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Schreiben auf der Kippe

Leipzig 3: Die Schriftstellerin Uljana Wolf erhielt den Leipziger Buchpreis für Essayistik

Das multilinguale Spiel mit den Wörtern ist ihre Passion. „Ich ging ins tingeltangel, lengevitch angeln.“ So begann Uljana Wolf in ihrem Gedichtband „meine schönste lengevitch“ (2013) ihre große Wanderungsbewegung in die fluiden Zwischenräume der Sprachen. Die Rückfrage nach der ominösen „Lengevitch“ war schnell geklärt: Hier handelt es sich nicht um einen neuen Programmiercode, es geht um das Medium, in dem wir uns täglich bewegen – die language.

Die Sensibilität für einen flirrenden polylingualen Zwischenraum prägte von Beginn an das Werk der 1979 in Ostberlin geborenen Schriftstellerin. Ihre Gedichte sind keine Gebilde, in denen Sprache selbstverständlich zur Verfügung steht. Sie sind im Gegenteil als Störung jeder vorschnellen Sprachgewissheit angelegt.

In ihrer Essaysammlung „Etymologischer Gossip“ die soeben mit dem Leipziger Buchpreis für Sachbuch/Essayistik ausgezeichnet wurde, propagiert Wolf nun das „translinguale Schreiben“ als eine Form des „Schreibens am Rand, auf der Kippe“. Im Zentrum dieser poetischen Essays stehen Reflexionen zur Herkunft der Wörter sowie ihrer Klangverwandtschaft mit benachbarten Wörtern und zugleich die eminent politischen Fragen der Einwanderung und der Migration. Das einst vom Philosophen Friedrich Schleiermacher etablierte Dogma, dass der Mensch sich für die Zugehörigkeit zu einer „Muttersprache“ entscheiden müsse, wird von Wolf verworfen.

In ihrem Essay „Ausweißen, Einschreiben“ denkt sie über das Erasureverfahren der Übermalung von Texten nach. Eine Rilke-Übersetzung hatte Wolf in dem Band „Sonne from Ort“ (2012) so lange mit einem Tipp-Ex-Pinsel und Durchstreichungen bearbeitet, bis neben vielen Strichen und Linien nur noch wenige Wörter zurückblieben. In dem Weiß auf der ursprünglichen Textfläche entsteht – so erläutert nun Wolf – eine poetische Energie, die „zwischen Vandalismus und Wiedererweckung changiert“. Als Vorbild für dieses entschlossene Nomadisieren zwischen den Sprachen nennt sie im „Gossip“-Buch die Prosagedichte von Ilse ­Aichinger, der gleich drei Essays gewidmet sind.

„Meine Sprache und ich, wir reden nicht miteinander, wir haben uns nichts zu sagen“, lautete einst die paradoxe Maxime von Ilse Aichinger. Uljana Wolf hat ihrerseits mit einer Paradoxie darauf geantwortet: „Gedichte sind das Sagen, das ich nicht habe.“

Michael Braun

Uljana Wolf: „Etymologischer Gossip. Essays und Reden“. kookbooks, Berlin 2021, 232 Seiten, 22 Euro

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