Tschechow am Hamburger Schauspielhaus: Gesellschaft der Gelangweilten

Wenn die Schwermut sich kraftlos auf die anderen überträgt: Karin Beier inszeniert „Ivanov“ als Zusammenkunft verlorener Gestalten.

Bilder von Ereignis- und Ausweglosigkeit: Szene aus „Ivanov“ Foto: Arno Declair

HAMBURG taz | Am Tiefpunkt seiner Schwermut, im schwärzesten Moment seiner Seelenlage vermutlich, da wird Ivanov zum unberechenbaren Monster. Gerade noch hat Saša, die Tochter der Gutsnachbarn, ihm ihre bedingungslose Liebe gestanden, hat hektisch sein Gesicht abgeküsst und ihn eng umklammert.

Da betritt seine Frau Anna Petrowna die Bühne. Lungenkrank, bleich – ihre Haut ist so weiß wie ihr Nachthemd – und mit angstvollem Blick entdeckt sie den Betrug, schreit und schlägt auf Ivanov ein, unkontrolliert und mit von Schwindsucht geschwächten Armen.

Mit heiserer Stimme brüllt sie ihre Verzweiflung hinaus über ihr verlorenes Leben, ihren verlorenen Glauben, ihren verlorenen Namen. Über all das, was sie, eine Jüdin, für die Ehe mit Ivanov aufgegeben hatte. Ivanov duckt sich erst weg und holt dann, als sich Anna bei einem heftigen Hustenanfall fast erbricht, zum heftigen Gegenschlag aus. Er schubst sie über die leere Bühne, beschimpft sie und bald schlagen beide hasserfüllt aufeinander ein.

Es ist ein verbal und körperlich brutaler Psychokrieg zwischen den Eheleuten, an dessen Ende Ivanov Anna ihren Todesdiagnose ins Gesicht bellt – und sie mit weit aufgerissenen Augen erstarrt.

Es ist eine Szene wie aus Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, jenem modernen Klassiker, den Karin Beier vor einem Jahren auf die Bühne des Schauspielhauses brachte. Ebenfalls mit Devid Striesow in der männlichen Hauptrolle. Mit scharfer psychologischer Figurenzeichnung erzählte sie damals von Liebe und Hass, von Ekel und Erotik. Die Demütigungen, Beschimpfungen und Beleidigungen wurden mit Bourbon befeuert, jetzt in Tschechows „Ivanov“ fließt natürlich Wodka. In rauen Mengen.

Sa, 1. 2., 20 Uhr, Schauspielhaus Hamburg; nächste Aufführungen: 6. 2., 23. 2., 26. 2.

Dass einem mitten in Beiers „Ivanov“-Inszenierung Albees Ehe-Massaker in den Sinn kommt, liegt nicht allein an Devid Striesow. Tatsächlich zeichnet die Regisseurin auch Tschechows über 100 Jahre alte Figuren in ähnlicher Manier: heutig und nachvollziehbar menschlich. Die Regiehandschrift ist dieselbe: zurückhaltend psychologisch, und da Tschechows Figuren um einiges introvertierter sind als Albees, auf andere Art lebensmüde und in erster Linie apathisch melancholisch sind, ist dieser heftige Wutausbruch so markant. Mit Wucht legt er offen, welche gefährlichen Energien tief in Striesows scheinbar träg-erschlafftem Ivanov lauern, welche Unzufriedenheit und welche Aggression. Dass Anna Petrowna im nächsten Akt dann gestorben ist, wundert wirklich niemanden.

Ziellos durchs Leben

Karin Beier inszeniert Tschechows „Ivanov“ als träge Gesellschaft der Gelangweilten und Verlorenen. Deren Zentrum bildet Ivanov, der zwar in regelmäßigen Abständen als der einzig richtige Kerl im Land gefeiert wird, tatsächlich aber den Virus der Schwermut in sich trägt und ihn acht- und kraftlos auf alle anderen überträgt.

Striesows Ivanov ist meist still präsent. Beim ziellosen Taumeln durchs Leben hält er sein graues Jackett fest (oder vielmehr sich an diesem), sein Blick ist leer, seine Haare sind strubbelig. Oft steht er auch ganz allein und verloren im Raum, „steht da wie ein Pilz, schweigend“, heißt es einmal.

Dieser Ivanov weiß nicht, wohin seine Lebenslust verflogen ist, wohin seine Pläne – und erst recht nicht, wohin mit sich selbst. Ganz selten blitzt Energie auf, ist da ein Funken Liebe und Schwärmerei – für ebenjene Saša, die Aenne Schwarz mit herrlich entschlossener, trotziger Haltung und der vermeintlichen Klarsichtigkeit der Jugend spielt.

Im Alter von 27 Jahren schrieb Anton Tschechow dieses, sein erstes Theaterstück. 1887 kam es in Moskau als Komödie zur Uraufführung, kurz darauf arbeitete er es zur Tragödie um. Letztlich verhandelt er darin nichts Geringeres als das Leben der Menschen in seiner ganzen Absurdität, seiner Lächerlichkeit, Schicksalhaftigkeit und Aussichtslosigkeit. Der Protagonist fungiert als Projektions- und Symbolfigur für den Ennui und die träge Unlust, das eigene Leben in die Hand zu nehmen. Er ist Opfer seiner Ängste und seiner Unentschlossenheit.

Ivanovs Themen und Sorgen sind dermaßen zeitlos, dass Beier nur wenige Bilder (und eigentlich auch nicht die von ihr eingestreuten No-Future-Fremdtexte) braucht, um die Gegenwart zu bespielen. Mit auf drastische Komik setzenden Szenen erzählt sie von der oberflächlichen Küsschen-links-Küsschen-rechts-Gesellschaft, mit verschwenderischen Laufsteg-Posen von hedonistischer Selbstdarstellung, mit der düsteren Technomusik von Jörg Gollasch und entfesselt tanzenden Darstellern von perspektivloser Endzeitstimmung. Die ruhigeren Szenen untermalt der Live-Musiker Vlatko Kucan mit Klarinette, Saxophon und melancholischen Melodien. Kein raffiniertes, aber funktionierendes Mittel.

Phänomenales Ensemble

Grandiose Schauspieler beleben diese Inszenierung. Sie zeichnen mal feinsinnig, Eva Mattes und Michael Wittenborn etwa als Sašas Eltern, und auch mal karikiert (Lina Beckmann kann wohl kaum anders) jede einzelne (Neben)-Figur. Diese egozentrische Gesellschaft rückt einem nah durch dieses phänomenale Ensemble, durch Spieler mit großer Lust und Präzision.

Beiers dreistündiger „Ivanov“ ist mit Klezmerrmusik und weißen Luftballons manchmal recht kitschig, aber auch und vielleicht gerade deswegen stimmungsvoll und ergreifend. Er zeichnet Ereignis- und Ausweglosigkeit, ist ein lasziver und atmosphärischer Abend bei dem die Party – auch nach gescheiterten Hochzeiten, großem Geschluchze und dem Selbstmord der Hauptfigur – mit flatternden Nerven einfach weitergeht.

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