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SCHRÖDER IN SCHWEDT: DER OSTEN IST ENDLICH WIEDER THEMADas Stigma der Platte

Wolfgang Thierse hat das Wort vom „Osten auf der Kippe“ geprägt. Damit gelangte das Thema zurück auf die politische Tagesordung, von der es nach der publicityträchtigen Sommertour des Kanzlers schnell wieder verschwunden war. Jetzt machte sich Schröder ein zweites Mal auf die Reise in den unbekannten Osten, diesmal unter anderem nach Schwedt – jener Stadt, der gerade im Westen das Stigma von Rechtsextremismus und Plattenbauten anhängt.

Aus dem elften Stock einer „Platte“ hat Schröder eines der Hauptprobleme der neuen Bundesländer besichtigt: Die Städte veröden; etwa eine Million Wohnungen stehen leer. Die Flucht aus den ostdeutschen Städten folgt dem Zusammenbruch der DDR-Industrien nach der Wende und der Arbeitslosigkeit ganzer Regionen.

Bisher war die Stadtplanung stets auf Expanison ausgerichtet: Jetzt muss sie Konzepte für die „schrumpfende Stadt“ entwickeln. Dabei darf nicht passieren, was so oft bei der Planung geschieht: dass am Ende hübsche Neubauviertel entstehen – ohne jede Infrastruktur. Denn die Wohnung folgt immer dem Arbeitsplatz. Investitionen müssen deshalb gerade in den Städten getätigt werden, aus denen die Menschen zu Tausenden wegziehen. Die Politik wird sich verstärkt um Wirtschaftsförderung bemühen müssen, nachdem sie die Entwicklung jahrelang ignoriert hat.

Die Ansiedlung von Unternehmen kann aber nur gelingen, wenn die Städte nicht zu sozialen Problemgebieten stigmatisiert werden. Dieses Gefühl entsteht jedoch, und zwar nicht nur bei Unternehmern, sondern gerade auch bei den Bewohnern, wenn sie von Experten vorgehalten bekommen, der Abriss ihrer Plattenbauten sei durchaus zu verschmerzen, weil es ja nur architektonische Bausünden der DDR seien. Mit einer ähnlichen Arroganz wird übrigens, nebenbei bemerkt, die Diskussion um Erhalt oder Abriss des Palastes der Republik in Berlin geführt.

Wer der Plattmache der Platte das Wort redet, muss sich bewusst sein, dass er Trotzreaktionen hervorruft bei denen, die dort seit Jahrzehnten wohnen. Wer diese Städte preisgibt, wird erleben, dass die Menschen sich abschotten, ihre Nachbarschaften aufgeben oder in die Radikalisierung abgleiten. Das wäre das Ende der sozialen Stadt.

Insofern darf der Schröder-Besuch jetzt nur ein Anfang gewesen sein. Der Bürgermeister von Leinefelde in Thüringen bringt die Herausforderung für die Zukunft auf den Punkt: „Es geht darum, dass wir uns das Gefühl erhalten, noch in einer Stadt zu leben.“ HEIKE HAARHOFF

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