Schweine: Mit wilden Tieren auf du und du

Die Zehlendorfer müssen mit Wildschweinen leben, denn diese, haben den Bezirk als neuen Lebensraum erobert. Die örtliche CDU rief nach dem Jagdreferenten des Senats. Der aber liebt Tiere.

Die Plage der Zehlendorfer: das Wildschwein. Bild: DPA

Zehlendorf ist ein schöner Bezirk. Grün, gediegen, eigenheimstark. Rütli-Schulen? Die gibt es anderswo. Einflugschneisen? Die gibt es anderswo. Moscheebauten? Die gibt es anderswo.

Eines allerdings hat Zehlendorf: Wildschweine. Die Huftiere begnügen sich nicht damit, sich am Wohlstandsmüll der Südwestberliner und -berlinerinnen zu laben, sie pflügen ihnen auch Sportplätze, Grünanlagen, Friedhöfe und Eigenheimgärten um. Genau genommen sind die Wildschweine daher eine Plage.

Deshalb hat sich die Steglitz-Zehlendorfer CDU des Problems angenommen und am Dienstag zu einer Veranstaltung im "Kretaner" am U-Bahnhof Onkel Toms Hütte getrommelt. "Wildtiere in der Großstadt" lautete der Titel. Große Fragen wurden aufgeworfen. "Wie verhält man sich, wenn ein Wildschwein vor einem steht?", hieß eine. "Wie hindert man sie daran, in die Gärten zu gelangen", eine andere.

Weißer Pudel

Rappelvoll war der Saal. Entrüstungspublikum war da. Aber auch Leute, die Parks sauber halten und Nistkästen aufhängen. Dazu Männer in karierten Jacketts, die diese zuknöpfen, sobald sie aufstehen, samt deren Gattinnen. Eine hat einen weißen Pudel dabei. Eine andere blättert im Magazin Der Feinschmecker.

Der Jagdreferent Berlins, Derk Ehlert, war zum Vortrag geladen. Der allerdings ist ein Magier, einer, der aus Wildschweinhassern Tierliebhaber machen kann. Wildschweine, Füchse, Waschbären, Marder - die Stadt sei Lebensraum dieser Tiere geworden, auch weil der Mensch ihnen den Lebensraum streitig gemacht habe, setzt er an.

Während die Boulevardblätter daraus ein Skandalverhältnis zu den Tieren entwickelt haben, hat Ehlert ein Duzverhältnis zu ihnen. Er zeigt Fotos von Wildschweinen an Bushaltestellen. Er zeigt durchpflügte Friedhöfe. Er zeigt Alex, den Waschbären, der im Parkhaus am Alexanderplatz wohnt. Er zeigt Füchse in der Großstadt und Menschen, die Rehkitze streicheln. "Das ist mir beim Reiten begegnet und wollte mit", sollen die gesagt haben. "Da hört bei mir der Spaß auf", empört sich Ehlert. Eins nämlich kann er nicht oft genug wiederholen: "Fassen Sie die Wildtiere nicht an!" Auch das Rehkitz nicht. Das habe sich weder verirrt, noch wollte es mit.

Und noch ein Mantra des Jagdreferenten: "Füttern Sie die Tiere nicht!" Es ist eine Ordnungswidrigkeit. 5.000 Euro kostet sie. Denn Tiere sind klug. Sie merken sich, wo es zu essen gibt. Ihr Tisch sei in der Stadt ohnehin gut gedeckt. Komposthaufen sind Waschbärterrain. Mülleimer gehören den Füchsen. Laub, von Zehlendorfern gern mal in nahe Parks gebracht und dort auf einen Haufen geworfen, wie Ehlert wissend vermerkt, sind ein Paradies für Wildschweine. Von Mardern ganz zu schweigen. Selbst im 6. Stock seiner Senatsverwaltung soll einer wohnen.

Eine halbe Million Wildschweine seien letztes Jahr in Deutschland erlegt worden. 50 Jahre zuvor waren es 50.000. Soll heißen: Die Jäger sind bei der Sache. In der Stadt ist die Jagd allerdings verboten. Die Wildschweine danken es. Kommt noch hinzu, dass die Tiere klug sind. In Köpenick hätte schon zum dritten Mal eine Treibjagd abgebrochen werden müssen, weil die Wildschweine neuerdings den Treibern entgegenrennen. Sie haben herausgefunden, dass sie dort auf der sicheren Seite sind. Auch der Waschbär am Alex besticht durch Anpassungsleistungen. Um seinen Proteinhaushalt aufzustocken, habe er damit begonnen, die Scheinwerfer der Autos - und damit die darauf zerschellten Insekten - abzulecken.

Vergrämter Dachs

Begeisterung für die Tiere war nicht unbedingt das, was die Zehlendorfer hören wollten. Dass Wildschweine nicht aggressiv seien, wenn sie nicht in die Enge getrieben werden - "also stehen bleiben und laut mit ihnen reden" - und wie Zäune beschaffen sein müssen, um die Tiere aus Gärten rauszuhalten, interessierte mehr. Ganz klar, die Gatter sollten stabil sein. Und nach außen gebogen. Damit die Tiere drauf stehen, wenn sie sich unten durchwühlen wollen.

Von Vergrämungsmitteln allerdings hält Ehlert wenig. Weshalb sollen Wildschweine, die sich an Menschengeruch gewöhnt haben, davor weglaufen? Für einen Dachsgeplagten - Dachs also auch schon - hat Ehlert nach der Veranstaltung dann doch einen Geruchstipp zum Vergrämen parat. Man solle, riet er, es mal mit einer Flüssigkeit versuchen, die nur Männer ausscheiden. "Oh, da hilft dir dein Neffe bestimmt aus", sagt eine Zuhörerin zu der anderen.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Mit der taz Bewegung bleibst Du auf dem Laufenden über Demos, Diskussionen und Aktionen in Berlin & Brandenburg. Erfahre mehr

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben