Mütter im Spitzensport: Schwere Geburt
Romy Bär zählt zu den wenigen Müttern in der Damen-Basketball-Bundesliga. Die Unterstützung durch die Liga und Klubs bleibt bislang bescheiden.
Wenn Romy Bär am Abend die Tasche packt, um ins Training des Syntainics MBC zu gehen, weiß Sohn Cody genau, was die Mutter jetzt macht. „Wenn ich ihm sage, dass ich zur Arbeit gehe, macht er inzwischen eine Wurfbewegung“, berichtete Bär schon vor Monaten. Mittlerweile ist ihr Nachwuchs schon über zwei Jahre alt und geht tagsüber fünf Stunden in die Kita. So kann die MBC-Kapitänin in Halle/Saale vormittags trainieren und ist nachmittags für den Kleinen da. Abends passt ihre Frau auf.
Ob Fußballtorhüterin Almuth Schult, Leichtathletin Gesa Krause oder Tennisstar Angelique Kerber: Einige Sportlerinnen sind als Mütter auf die Bühne des Leistungssports zurückgekehrt. Mittlerweile gibt es auch in Deutschland mehr Strukturen, die diesen Schritt erleichtern – doch es ist nach wie vor Pionierarbeit notwendig. Insbesondere in Sportarten wie Basketball, die generell noch an ihrer Professionalisierung arbeiten.
Einen Tag, nachdem Bär damals den positiven Schwangerschaftstest hatte, kam die Nachricht, dass ihr Verein Rheinland Lions insolvent war. Daher findet sie es besonders wichtig, im Profibasketball auch im Falle einer Schwangerschaft abgesichert zu sein. „Es ist ja nicht nur, dass du dann kein Geld verdienst“, merkt Bär an. „Du hast auch keine Halle, keinen Trainer, kein Fitnessstudio. Wie willst du es dann schaffen, nach der Schwangerschaft zurückzukommen?“
In anderen Ländern, allen voran den USA, sind die Ligen schon einen Schritt weiter. In der WNBA gilt Candace Parker als Pionierin. 2009 bekam sie ihre erste Tochter Lailaa und kam 53 Tage nach der Geburt wieder zurück. Doch der Weg war keineswegs einfach. Erst mit den neuen Tarifverträgen der WNBA 2020 haben die Spielerinnen einen Anspruch auf bezahlten Mutterschaftsurlaub. Auch bezahlte Freistellungen und angepasste Wohnregelungen für Spielerinnen mit Kindern gehören heute zum Standard.
„Erst wieder auf Null kommen“
Ob sie auf den Court zurückkommt, ließ Romy Bär zunächst offen. „Ich wusste ja nicht, was die Schwangerschaft physisch, aber auch mental mit mir macht. Also inwieweit sich die Prioritäten verschieben und ich Basketball überhaupt noch als,wichtig' empfinden werde.“ Doch wenige Wochen nach der Geburt kribbelte es wieder, als sie das Nationalteam spielen sah. „Da war mir klar: Ich will weitermachen und habe mir zum Ziel gesetzt, nach Weihnachten wieder zu starten.“ Das war leichter gesagt als getan.
Fußballerinnen, die während ihrer Profikarriere schwanger wurden, bleiben auch im umsatzstärksten deutschen Frauensport eine besondere Spezies. Statistiken dazu werden nicht geführt. Aber mehr als eine Hand braucht es nicht, um die bekannten Namen aufzuzählen.
Die einstige Nationaltorhüterin Almuth Schult, die drei Kinder während ihrer aktiven Zeit zur Welt brachte, ist gewiss die Prominenteste, auch weil sie sich bis heute für bessere Bedingungen starkmacht. Sie thematisierte deutlich die Probleme, mit denen sie als Mutter in der Bundesliga konfrontiert war. Und sie berichtete davon, wie viel einfacher es ihr in den USA gemacht wurde, nachdem sie in Europa keine Angebote mehr erhielt.
Vorschriften der National Women’s Soccer League sorgen für ein hohes Maß an Absicherung für Mütter. Kinderbetreuung und zusätzliche Reisekosten müssen selbstverständlich von den Vereinen bezahlt werden. Der Deutsche Fußball-Bund übernahm im Dezember 2024 zumindest die im Vergleich zur NWSL etwas bescheideneren Fifa-Standards zum Mutterschutz in seinen Statuten auf. 14 Wochen Mutterschutz sind dort unter anderem für die Profifußballerinnen garantiert.
Für die Wiedereingliederung in den Profikader gibt es jedoch keine Vorschriften. Die Fußballerinnen sind auf das Entgegenkommen ihrer Vereine angewiesen. Wer Glück hat, ist bei einem fortschrittlichen Arbeitgeber angestellt. Die TSG Hoffenheim beispielsweise führte als erste deutscher Verein im Mai 2025 die Regelung ein, dass die Fußballerinnen bei einer Schwangerschaft ihren Vertrag einseitig bei gleichbleibenden Konditionen um ein Jahr verlängern können. Noch ist in der Liga kein Verein diesem Beispiel gefolgt. Schult fordert mehr verbindliche ligaweite Regeln in diese Richtung und führt die schleppende Entwicklung unter anderem darauf zurück, dass es an einer Gewerkschaft, einer Interessenvertretung der Spielerinnen, fehlt.
