Sechs Fragen zum Covid-Impstoff: Immunantwort erbeten

Warum die Bundesregierung Impfstoffe im großen Stil bestellt. Welche Rolle die EU dabei spielt. Und was Bill Gates damit zu tun hat.

Bakterienträger im Labor und grüner Gummi- Handschuh

Bei der Firma Curevac schaut ein Mitarbeiter auf einen Bakterienträger Foto: Sebastian Gollnow/pa

1 Die Bundesregierung kauft einen Impfstoff gegen Covid-19, den es noch gar nicht gibt. Ist das nicht voreilig?

Kommt auf die Perspektive an. Das schwedisch-britische Pharmaunternehmen AstraZeneca (rund 19,5 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2018) bekommt gerade massenweise Vorbestellungen für den Impfstoff AZD1222 rein. Die Kaufwilligen sind ausschließlich Staaten oder Institutionen, die öffentlich finanziert werden. Jüngst beugte sich „Europas Inklusive Impfallianz“ dem Trend, bestehend aus Deutschland, Frankreich, Italien und den Niederlanden. Die Länder sicherten sich 300 Millionen Impfdosen (sagt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn), vielleicht auch 400 Millionen (sagt der Hersteller), die bis Ende des Jahres sämtlichen EU-Staaten zur Verfügung stehen sollen.

Nun ist allerdings noch nicht erwiesen, dass das an der Universität Oxford entwickelte Vakzin auch wirkt. Was nach Tests an 1.000 Proband*innen bekannt ist: Geimpfte entwickeln relativ milde Nebenwirkungen, wie Kopfschmerzen und leichtes Fieber. Und sie zeigen eine Immunantwort. Aber erst der Kontakt mit dem echten Sars-Cov-2-Virus wird zeigen, ob und wie sehr die Reaktion des Körpers auch vor dem Virus schützt. Derzeit werden deshalb 10.000 Proband*innen geimpft, in dieser Phase ist bisher kein anderer Stoff gegen Covid-19.

Weil die Krankheit in vielen Ländern weiterhin ungebremst grassiert, ist Zeit ein entscheidender Faktor. Mit 450.000 Toten hat die Pandemie heute bereits weltweit mehr Opfer gefordert als eine schwere Grippe-Epidemie. Ein Ende des Sterbens ist nicht in Sicht, denn die Zahl der täglichen Neuinfektionen nimmt laut Johns Hopkins Universität global weiterhin zu. Angesichts dessen wäre es fatal, Produktionsstätten für einen Impfstoff erst dann aufzubauen, wenn dessen Wirksamkeit komplett erforscht ist. Das würde weitere wertvolle Monate kosten.

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2 Die EU sichert sich also exklusiv einen Impfstoff und kauft ihn anderen Ländern weg?

Zahlreiche Staats- und Regierungschefs, darunter auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, haben sich auf eine weltgeistige Sprachregelung geeinigt: Impfstoffe und Therapien gegen Covid-19 seien ein „gemeinschaftliches globales Gut“, das allen zur Verfügung stehen müsse. Nach eigenen Angaben kann AstraZeneca zwei Milliarden Impfdosen bereitstellen – unklar ist nur, bis wann. Eine Milliarde davon soll vom Serum Institute of India, einem der größten Impfstoffhersteller weltweit, für Entwicklungs- und Schwellenländer produziert werden. AstraZeneca hat auch exklusive Verträge mit Großbritannien, den USA und den beiden Impf­allianzen Cepi und Gavi, in denen jeweils zahlreiche Staaten, die Weltgesundheitsorganisation und NGOs zusammenarbeiten. Auch die beiden Allianzen sollen exklusiv 700 Millionen Impfdosen bekommen und weltweit verteilen.

3 Klingt gut, aber irgendwie auch wirr: Wer wird denn nun zuerst bedient bei so vielen Exklusivverträgen?

Das weiß niemand. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen kritisiert, dass es keinen objektiven und fairen globalen Verteilungsmechanismus gebe. Außerdem machte die Organisation in der Vergangenheit bei anderen Impfstoffen schlechte Erfahrungen. Etwa bei einem gegen Pneumokokken, die Lungenentzündungen verursachen. Da habe die Impfallianz Gavi sehr arme Länder subventioniert, Schwellenländer mit mittleren Einkommen aber dem Markt überlassen. Genau die, ein Viertel der Staaten weltweit, können sich das lebensrettende Mittel bis heute nicht leisten. Das muss bei Covid-19 verhindert werden.

