Schulen in China: Digital überwacht

China treibt die Digitalisierung seiner Schulen auf die Spitze. Der Grat zwischen Utopie und Dystopie ist schmal.

Schüler*innen beim Seilspringen in einer Turnhalle

Eine Kamera zählt jede Rotation des Springseils der Schüler in Guiyang Foto: Alex Plavevski/epa

GUIYANG taz | Wang Kun hat eine Vision. Er träumt von vollkommen objektiv bewerteten Klausuren. „Wir wollen den menschlichen Fehler minimieren. Keiner soll hier eine gute Note bekommen, nur weil er enge Beziehungen zum Prüfer hat“, sagt der Sportlehrer mit der ernsten Miene und der kerzengraden Körperhaltung. In Chinas ultrakompetetivem Bildungssystem kann eine einzelne Schulnote schon mal über den gesamten weiteren Lebensweg bestimmen. Deswegen lautet Wangs Devise: Nur Leistung zählt – und sonst nichts.

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Der Pädagoge steht in der riesigen Sporthalle der Qingzhen-Mittelschule, hinter ihm haben sich bereits dutzende Teenager in Trainingskleidung auf dem glatt geputzten Linoleumboden aufgereiht. Sie werden heute im Seilspringen gegen die Zeit getestet.

Bewertet werden sollen die Schüler jedoch nicht vom fehlerhaften menschlichen Auge, sondern von objektiver Technik: Eine Kamera, ausgestattet mit künstlicher Intelligenz, zählt in Echtzeit jede Rotation des Springseils. Später werden Computerchips, eingenäht in die Shirts der Schüler, sicherstellen, dass niemand beim Ausdauerlauf auf der 400-Meter-Bahn seine Spur wechselt. Schummeln wird damit unmöglich gemacht. Statt auf Vertrauen setzen die Lehrer der Qingzhen-Schule auf digitale Kontrolle.

Es sind lediglich technische Spielereien, die die Lokalregierung den Journalisten beim Ortsbesuch im südwestlichen Guiyang präsentiert. Mit digitalen Hilfsmitteln soll hier, im chinesischen Mekka für Big Data, die körperliche Fitness der Schüler verbessert werden. Mithilfe der analysierten Daten liefert die Software etwa individuell angepasste Ernährungspläne und Übungen für zu Hause mit.

Sportunterricht nur Vorgeschmack

Von der ersten Klasse bis zum Abitur werden sämtliche Gesundheitsdaten ans Bildungsministerium weitergeleitet. Dabei bietet der Sportunterricht nur einen Vorgeschmack auf die umfassende Vision, die Chinas Regierung für ihre Jugend hegt.

„Unsere Technologie kann natürlich auch auf andere Fächer angewandt werden“, sagt Zhang Youyou, der für das staatsnahe Unternehmen mit dem sperrigen Namen „Guizhou Jingshi City Investment Smart Education“ arbeitet. Im zehnten Stock eines gläsernen Büroturms in Guiyang tüfteln Zhang und seine Kollegen an der digitalen Revolution fürs Klassenzimmer.

„Im Chinesischunterricht können wir beispielsweise bei Gruppendiskussionen die Antworten der Schüler filmen – und genau messen, wie konzentriert sie sind.“ Man wolle mithilfe der Technik den neuesten Stand der Neurowissenschaft mit digitaler Technologie verbinden, das Bildungssystem effektiver gestalten und die Kosten für die Gesellschaft drosseln, sagt eine Unternehmensmitarbeiterin im smarten Business-Look.

Nach wenigen Minuten wird deutlich, wie nah Utopie und Dystopie beieinanderliegen. So experimentieren die Informatiker aus Guizhou beispielsweise mit einer Art „Smart Desk“: Eine Lampe mit integrierter Kamera leuchtet auf den Schreibtisch des Schülers, der dort etwa schreiben lernt oder Mathematikaufgaben löst. Das Kamerabild wird gleichzeitig an die Applikation eines Lehrers übertragen, der Hunderte Kilometer entfernt Unterricht in Echtzeit halten kann.

Jede Äußerung im Online-Archiv gespeichert

Für viele Experten ist dies ein Beleg dafür, wie smarte Lösungen die wachsende Ungleichheit im Bildungssystem Chinas überwinden können. „Wenn man sich anschaut, wo die guten Lehrer sind, dann ist das in den großen Metropolen“, sagt Felix Liu, der für die Schweizer Großbank UBS zum Bildungssektor in China forscht. 85 Prozent aller Schüler seien jedoch in den ländlichen Gebieten. „Dieses strukturelle Ungleichgewicht kann von Online-Unterricht gelöst werden.“

Doch gleichzeitig arbeiten die Programmierer in Guiyang auch an der totalen Überwachung des chinesischen Klassenzimmers: „Smarte“ Kameras sollen sämtliche Unterrichtseinheiten aufzeichnen, jedes gesagte Wort im Online-Archiv speichern und die kleinste Unkonzentriertheit der Schüler sofort bemerken. Anhand von Gesichtsausdruck, Gestik und Körpertemperatur kann die Software Rückschlüsse auf den psychischen Gemütszustand der Heranwachsenden ziehen.

Eine Zustimmung der Eltern bräuchte man nicht, denn die Schule sei in China öffentlicher Raum, sagt Zhang von Gui­zhou Jingshi City Investment Smart Education. Und auch in den eigenen vier Wänden soll die Beobachtung weitergehen: Eine App kontrolliert mithilfe der Smartphone-Kamera, dass die Hausaufgaben auch tatsächlich erledigt wurden.