Fußballerinnen, die nach einer Schwangerschaft zurückkehren, sind nach wie vor alles andere als selbstverständlich. Als Melanie Leupholz bei der WM 2023 in Australien zum Einsatz kam und ihrem acht Monate alten Sohn samt einer vom DFB bezahlten Nanny dabei hatte, stand Letzteres mehr als alles andere im Fokus der Berichterstattung.
Tabea Sellner (ehemals Wasmuth), eine andere deutsche Nationalspielerin, feierte nach ihrer Schwangerschaft im September 2024 ein furioses Comeback beim VfL Wolfsburg mit einem Treffer nach ihrer Einwechslung. Am Saisonende beendete sie allerdings im Alter von nur 28 Jahren ihre Karriere. Sie begründete ihre Entscheidung mit „einem Bauchgefühl“ und kündigte an, ins „normale Berufsleben“ einsteigen zu wollen. Und in einem Interview auf der Vereinswebsite erklärte sie: „Ich hoffe sehr, dass sich die Bedingungen im deutschen Frauenfußball in dieser Hinsicht noch weiter verbessern und mehr Verantwortliche sehen, dass die Rückkehr auf den Platz möglich ist.“ Johannes Kopp
Als Bär wieder ins Training einsteigen wollte, stellte sie fest: „Mein Körper hatte sich sehr verändert. Ich dachte, ich fange bei null an, aber ich musste erst einmal wieder auf null kommen.“ Mit ihrer Größe (1,87 Meter) und dem Kaiserschnitt bei der Geburt, war Bär in der Körpermitte „auseinandergefallen“, wie sie es beschreibt. Kein Wunder. Die Hormone in der Schwangerschaft machen Sehnen und Bänder weicher, die Bauchmuskeln gehen auseinander, die Core-Stabilität nimmt ab.
Mittlerweile fühlt sich Bär körperlich gut. „Ich habe das Gefühl, dass ich meinen Körper auf ein anderes Level gebracht habe, und auch mental gehe ich ganz anders in Trainings und Spiele“, erzählt sie. Der Fokus ist jetzt ein anderer, zwei Stunden Sport werden viel effektiver genutzt und alles bewusster wahrgenommen. Wenn Bär mit ihrem Team zu Auswärtsspielen fährt, freut sie sich als Einzige so richtig auf die lange Busfahrt. „Da kann ich mal in Ruhe lesen und einfach mal Ich sein“, erzählt sie und lacht. Auf der anderen Seite ist sie im Zwiespalt, weil sie nicht so lange von ihrem Sohn getrennt sein will, der jetzt immer mehr versteht und traurig ist, wenn die Mutter 48 Stunden weg ist.
Immerhin war es zuletzt bei der Nationalmannschaft so, dass für Sohn und Frau die Hotelkosten übernommen wurden und die Familie ein eigenes Zimmer bekam. „Dass so etwas normal ist, dafür haben wir lange gekämpft“, erzählt Bär. Im Nationalteam war sie die einzige Mutter – mittlerweile gehört die Rekordspielerin aber nicht mehr zum Kader. „Als Verband sind wir offen und versuchen, individuelle Lösungen zu finden“, sagt Peter Radegast, der beim DBB für das Thema zuständig ist. Er betont aber auch, dass es sich um Ausnahmefälle handelt. „In der Vergangenheit war der Weg klar vorgezeichnet, da man mit dem Basketball kein Geld verdient hat. Da sich das geändert hat, könnte es auch mehr Mütter geben, die nach der Geburt zurückkommen“, vermutet er.
Noch keine konkreten Pläne
In der DBBL ist Bär neben Milica Cuic von den Girolive Panthern Osnabrück und Deeshyra Thomas von Alba Berlin eine der wenigen spielenden Mütter. Insgesamt sind die Strukturen zwar auch bei den Vereinen individueller geworden – die eine Spielerin studiert, die andere arbeitet – doch noch sind die Vereine der DBBL auf sich allein gestellt und müssen eigene Lösungen finden. Bei der DBBL, die gerade viele Strukturen professionalisiert, ist bekannt, wie wichtig es ist, die Rückkehr nach einer Schwangerschaft zu ermöglichen, heißt es aus dem Vorstand. Doch noch gebe es dazu keine konkreten Pläne, um die Vereine und Athletinnen dabei zu unterstützen.
Reibungslos lief es auch in der US-amerikanischen Liga nicht. So machte etwa Dearica Hamby Schlagzeilen, weil sie während ihrer zweiten Schwangerschaft 2022 Diskriminierung erlebte. Sie klagte ihr damaliges Team, die Las Vegas Aces, an und sprach öffentlich darüber, aufgrund ihrer Schwangerschaft versprochene Leistungen nicht erhalten zu haben. Ihr Fall führte zu intensiven Diskussionen innerhalb der Liga – und zeigte, dass strukturelle Verbesserungen nicht nur wünschenswert, sondern notwendig sind, um die Spielerinnen zu schützen und ihnen auch nach einer Schwangerschaft eine Karriere zu ermöglichen.
Wie die beiden US-Ikonen ist auch Romy Bär in Deutschland eine Pionierin. „Es wäre schön, wenn ich dadurch andere ermutige, auch diesen Schritt zu gehen. Klar, man kann das zeitlich nicht komplett planen und vielleicht verpasst man auch mal ein großes Event – dafür hat man dann aber eben ein Kind.“
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