Science-Fiction im Theater: Survivor-Nachwuchs aus dem Katalog

Vom smarten Kühlschrank auf Diät gesetzt: In „(R)evolution“ im Thalia Theater Hamburg wirft Yael Ronen einen Blick in die nahe Zukunft.

Zwei Personen kehren uns den Rücken zu und blicken hoch zu einem riesigen Auge.

Das Motiv von Überwachung und Kontrolle ist mächtig auf der Bühne von „(R)evolution“ Foto: Krafft Angerer

Bei Licht betrachtet, gibt es wohl einander kaum fernere Genres als Science-Fiction und Theater. Das eine wirkt, vor allem in Literatur und Film, durch fantasiereiche futuristische Szenarien, das andere arbeitet mit einer – gerade im Vergleich zum Film – recht überschaubaren Trickkiste. Das eine erzählt von schwindelnden, fernen Erfindungen, das andere lebt von seiner Nahbarkeit, von seinem direkten Spiel. Und doch hat Yael Ronen, Hausregisseurin am Berliner Gorki Theater, in ihrer ersten Inszenierung am Hamburger Thalia Theater diese beiden Genres vereint und ein Science-Fiction-Drama auf die Bühne gebracht: „(R)evolution – eine Anleitung zum Überleben im 21. Jahrhundert“.

Angesiedelt irgendwo Ende der 2030er Jahre, erzählen darin eine Handvoll mehr oder weniger realer Figuren aus ihrem Leben. Das sind: ein Reproduktionsmediziner für Wunschkinder, deren Eltern an Erbkrankheiten leiden, dessen Mann, der sich in der virtuellen Welt wohler fühlt als in seiner eigenen Haut, ein Paar, das sich einen Katalog-optimierten Survivor-Nachwuchs mit bestmöglichen Start ins Leben bestellen möchte, eine chronisch einsame Frau, deren intimster Gesprächspartner ihr persönlicher Voice Service „Alektor“ ist, und natürlich jener Alektor selbst.

Inspiriert von den Werken des israelischen Historikers Yuval Noah Harari und offensichtlich auch von Filmen wie Spike Jonzes „Her“ und Romanen wie Dave Eggers „Der Circle“, hat Ronen gemeinsam mit dem Maxim-Gorki-Schauspieler Dimitrij Schad einen Text geschrieben, der klug ist und kritisch, witzig und zynisch und vor allem einen Text, der auf der Bühne erstaunlich gut funktioniert. Kurzweilige eineinhalb Stunden lang verfolgt man in „(R)evolution“ das digitalisierte Leben dieser Figuren und ihr freiwilliges Gefangensein darin.

Alektor kennt sie alle

Man erlebt, wie ebenjener Arzt (Tim Porath) in einer tiefen Persönlichkeits- und Beziehungskrise steckt, sich nach realem Sex sehnt und von seinem VR-affinen Mann (Dimitrij Schad) als „biokonservativ und technophob“ degradiert wird. Oder wie der skeptische Wunsch­kind­vater René (André Szymanski) von seinem allzu „smarten“ Kühlschrank auf Diät gesetzt wird, wie sich sein Toaster bitterlich über die schlechten Arbeitsbedingungen beschwert, und sein Staubsauger mit neuen Features um mehr Aufmerksamkeit ringt.

Man sieht, wie Marina Galic als tiefschwarz trauernde Tatjana in trostloser Einsamkeit versinkt, aus der sie eine gefährlich zärtliche Vertrautheit zu ihrem Alektor aufbaut. Jener KI, die (nicht nur an diesem Abend) alles speichert und steuert, die alle Personen kennt, ihre Gewohnheiten und ihre Vorlieben, die ihnen unaufgefordert Atemübungen und Katzenvideos vorschlägt, die eigenmächtig Anwalts- und Therapeutentermine vereinbart, den Blutzuckerspiegel überwacht und vorsorglich Sushi statt Pizza bestellt.

Die Bühne von Wolfgang Menardi ist ein riesiges Podest, das sich mehrere Meter anheben, drehen und auch mal in eine Schräglage kippen lässt. In ihrer Mitte hat der Bühnenbildner ein Loch ausgespart, das, umrandet von gleißenden Neonröhren, jenen Lautsprecher markiert, aus dem die technische Stimme des allwissenden und allgegenwärtigen Voice Over tönt.

Man erlebt, wie sich sein Toaster bitterlich über die schlechten Arbeitsbedingungen beschwert und der Staubsauger mehr Aufmerksamkeit will

Die spiegelglatte Plattform wirkt für das kammerspielartig angelegte Stück etwas überdimensioniert, manche Szenen erscheinen darauf unnötig überhöht. Aber diese Ebene bildet – umrahmt von weißen Wänden – eine gut funktionierende futuristische Spiel- und Projektionsfläche, auf die Stefano Di Buduo (Video) ununterbrochen und abendfüllend seine großartigen Bild-Assoziationen loslässt.

Mal blicken unzählige Überwachungsaugen aus den Wänden, mal flirrt darüber ein schickes Nasensortiment, mal verwirren grafische Muster die Spielfläche, mal treibt dort ein verlorenes Sperma, mal blitzen Nachrichtenschnipsel zu KI und Genforschung auf, und mal wird das Bühnengeschehen selbst auf alle vorhandenen Flächen projiziert.

Ronen treibt in ihrer Inszenierung die Gegenwart und ihre bio- und informationstechnologischen Entwicklungen auf die Spitze. Schwarzhumorig und angenehm beiläufig erzählt sie mit fast quecksilbrig agilen Schauspielern davon, was längst Teil der digitalen Gegenwart geworden ist: von Überwachung, Algorithmen, Transparenz, Identitäts- und Kontrollverlust.

Ihre Figuren verfallen lebensechten Simulationen, sind von ihrem smarten Leben genauso begeistert wie überfordert, werden zunehmend orientierungslos und schlingern durch die unbegrenzte Welt der digitalen Möglichkeiten wie einst ihre Großeltern durch den Otto-Katalog. Es ist ein Abend, der in seiner Thematik vielleicht wenig überraschend ist, aber einer, der tatsächlich Science-Fiction auf die Bühne bringt, mit klugen Dialogen und feinsinnigem Humor und auch mit einem leisen Schaudern. Letzteres vor allem deshalb, weil uns die Zukunft, von der Ronen erzählt, schon allzu vertraut ist.

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