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Schwesigs SPD-Wahlkampf in Meck-PommMit dem Wahlvolk kann sie

Manuela Schwesig kämpft in Mecklenburg-Vorpommern um jeden Prozentpunkt und rückt der AfD auf die Pelle. Gefährlich wird sie damit auch für die CDU.

Anna Lehmann

Aus Lübtheen

Anna Lehmann

Zwei Dutzend Menschen waren zum Bürgergespräch mit Manuela Schwesig gekommen. Darunter ein Mann in Jeansjacke aus Bad Doberan. „Erst mal ein Riesenkompliment für Ihre tolle Arbeit. Sie könnten Kanzlerin sein.“ Die Ministerpräsidentin sagte lächelnd: „Danke.“ Dann setzte sie nach: „Wir haben ja schon einen Kanzler. Mein Platz ist in Mecklenburg-Vorpommern.“

Zwei Jahre ist das her. Damals unterstützte Schwesig die Brandenburger Parteifreunde im Wahlkampf. Der Kanzler kam von der SPD. Heute kämpft Schwesig um ihr Amt als Ministerpräsidentin – und gegen den Niedergang ihrer Partei.

Es gibt gute Gründe, anzunehmen, dass sie diese Wahl gewinnt. Punkt um Punkt robbt sich die SPD an die AfD heran. Einige hoffen, dass Schwesig dann auch die SPD rettet. Und sie vielleicht wieder ins Kanzleramt führt? Es gibt auch gute Gründe, die dagegensprechen. Die AfD liegt in Mecklenburg-Vorpommern in Umfragen seit Monaten vorn. Die SPD ist im Bund auf 12 Prozent abgerutscht. Eine Wahlverliererin als Kanzlerkandidatin kann sich die SPD kaum leisten.

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Manuela Schwesig wischt Personaldebatten beiseite wie lästige Fliegen: „Wer mich kennt, weiß, dass ich mich auf das konzentriere, was ich gerade tue.“ Ihr Ziel sei es, die SPD zur stärksten Kraft zu machen und für die nächsten fünf Jahre Ministerpräsidentin zu bleiben.

Ein Wahlkampf wie eine Radtour

Das Gespräch mit ihr findet fünf Wochen vor der Wahl in einem ehemaligen Gutshaus in Lübtheen statt. Etwa 150 Menschen wollen dort mit ihr im Garten diskutieren. Die taz hat 25 Minuten, bevor Till Backhaus, Wahlkreiskandidat und Landwirtschaftsminister, sie zur Vorbesprechung abholt. „Siehst ein bisschen blass aus, Mädchen“, sagt er. – „Findet ihr? Soll ich mich noch mal ein bisschen schminken?“, wendet Schwesig sich an ihre Wahlkampfmanagerin. Die beruhigt: „Nein, du siehst aus wie immer. Genug Farbe.“

Ein klein wenig geschafft sieht sie schon aus. Der Wahlkampf gleicht einer Radtour bei stetigem Gegenwind mit schwerem Gepäck. Traditionell dominiert bei Landtagswahlen die Landespolitik. Doch das schlechte Ansehen der Bundesregierung und ihre ungeliebten Reformen beschweren die örtlichen Wahlkämpfer:innen. Den sachsen-anhaltischen Ministerpräsidenten Sven Schulze hat es eine Woche zuvor aus dem Sattel geworfen.

Schwesig versucht, noch rechtzeitig Ballast abzuwerfen. Sie wettert seit Wochen gegen die Politik der Bundesregierung. „Herr Merz will die abschlagsfreie Rente nach 45 Jahren abschaffen. Wenn Du das nicht willst, dann unterstütze mich“, postet sie. Seit dem Sieg der AfD in Magdeburg hat sie ihre Strategie zugespitzt. „Ich bin Eure Frau gegen Blau.“ Schwesig setzt alles auf eine –ihre –Karte. Tingelt durch alle 36 Wahlkreise, sucht das Gespräch.

„Ich kämpfe gern“, sagt sie der taz. Anders als Schulze, der Slalom fuhr, haben Schwesig und die SPD den Kurs früh abgesteckt und drei Leitplanken gesetzt: Wirtschaft, Familie und Zusammenhalt. „Die Leute gucken nicht nach großen Überschriften, sondern ob sich was für sie im Alltag verbessert“, sagt sie und beißt in eine Waffel. Sie verspreche nichts, was sie nicht halten könne.

