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Schustern aus Leidenschaft

Schuhmacherei ist ein sterbendes Gewerbe. Ganze 44 Betriebe sind bei der Handwerkskammer Berlin noch registriert. Wer überlebt, profitiert davon

Die Inhaberin von „Schuhpflege des Westens“ liebt ihre Arbeit: Simone Bleul in ihrer Werkstatt in Schöneberg Foto: Wolfgang Borrs

Von Plutonia Plarre

Rockmusik dröhnt aus der offenen Tür. Drinnen riecht es nach Leder und Klebemittel. Bis obenhin vollgestopft sind die Regale des winzigen Ladens mit Schuhen, die auf Reparatur warten. Einzelstücke, Paare, große, kleine. Eingezwängt mitten drin an einer Schleifmaschine, eine Schürze vor dem Bauch, steht ein großer kräftiger Mann. Der Schuster.

Am Telefon hatte er gesagt, man könne vorbeikommen, aber jetzt möchte er doch nicht so recht mit der Sprache heraus. Nur soviel: Er komme aus der Kaukasusregion, habe Bauingenieur gelernt und vor 20 Jahren auf Schuhmacherei umgesattelt. „Das ist eine ganz schwere Arbeit. Den ganzen Tag stehen. Laute Maschinen.“ Lange halte er das nicht mehr durch, sorge sich um seinen Laden. „Die jungen Leute wollen doch alle vor dem Computer sitzen.“

Schuhmacherei ist ein sterbendes Gewerbe, nicht nur in Berlin. Ganze 44 Schuster sind bei der Handwerkskammer Berlin noch als Betrieb eingetragen, wie deren Hauptgeschäftsführer Jürgen Wittke der taz sagt. Seit der Pandemie sei der Einbruch so richtig spürbar. Vor Corona waren bei der Vertretung des Handwerks noch 64 Schuhmacher registriert. „Im Homeoffice sind alle in Socken rumgelaufen und haben ihre Schuhe geschont“, sagt Wittke, er meint das nicht als Scherz.

Bei den Uhrmachern ist die Entwicklung noch drastischer. Nur noch knapp 30 Betriebe gibt es, der Rückgang beträgt 37,7 Prozent.

Ohne Uhr lässt sich auskommen. Ohne Schuhe nicht, es sei denn, man ist Barfußläufer. Manche schleppen ihre Lieblingstreter jahrelang, und wenn sich die Sohle löst oder die Naht platzt, bringt man sie selbstverständlich zum Schuster. Aber so einfach wie früher ist das nicht mehr.

In den 80er Jahren, als sie ihre Lehre gemacht habe, „gab es an jeder Ecke Schuhmacher“, erzählt Simone Bleul. „Wir waren Hunderte.“ Mit ihrem Laden am Bayerischen Platz in Schöneberg, „Schuhpflege des Westens“ genannt, gehört Bleul zu den wenigen noch existierenden Exemplaren. Und Frauen sind dem Gewerbe ohnehin eine Minderheit, früher noch mehr als heute.

Sie wisse von vielen alten Schuhmachern, die ihre Läden schließen mussten, erzählt die 58-Jährige, die eine Schürze aus Jeansstoff trägt und ihre blonden Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hat. „Krach, Staub, Lösungsmittel – viele Vermieter wollen das nicht mehr in ihrem Haus.“

Nicht nur Schuster verschwinden. Handwerksbetriebe seien in den Innenstädten generell nicht mehr erwünscht, sagt Wittke. In Städten wie München sei das schon länger der Fall. In Berlin komme die Entwicklung, so wie das auch beim Anstieg der Mietpreise war, immer mit Verzögerung.

Verdrängung durch Gentrifizierung ist ein Grund für die Betriebsschließungen. Die Wegwerfgesellschaft ein anderer. „Es mangelt an Nachfrage“, sagt Wittke. Die Sache sei doch die: „Wenn das Dach undicht ist, habe ich keine große Alternative und muss es reparieren lassen.“ Anders bei Schuhen. „Sie werden nicht mehr repariert, sondern weggeschmissen.“ Der Trend gehe zum Neukauf, der Markt sei von Billigware überschwemmt. Mit Preisen ab fünf Euro für ein neues Paar könne ein Schuster nicht konkurrieren.

