Schattenseiten der sexpositiven Szene : Täter im hedonistischen Schafspelz
Das Kitkat steht für sexuelle Freiheit und grenzenlosen Hedonismus. Doch das Label wird teils misbraucht, um Macht und Übergriffigkeit zu kaschieren.
H edonist*innen, das sind diese Depressiven und Drogenabhängigen, die übergriffigen Männer. Diesen Eindruck vermittelt zumindest der neuen Kinodokumentarfilm „KitKatClub – Kinks of Berlin“. In der 100-minütigen Doku blickt Regisseur Philipp Fussenegger schonungslos hinter die Türen des legendären sexpositiven Clubs: Überdosierungen, Zusammenbrüche im und vor dem Kitkat, Kotzen am Morgen danach. Bei Orgien stapeln sich Berge von Keta, Speed und Mephe auf Papptellern, viele klagen über die Oberflächlichkeit der Feierfreundschaften, Flinta* über die Übergriffigkeit vieler Männer.
Dieser Trostlosigkeit steht die eigentliche Definition des Hedonismus – die Maximierung von Freude und Vermeidung von Leid – diametral entgegen. Dennoch versteht sich der Kitkat-Club als „hedonistisch“, die Community als eine, die es wagt, gesellschaftliche Normen zu hinterfragen, Scham zu dekonstruieren und mit anderen Formen des Zusammenlebens abseits des heteronormativen Standards zu experimentieren.
Doch Anspruch und Realität klaffen auseinander. Denn neben einem Ort der Selbstermächtigung ist es auch ein Ort der Machtausübung. Beispielhaft dafür ist die Beziehung von Kitkat-Gründer Simon Thaur und Partnerin Mali, die in der Doku begleitet werden. Dass die Beziehung von einer fetischisierten Unterordnung der weiblichen Rolle geprägt ist, nimmt Thaur zum Anlass, seine Partnerin vor laufender Kamera in einer Tour herabzuwürdigen und zu beleidigen. Mit hedonistischer Befreiung hat das wenig zu tun, vielmehr mit der Reproduktion patriarchaler Machtfantasien unter dem Deckmantel der Sexpositivität.
Auch im Club wird grenzenlose Freiheit immer wieder mit Grenzenlosigkeit verwechselt. Es häufen sich Berichte von sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen. 2023 feierte im Kitkat Rammstein-Sänger Till Lindemann, gegen den zuvor Vorwürfe wegen sexualisierter Gewalt erhoben worden waren. 2024 gab es Berichte von Frauen über sexuelle Belästigung beim Pinkeln in der Umgebung des Clubs. Aufgrund langer Schlangen und fehlender Toiletten vor dem Kitkat war das Ausweichen in die Umgebung unumgänglich.
Kitkat vergleicht Awareness-Team mit „Moralpolizei“
Lange fehlten im Club hausinterne Awareness-Strukturen völlig, erst nach Vorfällen von sexualisierter Gewalt und öffentlicher Kritik wurde nachgeschärft und sichtbare Awareness-Teams eingesetzt. Von den Standards anderer Berliner Clubs, ist das Kitkat jedoch noch weit entfernt. Dabei müssten die Strukturen gerade dort, wo Sex, Nacktheit und das Ausloten von Grenzen explizit erwünscht ist, deutlich über die klassischer Clubs hinausgehen.
Der Club erklärte in einer Stellungnahme nach einer mutmaßlichen Vergewaltigung 2024, dass das Awareness-Team bislang undercover unterwegs gewesen sei, „um zu vermeiden, dass sich das Kitkat in einen „Moralpolizei“-Staat verwandelt“. Es zeigt: Die mangelnden Awareness-Strukturen sind kein Versehen, sondern Kalkül.
Die Betreiber*innen, Simon Thaur und Kirsten Krüger, verkörpern eine alte Schule des Hedonismus, die Grenzen als bürgerliche Prüderie abtut und grenzenlosen Exzess zum Ideal erhebt. Was dabei verloren geht: Inklusion, Konsens und emotionale Sicherheit. Thaurs Partnerin Mali bringt diese Haltung in der Doku auf den Punkt. Die junge sexpositive Generation habe „einen Stock im Arsch“, sagt sie. Anders ausgedrückt: Wer consent fordert, ist nicht sexpositiv.
Es ist genau diese Erwartungshaltung der selbternannten „Hedonist*innen“, permanent geil, abenteuerlustig und enthemmt sein zu müssen, die einen Druck erzeugt. Wer sich nicht mit einer Tüte über dem Kopf anal penetrieren oder in den Mund pinkeln lassen will, muss sich fragen: Bin ich überhaupt sexpositiv?
Es ist keine Utopie, Menschen, die Grenzen setzen, emotionale Nachsorge brauchen oder Verantwortung für die Gefühle der Beteiligten übernehmen, als „bürgerlich“ oder „unfrei“ abzutun. Wirklich hedonistisch und utopisch wäre Akzeptanz für alles, auch für Unlust. Denn grenzenlose Freiheit bedeutet auch: Grenzen akzeptieren.
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