Klarer Fokus, klare Rolle, klare Farbwahl

„Das Volksbegehren für die Halbierung der Gruppengröße in Kitas finde ich als Mutter super, aber es ist nicht bezahlbar.“ Deshalb habe sie sich mit der Initiative auf einen realistischen Plan geeinigt, wie man die Gruppen in den nächsten Jahren halbieren könne. Sie will glaubwürdig bleiben. Dazu gehört auch: „Bei uns in MV fallen Partei- und Regierungsarbeit nicht so weit auseinander.“

Klarer Fokus, klare Rolle, klare Farbwahl. Als Ministerpräsidentin tritt Schwesig gern im blauen Hosenanzug auf. In Lübtheen erscheint die Spitzenkandidatin ganz in Rot wie auf dem Krönungsparteitag im Juni in Wismar. Dort betrat sie die Bühne in weißen Sneakern mit rotem Schriftzug: „SPD“. Eine Sonderanfertigung. Sie und ihr Team überlassen nichts dem Zufall. Schwesig schunkelte zum Ostseewellenlied, die Parteiprominenz hatte mitzuschunkeln. „Wo ist denn mein Bürgermeister aus Wismar? Hopp, hopp auf die Bühne!“, rief sie. Schwesig wollte mal Erzieherin werden, man kann sich das gut vorstellen.

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Mit einer Gegenstimme wählten die Delegierten Schwesig zur Spitzenkandidatin. Die Debatte über das Regierungsprogramm flutschte so glatt wie ein Hering in der Ostsee. „Bisschen wenig innerparteiliche Demokratie“, murmelte mancher hinter vorgehaltener Hand.

Ihren Landesverband mit 3.000 Mitgliedern hat Schwesig fest im Griff. Die Liste ist erst spät aufgestellt worden. Wer sich vorab kritisch geäußert hatte, ist hinten gelandet. „In Mecklenburg-Vorpommern genießt sie den Status einer Königin“, sagt der Linke-Bundestagsabgeordnete Dietmar Bartsch, der aus Mecklenburg-Vorpommern kommt. „Die SPD und das Land leben auch davon, dass Schwesig so stark ist.“ SPD und Linke regieren seit fünf Jahren zusammen, die Rollenverteilung sei klar. „Sie ist die Köchin.“

Mit 29 erst zur SPD

Aufgewachsen ist Schwesig im brandenburgischen Seelow. Mit ihrem Mann zog sie zur Jahrtausendwende nach Schwerin, wo sie als Steuerfahnderin arbeitete. Zur SPD kam sie erst mit 29 Jahren. Thomas Haack war damals Mitglied der SPD-Fraktion in der Stadtvertretung von Schwerin. In sein Anwaltsbüro sei eines Nachmittags eine Mitarbeiterin der SPD gekommen mit den Worten: „Da wartet ein Paar, das interessiert sich für die SPD. Kann mal jemand mit denen reden?“ Das tat er.

Selbstbewusst sei Schwesig aufgetreten, erzählt Haack. „Sie, als Neuling, hat den alten Hasen erklärt, was die SPD will.“ Nur ein Jahr nach ihrem Parteieintritt zog Schwesig als Abgeordnete ins Schweriner Stadtparlament ein. Haack wurde Fraktionsvorsitzender, sie seine Stellvertreterin. „Ihr Anspruch an unsere gemeinsame Arbeit war sehr hoch“, erinnert er sich. „Sie war eine unglaubliche Telefoniererin, sie hat die Leute so lange bequatscht, bis sie hatte, was sie wollte“, berichtet Haack am Telefon. Sie habe auf jedes Detail geachtet. Haack erzählt von einem Lehrgang für Kommunalvertreter:innen. Am Abend stand ein „Kamingespräch“ mit einem Landrat auf der Tagesordnung. Schwesig habe einen kleinen, mit einer Kerze beleuchteten Kamin besorgt, der traulich flackerte.