Serie: Der Wert der Arbeit

Schon Karl Marx wusste: Ohne Arbeit ist der Kapitalismus nix. Wenig überraschend also, dass in Zeiten multipler Krisen der Appell „mehr zu arbeiten“, wieder allgegenwärtig ist. Ob als „hart arbeitende Mitte“, gutverdienende „Leistungsträger“ oder „systemrelevante“ Niedriglöhner – als mustergültiges Mitglied der Gesellschaft gilt, wer möglichst viel arbeitet.

Doch für wen arbeiten wir, und wofür? Was ist eine (anerkennenswerte) Leistung, wer oder wo ist die Mitte? Was ist Arbeit, was ihr Wert? Warum tut jemand, was er/sie tut – und was gibt‘s als Gegenwert?

Eine Serie der taz Berlin über und mit Ber­li­ne­r*in­nen aus allen Ecken der Stadt.

An diesem Montag erscheint Teil 1 über das „aussterbende“ Schusterhandwerk. Alle Teile der Serie sind online später hier abrufbar.

Aber selbst wenn das Geschäft floriert und der Vermieter keine Probleme macht, droht der Niedergang des Ladens, weil Inhaber, die aufhören wollen, nur schwer Nachfolger finden. Schuhmachereien seien zumeist Familienbetriebe, aber in der Verwandtschaft gebe es keinen mehr, der einsteigen wolle. Für die alten Schuster sei das schwer, weiß Wittke. „Das sind Herzblutbetriebe, da steckt alles drin.“

Deshalb unterstütze die Betriebsberatung der Handwerkskammer Berlin Betriebe bei allen Fragen rund um die Unternehmensnachfolge. Mit der IHK Berlin und der Bürgschaftsbank Berlin habe man zudem die Nachfolgezentrale gegründet, die Betriebe kostenlos bei der Planung und Umsetzung von Unternehmensnachfolgen behilflich sei. Aber von der Kontaktanbahnung bis zum Vertragsabschluss dauere es Jahre, sagt Wittke. „Wer nächstes Jahr in Rente geht, wird Probleme haben, einen geeigneten Nachfolger zu finden.“

Dabei ist es nicht so, dass es keinen Bedarf gäbe. Schuhe flicken zu lassen ist nachhaltiger und klimafreundlicher. Aber die Reparaturen muss man sich leisten können. Er habe seine alten Stiefel einmal neu besohlen lassen, erzählt ein taz-Volontär. 40 Euro habe ihn der Spaß gekostet. „Nochmal ist das nicht drin.“

Zu den Kiezen, in denen es noch eine Werkstatt gibt, gehört die Wilmersdorfer Straße nördlich des Kaiserdamms. Er sei Schuster aus Leidenschaft sei er, erzählt Mesut Tekin, Inhaber der „Absatzbar.“ Wenn man so will, ist der 62-Jährige – schwarze Schürze, grauer Bart, schütteres Haar – Profiteur des Schuhmacherschwunds. Den Laden in der Wilmersdorfer führt er eigenen Angaben zufolge seit über 40 Jahren. Früher habe er für große Schuhfachgeschäfte wie Bally, Leiser, Neumann und Buffalo im Bring- und Abholservice gearbeitet. Er halte es nach dem Motto „Schuster, bleib bei deinen Leisten“.

Geld durch eigene Hände Arbeit in die Familie einzubringen, ist ein gutes Gefühl

Marcel Bleul, Schuster

Er habe fast nur Stammkundschaft, erzählt der Mann. Fünf Schuster hätten in den letzten Jahren in Charlottenburg zugemacht. Inzwischen kämen die Leute auch von weiter weg. „Die Kasse stimmt“, sagt Tekin und zieht ein Paar weinrote Damenschuhe aus dem Stapel. Die Sohlen seien gebrochen gewesen. Auch Turnschuhe mache er wieder fit. „Den hier“, zeigt er auf einen alten Latschen, „habe ich genäht und neu gefüttert“.

