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Sensationelle BegegnungDas klappt mit uns beiden

Wer mal eben eine Pause im Café einlegt, kann dort zu ganz neuen Einsichten gelangen. Über Dates etwa.

Illustration: Donata Kindesperk/taz

I ch bin von meinem Schreibtisch in ein Straßencafé geflüchtet, um kurz abzuschalten, und habe den allerbesten Tisch in der Sonne besetzt. Mein Kaffee ist schon ausgetrunken, aber ich bin zu faul, um aufzustehen und mir einen neuen zu holen oder aber wieder an den Schreibtisch zu gehen. Gleich schlafe ich ein. Wie eine fette Katze in der Sonne. Es. Ist. Sehr. Schön. Warm. Irgendjemand setzt sich an den Nebentisch und telefoniert.

„So, ich komme in den Bäcker, und dann steht der da an einem der Stehtische und winkt. Ich also zu ihm, wir stellen uns vor, er sieht genau aus wie auf den Fotos, noch ein bisschen besser. Ich sag zu ihm: „Sie sind doch noch keine 70?“ „In der Tat sogar schon 74“, sagt er. Hat er also 4 Jahre unterschlagen! Er sah aber kompetent aus. Groß, kariertes Hemd, schlanke, aber starke Finger.“

Ich blinzele und sehe zum Nebentisch. Dort sitzt eine Frau mit Glitzerjeansjacke. Ihr Haar ist auftoupiert und sie hat einen kunstvollen Eyeliner-Strich. „Ich sag zu ihm: „Schön, das klappt mit uns beiden.“ Du, da sagt der doch: „Dann mal los. Ich wohne um die Ecke und es ist schon alles vorbereitet.“ Sie lacht laut.

Ich bin inzwischen hellwach. „Na und dann sind wir zu ihm und, was soll ich sagen, es war sensationell.“ „Also“, sagt die Frau „diese Anzeige zu schalten, war ein toller Tipp. Und weißt du, so günstig und unkompliziert! Wenn ich denk, wie viele Stunden ich beim Arzt warten musste, um endlich mal ein paar Massagen verschrieben zu bekommen … da ist das hier top! Top, sag ich dir.“

Ich strecke die Beine aus und beschließe, noch ein bisschen zu bleiben. Danach geht es um Hunde und Gartencenter, und irgendwann trolle ich mich zurück an meinen Schreibtisch. Aber falls hier auch jemand Massagen braucht und auch keine Termine beim Arzt bekommt, dachte ich, ich teile dieses Erlebnis mal.

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Isobel Markus
Autorin
Isobel Markus ist freie Autorin und lebt in Berlin. Sie schreibt für die Berliner Szenen und weitere Rubriken der taz. Ihre Kurzgeschichten wurden in Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht und ins Arabische übersetzt. Bisher erschienen von ihr: Stadt der ausgefallenen Leuchtbuchstaben (2021), Der Satz (2022) und Neues aus der Stadt der ausgefallenen Leuchtbuchstaben (2023), alle im Quintus Verlag. Dating-Roman ist ihr zweiter Roman und erschien im Juni 2024 bei mikrotext. In der Lettrétage veranstaltet sie die senatsgeförderte Veranstaltungsreihe Berliner Salonage. Sie bietet dort Künstler*innen verschiedener Genres eine thematische Bühne und regt zum Austausch mit dem Publikum an. https://isobelmarkus.de/salons https://www.quintus-verlag.de/Stadt-der-ausgefallenen-Leuchtbuchstaben/978-3-96982-010-0 https://mikrotext.de/book/isobel-markus-dating-roman/
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