mit Kalitins Liquidierung beauftragt sind: ein skrupelloser Folterknecht mit einer Vergangenheit im Tschetschenienkrieg, der es gegen seinen eigenen Willen nicht einmal schafft, beim Paintballspiel mit dem halbwüchsigen Sohn die Tötungsinstinkte des Soldaten in sich vorübergehend zu zügeln.

Sergej Lebedew, der bereits mehrere Romane geschrieben hat, in denen er russische historische Traumata gleichsam auf eine höhere, poetisch durchleuchtete Ebene hebt, verfährt auch mit dem Thema der staatlichen Auftragsmorde in ähnlicher Weise. Aus Sicht seiner beiden durch und durch nihilistischen Protagonisten zu erzählen und diese Erzählungen in genau beobachtende, dabei innere Ängste zulassende Weltbetrachtungen einzubinden, konterkariert in mancher Weise das herkömmliche Bild des klassischen Buchbösewichts.

Der hohe Ton, der den Roman durchzieht, veredelt auch das Böse – oder vielmehr: bringt es auf eine Ebene mit allem anderen, das in der Welt ist. Denn auch diese hier, die mit vollem Bewusstsein Übles tun und keine Schuld dabei empfinden, sind Menschen. Dass der Autor sie in diesem Roman schließlich vor eine Art letztes Gericht stellt, versteht der eine von ihnen vielleicht. Der andere eher nicht. Aber dass die Möglichkeit einer Art von metaphysischer Gerechtigkeit zumindest angedeutet wird, wirkt am Ende der Lektüre tatsächlich etwas tröstlich.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de