Bis zu 12 Stunden steht er täglich im Laden, sagt Tekin. Fünf Jahre, länger wolle er eigentlich nicht mehr machen. Und dann? Mit der Frage beschäftige er sich ungern, „das wird schwer“. Das merke er auch daran, dass keine Aushilfen, geschweige denn Azubis zu finden sind. „Die Leute wollen nicht mehr arbeiten.“

So pauschal könne sie das nicht bestätigen, sagt Schusterin Simone Bleul. 2007 hat sie den Laden am Bayerischen Platz übernommen. Ein altes Geschäft aus den 1960ern mit einem Interieur aus gediegenem Holz. Auch das verblichene Firmenschild „Schuhpflege des Westens“ an der Fassade habe sie bewusst so gelassen, erzählt Bleul. Mehrere Besitzer habe der Laden schon gehabt. Mit dem Letzten von ihnen, der sie eingestellt habe, habe sie sich sehr gut verstanden – er sei leider viel zu früh verstorben.

Schuster Marcel Bleul bei der Arbeit Foto: Wolfgang Borrs

Als junge Frau hatte Bleul nach der Schusterlehre zunächst 13 Jahre bei Karstadt als Schuhverkäuferin gearbeitet, mit zwei kleinen Kindern hatte der Arbeitsrhythmus besser gepasst. „Wenn man mich damals gefragt hätte, ich hätte nicht geglaubt, dass ich später noch mal wieder Schusterin werde, weil ich so lange raus war. Zumal als Frau ist das sehr schwierig.“

Es herrscht ein Kommen und Gehen an diesem Vormittag in der Schuhpflege des Westens. Das liegt auch daran, dass das Geschäft eine Woche wegen Urlaubs geschlossen war. Der Laden sei immer gut gelaufen, aber durch die vielen Betriebsschließungen nehme die Arbeit weiter zu, sagt Bleul. Sogar aus den Randbezirken kämen Kunden, selbst aus der Innenstadt nach Brandenburg Gezogene ließen ihre Schuhe weiterhin bei ihr reparieren.

Sie liebe das Schuhhandwerk, sagt Bleul. Und auch die Selbstständigkeit. „Das ist wirklich meins.“ Das Gute ist, um einen Nachfolger braucht sie sich keine Sorgen zu machen, auch wenn das noch in weiter Ferne ist. 2011 hat Bleul, die einen Meisterbrief hat, ihren Sohn Marcel zum Schuster ausgebildet. Der hatte zuvor als Maler und Lackierer gearbeitet. Seither steht der heute 36-Jährige mit in der Werkstatt. Man arbeite gut und vertrauensvoll zusammen, sagt die Mutter. Der Sohn, grüne Arbeitsschürze um den Bauch, blonde kurze Haare, findet das auch. „Geld durch eigene Hände Arbeit in die Familie einzubringen, ist ein gutes Gefühl“, betont er.

Schusterin Simone Bleul und ihr Sohn und Nachfolger Foto: Wolfgang Borrs

Um an der Werkbank ohne Störung arbeiten zu können, bleibt das Geschäft montags und dienstags zu. „Wir versuchen zu reparieren, was machbar ist“, sagt Bleul. Viele Kunden kämen mit Liebhaberstücken, auch viele junge Kunden. Aufträge nehme sie allerdings nur noch gegen Vorkasse an, früher sei eine ganze Menge nicht abgeholt worden. Um Schuhe zu horten, sei der Laden zu klein.

Kein Platz, das sei auch der Grund, warum sie keinen Azubi aufnehmen könne. Anfragen gebe es immer mal wieder. Ein Mädchen hätte sie sehr gerne aufgenommen, aber auf einer Gesamtfläche von 30 Quadratmetern hätten drei Leute einfach nicht genug Bewegungsfreiheit.

Ein älterer Typ in kurzer Hose betritt den Laden. Aus seinem Jutebeutel zaubert er zwei Adidas-Latschen. Die Plastikkrempe, die den Fuß hält, ist ausgerissen. Bleul und der Kunde sind per du. Extrem runtergerockt sehen die Latschen aus. Die Schusterin dreht sie kurz in den Händen und gibt sie zurück. „Hol dir neue!“ Der Kunde, der sich offenbar nicht trennen kann, versucht es mit Überredungskunst. „Aber du hast doch so einen Superkleber.“ Keine Chance. Bleul bleibt hart.

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