Spricht man mit Menschen aus ihrem Umfeld, sagen diese, Schwesig sei diszipliniert, durchsetzungsstark, ehrgeizig und eine „krasse“ Verhandlerin. „Alles gute Attribute“, sagt Schwesig der taz. „Ich finde nichts Schlimmes daran.“ Sie sei eine harte Verhandlerin, ja. „Aber mir geht’s um die Sache. Ich will etwas bewegen.“ Ist sie eine Machtpolitikerin? Sie holt Luft. „Wenn man darunter versteht, dass ich die Möglichkeiten, die ich habe, nutze, um was durchzusetzen, ist das richtig.“

Kostenlose Kinderbetreuung, wachsende Wirtschaft, ein Rufbussystem – in Lübtheen zählt Schwesig ihre Erfolge auf. „Alles, was wir versprochen haben, haben wir umgesetzt.“ Die Rufbusse sind so gut ausgelastet, dass an diesem Abend kein einziger mehr zu buchen ist.

Kontroverse Fragen erlaubt

Als es in Lübtheen zu regnen beginnt, schlüpft sie unter den Regenschirm einer Frau. „Ich darf doch?“ – „Rücken Sie ran“, sagt diese und lacht. Mit dem Wahlvolk kann Schwesig. Während sie Jour­na­lis­t:in­nen auch mal bohrend in die Augen schaut, wenn die ein sensibles Thema wie eine abgesagte Talkrunde ansprechen, ist den Bür­ge­r:in­nen jede noch so kontroverse Frage erlaubt.

Ihn störe das Wort Brandmauer, sagt ein Mann mit Schiebermütze. „Das sind doch nicht alle Radikale.“ Er sei mal für die CDU aktiv gewesen und überlege jetzt, ob er nicht die Blauen wähle. Schwesig findet es richtig gut, dass er das anspricht. „Klar, müssen wir mit AfD-Wählern reden und uns um ihre Themen kümmern.“ Aber eine Zusammenarbeit mit der Partei, die sich nicht von radikalen Kräften distanziert? „Jemandem, dem man Hausverbot erteilt hat, gibt man doch nicht den Schlüssel.“ Der Mann bedankt sich für die offenen Worte. „Ich bereue es nicht, hergekommen zu sein.“

In Berlin ist keine andere Mi­nis­ter­prä­si­dent:in so präsent wie sie

Intern ist Schwesigs schärfstes Schwert die Telefonschalte. „Ihre politischen Erfolge sind das Resultat von ganz viel Kommunikation“, meint Julian Barlen. Der SPD-Fraktionsvorsitzende im Schweriner Landtag gehört zu ihrem engen Kreis hoch loyaler Vertrauter. Sie alle sind bereit, Tag und Nacht Probleme wegzuräumen. Zwei große Krisen haben sie zusammen gemeistert. Im September 2019 erhielt Schwesig die Diagnose Brustkrebs. Da war sie zwei Jahre als Ministerpräsidentin im Amt, das sie von ihrem an Krebs erkrankten Vorgänger übernommen hatte. Sie selbst blieb, organisierte Regierung und Alltag rund um die Chemo. Inzwischen ist sie geheilt. „Die Krankheit hat mich demütig gemacht und emotional gestärkt.“

Nach der persönlichen Krise folgte 2022 die politische. Russland überfiel die Ukraine. Monate zuvor hatte Schwesig eine Stiftung mitgegründet, die unter dem Deckmantel des Klimaschutzes russisches Geld für den Weiterbau der Gaspipeline Nord Stream 2 besorgte. Vier Jahre lang widmete sich ein Untersuchungsausschuss im Landtag der Stiftung und Schwesigs Rolle darin. Der Vorwurf, sie habe im russischen Interesse gehandelt, ließ sich nicht belegen.

Im inneren Machtzirkel der SPD

Viele Beobachter waren sich dennoch einig, dass Schwesig die Affäre so stark geschadet habe, dass sie in Berlin niemals eine Rolle spielen werde. Das Gegenteil ist der Fall.

Sie gehört zum inneren Machtzirkel der SPD, hat einen engen Draht zu Parteichef Lars Klingbeil. Seit 2013 hat sie jeden Koalitionsvertrag mitverhandelt, bestens präpariert mit Zahlen und Forderungspapieren, die sie vorab verteilte. In Berlin ist keine andere Mi­nis­ter­prä­si­den­t:in so präsent wie sie.

Was würde sie dem Mann aus Bad Doberan heute antworten? „Dasselbe wie damals: Ich konzentriere mich auf Mecklenburg-Vorpommern.“ Aber ein Parteifreund ist überzeugt: „Schwesig wird sich nicht damit zufriedengeben, nur Ministerpräsidentin zu sein.“ Der Kanzler kann sich warm anziehen.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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