Positiv derzeit ist, dass mehr als 100 Institutionen an einem Covid-19-Impfstoff forschen. Je mehr erfolgreich sind, desto mehr Impfkonkurrenz gibt es, das drückt die Preise. 13 Impfstoffe werden bereits an Menschen getestet. In Deutschland von dem Mainzer Unternehmen Biontech, das mit dem Pharmakonzern Pizer zusammenarbeitet. Diese Woche hinzu kam das Tübinger Unternehmen CureVac. Der erste Proband an der Uniklinik Tübingen, ein junger Mann, ist bereits ausgewählt. Über 100 weitere Proband*innen sollen folgen. Getestet wird in der ersten Phase aber nur, ob das Mittel verträglich ist und ob der Körper mit einer Immunantwort auf die verabreichte mRNA reagiert. Die regt Körperzellen zur Produktion eines Proteins an, das sich auch an der Oberfläche des neuen Coronavirus befindet. Der Körper bildet dann Abwehrstoffe gegen das Protein und die könnten auch Sars-Cov-2 bekämpfen. Ob das klappt wird aber erst in Phase zwei getestet. Dann müssen Versuchspersonen auch mit dem Erreger in Kontakt kommen. Mitte 2021 könnte dieser Impfstoff bei Erfolg zur Verfügung stehen.

4 Apropos CureVac. Warum ist Deutschland diese Woche bei diesem Unternehmen eingestiegen?

Offenbar, weil die Tübinger selbst darum gebeten hatten, wie das Bundesfinanzministerium mitteilte. Jedenfalls hat Peter Altmaier (CDU) diese Woche verkündet, Deutschland sichere sich über die staatseigene KfW Bankengruppe mit 300 Millionen Euro 23 Prozent an dem biopharmazeutischen Unternehmen. Das ist nicht total ungewöhnlich: Die KfW beteiligt sich an diversen privaten Fonds, die wiederum Start-ups mit Bezug zu Deutschland finanzieren.

Eine direkte Beteiligung des Staates allerdings ist selten. Der Bundeswirtschaftsminister begründete das vor allem industriestrategisch. Altmaier will Schlüsselbranchen in Deutschland halten, Biotechnologie ist laut seiner Industriestrategie eine Schlüsselbranche. Zur Illustration lud er auf der Pressekonferenz, auf der er den Deal verkündete, diese Woche gleich noch den SAP-Gründer und Milliardär Dietmar Hopp per Videochat ein. Der Hauptanteilseigner von CureVac habe Deutschland „große Dienste erwiesen“, sagte Altmaier. Laut eines Schreibens an den Haushaltsausschuss des Bundestages, aus dem verschiedene Medien zitieren, plant CureVac, im Juli an der US-Technologiebörse Nasdaq an die Börse zu gehen. Offenbar soll die deutsche Beteiligung also vor einer Übernahme aus dem Ausland schützen. Donald Trump selbst wollte die Tübinger bereits in die USA locken. Die deutsche Beteiligung dürfte das Angebot an CureVac-Aktien verknappen – und ihren Wert steigern. In dem Fall hätte Deutschland nun also Dietmar Hopp einen großen Dienst erwiesen.

5 Und wer zahlt das alles?

Die Beteiligung des Bundes an CureVac könnte sich für den Staat als Gewinngeschäft entpuppen, sollte der Wert des Unternehmens steigen. Was die Vorbestellung eines Impfstoffes bei As­traZeneca betrifft: Deutschland zahlt wohl auch, wenn das Mittel nicht wirkt. Das Bundesgesundheitsministerium reagiert zwar auf mehrere Anfragen zu dem Thema nicht, aber AstraZeneca schreibt in einer Mitteilung: „Die Kosten der Produktion werden durch staatliche Finanzierung ausgeglichen.“ Außerdem verspricht das Unternehmen, bis zum Ende der Pandemie mit dem Impfstoff kein Geld verdienen zu wollen, sprich „non profit“ arbeiten zu wollen. “Es gibt keinen Grund, einem Pharmaunternehmen so etwas zu glauben“, sagt Kate Elder dazu, Impfexpertin bei Ärzte ohne Grenzen. Dazu hätten andere aus der Branche ähnliche Versprechen schon zu oft gebrochen. Außerdem gebe es keinerlei Transparenz, was der Impfstoff AstraZeneca koste.

6 Und hinter allem steckt Bill Gates?

Die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung finanziert eine Reihe von Firmen und Forschungsvorhaben rund um Covid-19. Was wohl in der Natur der Sache liegt, wenn man, Stand 2018, rund 46 Milliarden Dollar zur Verfügung hat und die weltweite Gesundheitsvorsorge fördern will. Die Stiftung beteiligte sich 2015 mit 52 Millionen Dollar bei CureVac und finanziert auch die beiden Allianzen Gavi und Cepi mit. Darüber hinaus wird auch die Universität Oxford bei diversen Forschungen von der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung unterstützt.

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