Sehnsucht nach Reisen: Wenn der Radius kleiner wird

Wer auf weite Horizonte blickt, erweitert den Horizont auch in Gedanken. Wer mehr sieht, erkennt mehr an. Von einer, die früher nie stehen blieb.

Die Skyline von Berlin vom Tempelhofer Feld aus gesehen

Einst Flughafen, heute der beste Ort zum Himmelgucken: das Tempelhofer Feld in Berlin Foto: Stefan Zeitz/imago

Auf dem Tempelhofer Feld in Berlin ist der Horizont sehr weit. In echt, nicht im übertragenen Sinn. Wer liegend in den Himmel schaut, sieht oft Wolken, ab und zu Drachen und an guten Tagen viel Blauraum. Stehend glaubt man sogar, die Krümmung des Erdballs zu erkennen. Groß­städ­te­r:in­nen sagen dann oft, wie gut es tut, mal wieder zu spüren, dass der Himmel weit ist und die Welt groß.

Ich bemerke eher, wie klein ich eigentlich bin. Aber in beiden Fällen atmen wir tiefer als sonst, und bald darauf denkt jemand laut nach über den Zusammenhang zwischen dieser Aussicht auf die weite, geöffnete Welt und dieser Ansicht namens Weltoffenheit. Thesen: Wer auf weite Horizonte blickt, erweitert den Horizont auch in Gedanken. Wer mehr sieht, erkennt mehr an. Dann streitet man über Kausalitäten, wirft die Thesen über den Haufen und einigt sich schließlich, dass Reisen gerade sehr fehlt.

Vor der Pandemie war ich ständig unterwegs. Als Kind war ich in Ostfriesland und in Shanghai, einmal auf Mallorca. Später: Paris, Marseille, Prag, Lissabon, Tel Aviv, Nairobi, New York und so weiter. Ich war in der Sächsischen Schweiz und in Ruanda. Mit dieser Selbstverständlichkeit des Reisens war ich nicht allein, andere flogen nach Bali und Kambodscha, lebten eine Weile in Australien, zogen dann nach Stuttgart. Wir fanden die Welt groß und zugleich sehr erreichbar. Wir waren vielleicht mehr im ständigen Übergang zu Hause, mehr auf einem Fensterplatz als dort, wo wir mal geboren sind.

Danach wird's eng

Die chinesische Familie ist sich einig, dass das Universum für meine ständige Bewegung verantwortlich ist, weil ich im Zeichen des Pferdes auf die Welt kam. Pferde galoppieren viel. „Fliegendes Pferd“, sagt Ayi und streckt dabei die Arme vom Körper weg, als wären sie die Flügel eines Flugzeugs. Die Wissenschaften bieten Erklärungen zwischen Globalisierung, Mobilität, Multilokalität, Kosmopolitanismus. Und hätte ich als 17-Jährige gewusst, dass ich auf die Frage „Wer bist du?“ auch mit etwas antworten kann, das ich tue, dann hätte ich wohl gesagt: „Ich bin eine, die selten stehen bleibt.“

Jetzt ist das anders und ich frage mich, ob das mehr bedeutet als Luxusfreizeitverlust. Ob es mit dem Alter unausweichlicher wird, den Radius zu verkleinern. Früher habe ich über die größere Welt nachgedacht, jetzt denke ich häufiger an das, was mir vor die Füße fällt oder darauf. These: Früher war nichts genug und jetzt ist alles zu viel.

Ich habe Kapazität für unmittelbaren Schmerz, danach wird’s eng. Ich will über meine Probleme hinausdenken, aber zwischen Arbeit und Arbeit scheint keine Zeit vorgesehen für das Klettern über den Tellerrand. Das ist solidaritätsfeindlich, das sollte doch anders sein, finde ich. Weil man sich selbst sonst immer wichtiger nimmt und den Rest der Welt immer unwichtiger. Weil man dann anfängt zu glauben, dass es eben ist, wie es ist – bis man auf einem alten Flughafengelände liegt, müde, und dem Horizont beim Schrumpfen zusieht.

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