Noch ist dies nur ein Pilotprojekt, das in neun Städten der Provinz Gui­zhou ausprobiert wird. Doch schon bald sollen sieben Millionen Schüler aus der Region von dem Softwareprogramm erfasst werden. Als nächster Schritt könnte es dann flächendeckend im ganzen Land eingesetzt werden.

Versuch, einen vorbildlichen Bürger zu erziehen

Beim Gespräch mit Ban Chao, dem Geschäftsführer des staatsnahen Unternehmens, stellt sich heraus, dass man die moralische Problemstellung nicht einmal wahrnimmt. Ob man Kinderpsychologen bei der Entwicklung des Online-Klassenzimmers zurate gezogen hat? „Die Schüler stehen doch nicht allzu lange unter Beobachtung. Die Intention der Software ist es lediglich, die Handlungen der Schüler, ihre Wortmeldungen und ihre mentale Verfassung zu messen“, sagt er mit entwaffnender Ehrlichkeit. Es ginge vor allem darum, die akademische Leistung mit Hilfe der Technik zu verbessern.

Das digitale Klassenzimmer in Guiyang reiht sich dabei ein in ein umfassendes gesellschaftliches Experiment, an dem Chinas Staatsführung arbeitet. Am ehesten lässt es sich als Social Engineering umschreiben, dem systematischen Versuch, mithilfe von künstlicher Intelligenz und vollständiger Überwachung einen vorbildlichen Bürger zu erziehen.

Die Möglichkeiten der Gegenwart übersteigen bereits heute den Vorstellungshorizont vieler Science-Fiction-Filme: Wer etwa in Shanghai bei Rot über die Ampel geht, bekommt seine Strafe dank omnipräsenter Gesichtserkennung automatisch zugestellt. Die biometrischen Daten werden von den Chinesen ganz freiwillig aktualisiert: In vielen U-Bahnhöfen lässt sich die Ticketschranke nämlich am effizientesten via Face Scan lösen.

Schon jetzt können die Sozialämter mit einem simplen Zugriff auf die Überwachungskameras der Stadt abgleichen, ob etwa ein Bezieher von Arbeitslosengeld nicht heimlich ein Luxusfahrzeug besitzt. Und wer das Rauchverbot im öffentlichen Raum wiederholt missachtet, kann problemlos von den Autoritäten gemaßregelt werden – etwa indem ihm für einen gewissen Zeitraum verboten wird, Tickets für Hochgeschwindigkeitszüge zu kaufen.

Jede Transaktion nachvollziehbar

Mit der ersten staatlichen Digitalwährung der Welt, die in China in flächendeckenden Pilotprojekten eingesetzt wird, lässt sich jede einzelne Transaktion der Bürger nachverfolgen. Die chinesische Gesellschaft der Zukunft ist, wenn es nach den führenden Parteikadern in Peking geht, eine Utopie ohne Sozialbetrug, Steuerhinterziehung und Gewaltverbrechen.

Doch ebenso ist sie eine Welt, in der es weder Privatsphäre gibt noch freie Meinungsäußerung oder politische Opposition. Die Technologie soll helfen, Armut zu bekämpfen. Andererseits hält sie ein autoritäres Regime an der Macht.

Dabei ist Datenschutz innerhalb Chinas durchaus ein kontrovers debattiertes Thema, zumindest, wenn es um die kommerziellen Absichten von Unternehmen geht. Tatsächlich wahrt der Staat die Interessen der Bevölkerung, wie zuletzt ein Gesetzesvorstoß der Stadtregierung Shenzhens beweist. Er verbietet, dass Smartphone-Apps Benutzerprofile von Minderjährigen erstellen und ihnen personalisierte Werbeempfehlungen schicken.

Gleichzeitig sorgen auch die Tech-Unternehmen immer wieder für Kontroversen, wenn sie ihre Marktdominanz für intransparente bis unlautere Geschäftspraktiken missbrauchen: Die führenden E-Commerce-Plattformen beispielsweise haben immer wieder die Daten ihrer Konsumenten dazu verwendet, ihnen – unwissentlich – unterschiedliche Preisangebote für dieselben Produkte maßzuschneidern.

Kritischer Diskurs über staatliche Überwachung unmöglich

Ebenso wurden mehrere Marken dabei überführt, wie sie in ihren Läden Kameras mit Gesichtserkennungssoftware dazu verwendet haben, Verhaltensmuster ihrer Kunden zu überwachen.

Im Frühjahr hat die Parteiführung erstmals ein umfassendes Datenschutzgesetz ausgearbeitet, das insbesondere die boomenden Tech-Imperien wie Alibaba oder Tencent an die Kandare nimmt. In seinen Grundzügen orientiert sich das Gesetz am Vorbild der Europäischen Union. Doch ein unlösbarer Widerspruch tritt ganz offen zutage: Während der Staat seine Bürger vor den Unternehmen schützt, ist kein kritischer Diskurs über die exzessive Überwachung seitens des Staates möglich.

Im Büro von Guizhou Jingshi City Investment Smart Education möchte man sich offensichtlich nicht mit solch lähmenden Fragen aufhalten. Stattdessen tüfteln die Programmierer im Namen des technologischen Fortschritts weiter an der künstlichen Intelligenz fürs Klassenzimmer der Zukunft, die das volle Potenzial eines jeden Schülers erkennen kann. Geschäftsführer Ban Chao sagt: „Wir wollen erkennen, wie der weitere soziale Pfad eines jeden Schülers aussehen kann“.

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