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■ Ost-West-Blicke – Eine Ausstellung im Volkskundemuseum

Die fremde Nähe, das nahe Fremde: Unsere deutsch-deutschen Lebenswelten mit ihren unterschiedlichen Anforderungen und Risiken haben Selbstverständnisse, Neigungen und Interpretationsmuster erzeugt, die sich für den Bezug auf ein plötzlich gemeinsames Ganzes als wenig kompatibel und schwer kommunizierbar erweisen. Wo man sich auf einer persönlichen Ebene gerade eben noch zu verstehen glaubte, mißtraut man im nächsten Augenblick der Zumutung eines dahinter aufscheinenden Musters, weil es eigenen Grundüberzeugungen zuwiderläuft. Für die einen ist ein umgestellter Supermarkt, mit fremden Waren und fremder Anordnung, ein bedrohliches Symbol der „Kolonisierung“, für die anderen ist dieses Argument bestenfalls schwer nachvollziehbar. Um nicht die moralisierend-mäandernden Vorwurfshaltungen der paralysierenden „Kopf-Bauch-Debatten“ der Achtziger zu wiederholen, werden wir diese Differenzen erkennen und aushalten müssen. Die Überprüfung der Bedingungen der eigenen Identität bleibt dabei weder dem Ostler noch dem Westler erspart.

Einen Ansatz dazu machten StudentInnen des Instituts Empirische Kulturwissenschaften in Tübingen und des Ethnographischen Instituts der Humboldt-Uni Berlin. „Blickwechsel Ost- West“ heißen ihre Bestandsaufnahmen deutscher Alltagskulturen und Lebensläufe. Das gemeinsame Projekt, 1990 gestartet, ist nun Grundlage der Ausstellung. Befragt wurden 20- bis 30jährige aus Ost und West, weil man annahm, neben Differenzen in dieser Generation auch Gemeinsames zu finden. Im ersten Teil ihres Projektbandes geht es um An- und Einsichten. Thematisiert werden unter anderem der unterschiedliche Gebrauch von Zeit, häusliche Freizeiten, Werbung in der „Zwischenzeit“, östliches Umweltbewußtsein und Ost-Frauenbewegung in Westsicht. Spannende Blicke auf die „anderen“, in denen sich trotz (oder wegen?) größter Bereitschaft zum Verstehen, notwendiger- und dankenswerterweise auch dessen Schwierigkeiten und Grenzen spiegeln. Denn vor den tapfer unvoreingenommenen Blick, in die Bahnen der Selbstreflexion schiebt sich immer wieder Unbedachtes, Unbewußtes: das Selbstverständliche. So verblüfft eine der Autorinnen in ihrem materialreichen Beitrag zur Eßkultur ihre (Ost-)Informanten mit der Frage, was sie für „hohen Besuch“ kochen. Ob man aus dem verständnislosen Achselzucken der Befragten wirklich Aussagen über die Differenz von „Alltags-“ und „Besucher“-Küche ableiten kann, bleibt fraglich. Auch in den „über Kreuz“ protokollierten Lebensläufen des zweiten Teils mischt sich die Hoffnung, „über die fremde auch die eigene Biografie zu erkennen“, mit Befremdungsattacken und Mißverständnissen. Was die Lektüre des Projektbandes noch leisten kann, gelingt der Ausstellung selbst leider nicht mehr. Wo die Texte ihre Gegenstände differenziert betrachten oder zumindest das Ringen um sie belegen, bleibt ihre Inszenierung als „Baustelle Deutschland“ hilflos-illustrativ oder erliegt einem nachträglich simplifizierenden Kontrastierungszwang. Puddingpulver Ost und West; „Sero“ und Müllsäcke; KaDeWe- Freßabteilung gegen Aldi-Paket: da gibt's nun wirklich nichts Neues zu entdecken. Die geografisch bewußt nicht verorteten Privatfotografien im Nebenraum sind eine viel größere Herausforderung. An ihnen kann auch der Besucher seinen gekrümmten Blick überprüfen, in bereitgestellte Fettnäpfchen tappen und darüber nachdenken, ob ihm nun die Mitte oder die Ränder verlustig gegangen sind. Barbara Häusler

„Vor/Hinter/Nach der Mauer. Alltage und Lebensläufe“ ist bis 22.8. im Dahlemer Museum für Volkskunde, Im Winkel 6, zu sehen. Der Projektband (dort erhältlich) kostet 35 DM.

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