: Selbstmitleid und Frauenhass
Neues Buch über die Incels – zölibatäre Män-ner, die gefährlich sind
Veronika Kracher: "Incels". Ventil Verlag, Mainz 2020, 280 Seiten, 16 Euro
Von Marlen Hobrack
Seit einer Weile hört man auch in Deutschland immer häufiger von dem Phänomen der „Incels“. Zuletzt war im Kontext des Anschlags von Halle von ihnen die Rede. Incels, das steht für „involuntary celibates“, Männer, die unfreiwillig zölibatär leben. Dass es bei ihnen um mehr geht als eine Gruppe von Menschen, die man bemitleiden kann und die sich gern selbst bemitleidet, zeigt Veronika Kracher in ihrem Buch über die Ideologie des „Online-Kults“.
Dafür hat sie sich tief durch den Sumpf der so toxischen Kultur gegraben. In eigens gegründeten Foren, auf Imageboards wie 4chan und auf Reddit-Unterseiten überschütten sich Männer gegenseitig mit ironisiertem Selbstmitleid und Frauenhass. Denn das ist der Kern der Incel-Weltanschauung: Frauen sind für Incels verachtenswerte Subjekte, weil sie Männern wie ihnen den Sex verwehren. In der Incel-Ideologie bleiben Männer sexlos, weil die durch und durch oberflächlichen Frauen nur auf Chads (hypersexuelle Vorzeigemänner) stehen, nicht aber auf sensible, nette Kerle (die Incels in den eigenen Augen sind). Die von der sexuellen Ablehnung gekränkten „nice guys“ ergehen sich darum in Rachefantasien, die auch in der echten Welt nicht folgenlos bleiben, wie der Mord an der Influencerin Bianca Devin zeigt. Ihr Mörder war ein Incel, der sich in die Vorstellung hineinsteigerte, Devin sei ihm eine Beziehung schuldig. Er veröffentlichte die grauenerregenden Bilder seiner Tat auf 4chan.
Wer Krachers Buch liest, wird gut informiert über die komplexen Codes der Szene sowie deren Mem-Kultur, die dazu beiträgt, Incel-Ideologie in den Mainstream zu tragen. Zugleich kann einem die Art, wie die oftmals narzisstisch gekränkten jungen Männer Frauen und Mädchen zu Objekten degradieren, die nur den einen Zweck haben, ihnen sexuell zu Diensten zu sein, Angst machen. Einziges Manko dieses wichtigen Buchs: Krachers zynische Distanz zum Beobachtungsobjekt. Die mag allerdings Selbstschutz sein.
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