Russischer Abzug von Schlangeninsel: Nichts wie weg

Russische Truppen haben die strategisch wichtige Schlangeninsel verlassen. Moskau bezeichnet den Abzug als Akt guten Willens – die Ukraine als Sieg.

Jemand leckt eine ukrainische Briefmarke an, auf der ein Soldat auf einer Insel steht

Solidarische Briefmarken: Die Schlangeninsel gilt als Symbol des ukrainischen Widerstandes Foto: Edgar SuEdgar Su/reuters

Wachablösung auf der Schlangeninsel: Russische Truppen haben die Insel im Schwarzen Meer am Donnerstag verlassen. Bei dem Rückzug handele es sich um eine Geste des guten Willens, teilte das Moskauer Verteidigungsministerium mit. Der Abzug demonstriere, dass die Russische Föderation die Anstrengungen der Vereinten Nationen nicht behindere, einen humanitären Korridor zur Ausfuhr landwirtschaftlicher Produkte von ukrainischem Territorium einzurichten. Auf Fotos vom Donnerstag waren Rauchschwaden zu sehen, die über der Insel aufstiegen.

Aus der Perspektive von Kiew stellt sich der Sachverhalt etwas anders dar. Die ständigen Angriffe der ukrainischen Streitkräfte hätten die russischen Soldaten dazu gezwungen, die Insel zu verlassen, heißt es in einem Kommentar auf dem ukrainische Webportal focus.ua. Angesichts schwerer Verluste von Ausrüstung und Menschen sei es Selbstmord gewesen, auf diesem felsigen Stück Land zu bleiben. Die Geste des guten Willens sei wohl Moskaus politischer Neusprech für Niederlagen und Flucht.

Der ukrainische Militärexperte Juri Federow sagte gegenüber dem russischsprachigen Nachrichtenportal insider.ru, dass die russischen Streitkräfte die Schlangeninsel aufgrund der Lieferung westlicher Waffen an die Ukraine hätten verlassen müssen, vor allem der amerikanische Mehrfachraketensysteme Himars. Diese seien in der Lage, eine große Anzahl von Raketen abzufeuern, deren Sprengköpfe 90 Kilogramm wiegen. Daher sei es für die Russen unmöglich gewesen, die Insel weiter zu verteidigen.

Die Schlangeninsel, die zum Gebiet Odessa gehört, hat eine Fläche von 17 Hektar. Die Küste ist vier Kilometer lang. In der einzigen Siedlung Bile leben etwa 30 Menschen. Bereits am 24. Februar, dem ersten Tag des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine, hatten mit dem Kreuzer „Moskwa“ sowie der Korvette Wassili Bykow zwei russische Schiffe die Insel angelaufen. Eine Aufforderung der russischen Angreifer per Funk, die ukrainische Einheit solle sich kampflos ergeben, beantwortete der Soldat Roman Hrykow mit dem Ausruf: „Russisches Kriegsschiff, fick dich!“

13 stationierte Soldaten

Die Annahme, alle 13 auf der Insel stationierten Soldaten seien durch den Beschuss russischer Kriegsschiffe ums Leben gekommen, bestätigte sich nicht. Vielmehr kamen sie später durch einen Gefangenenaustausch frei. Der prestigeträchtige Kreuzer „Moskwa“ war übrigens am 13. April von ukrainischen Raketen getroffen worden und einen Tag später gesunken. Die russische Seite hatte behauptet, an Bord sei ein Brand ausgebrochen. Aufgrund des Wetters sei das Schiff in Schieflage geraten und gesunken.

Die angebliche „Geste des guten Willens“ war nicht nur in den Medien Gegenstand bissiger Kommentare. Auch der Chef des Büros von Staatschef Wolodimir Selenski, Andri Ermak, bezeichnete die russische Version als Lüge. Die Russen würden Lagerhäuser mit ukrainischen Getreide bombardieren. Das sei am Donnerstagmorgen auch wieder im Gebiet Dnjepopetrowsk geschehen, sagte er auf Telegram.

Moskaus deklarierte, löbliche Absichten stehen auch in einem direkten Widerspruch zu den jüngsten Äußerungen des Duma-Abgeordneten Andrei Gurulew. Der ehemalige Kommandeur der 58. Armee und Vize-Kommandeur des Wehrbezirkes Süd war erst vor wenigen Tagen mit einem Text unter dem Titel „Über das Heldentum unserer Soldaten bei der Verteidigung der Schlangeninsel“ öffentlich aufgetreten.

Darin berichtete er darüber, wie russischen Soldaten Ausrüstung auf die Insel lieferten und die Angriffe der Streitkräfte der Ukraine erfolgreich abwehrten. „Wir brauchen unbedingt die Kontrolle über diese Insel, sie ist ein strategisch wichtiges Objekt. Lasst uns unseren Helden von ganzem Herzen danken“, heißt es am Ende des Beitrags, den das russischsprachige Nachrichtenportal insider.ru zitiert.

Bereits in der vergangenen Woche hatte der stellvertretende Vorsitzende des Verteidigungsausschusses der Duma, Juri Schwatkin, in einem Gespräch mit dem russischen Webportal lenta.ru mehrere Punkte aufgelistet, warum die Insel so bedeutsam sei.

Wichtiger Seeweg

Ihm zufolge sei die Schlangeninsel das wichtigste strategische Objekt im Schwarzen Meer. „Erstens liegt sie etwa 35 Kilometer von der Küste der Region Odessa und etwas mehr als 100 Kilometer von (der Hafenstadt) Odessa entfernt. Zweitens wird kein einziges Schiff, hier sprechen wir von Bulgarien, Rumänien oder Polen, an der Schlangeninsel einfach so vorbeifahren. Dieser Seeweg steht unter der Kontrolle derjenigen Kräfte, die sich auf der Insel befinden“, sagte der Abgeordnete.

Apropos Getreide: Aus dem von Russland besetzten ukrainischen Hafen von Berdjansk lief am Donnerstag ein Schiff mit 7.000 Tonnen Getreide an Bord aus. Die von Russland ernannte Verwaltung teilte mit, das Schiff werde von der russischen Marine begleitet. Der Hafen sei zuvor von Seeminen befreit worden, erklärte der Chef der pro-russischen Verwaltung, Ewgeni Balitski. Die Getreidelieferung sei auf dem Weg „in befreundete Staaten“. Dabei könnte es sich um Syrien handeln.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Wir alle wollen angesichts dessen, was mit der Ukraine derzeit geschieht, nicht tatenlos zusehen. Doch wie soll mensch von Deutschland aus helfen? Unsere Ukraine-Soli-Liste bietet Ihnen einige Ansätze fürs eigene Aktivwerden.

▶ Die Liste finden Sie unter taz.de/ukrainesoli

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de