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Rotkäppchen in der Zwangsjacke

Nach einem möglichen Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt könnte erstmals Bundeszwang gegen das Bundesland angewendet werden

Von Michael Ringel

Bundeszwang weg! Bundeszwang weg!“, skandiert Maik Sawatzke frenetisch. Der 43-Jährige hat sich in einer weißen Zwangsjacke vor dem Magdeburger Dom angekettet. Erbarmungslos brennt die Sommersonne auf den von Grillgut und Böllerberger Bier geformten Körper des kugeligen Mannes. Um ihm Kraft zu spenden, schiebt ihm seine auch nicht leichtgewichtige Frau eine Halloren nach der anderen in den Mund.

Die knallharten Schokobomben sind neben dem Rotkäppchen-Sekt, mit dem Sawatzke das zuckrige Konfekt herunterspült, die einzigen Produkte, die in Sachsen-Anhalt hergestellt werden und überregional bekannt sind. Grundnahrungsmittel und Antriebsstoff für die „Haltis“, wie sich die Insassen des Bindestrich-Lands liebevoll untereinander nennen.

Maik Sawatzke protestiert schon jetzt mitten in der Landeshauptstadt gegen den Bundeszwang, der nach einem Wahlerfolg der Partei Abschaum für Deutschland (AfD) bei den anstehenden Landtagswahlen erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland gegen ein Bundesland angewendet werden könnte. Die AfD will bei einem Sieg in Sachsen-Anhalt den Rechtsstaat in seinen Fundamenten erschüttern, aber Bundesrecht bricht Landesrecht. Mit einem Mittel aus der untersten verstaubten Schublade des Grundgesetzes würde die Bundesregierung gegen jede Entscheidung, die über die üblichen Anrechte und Befugnisse einer Landesregierung hinausgeht, ein Veto einlegen.

„Raus aus der Zwangsjacke!“, ruft Sawatzke schwitzend, meint aber nicht sein persönliches Opfer, das seine Frau mit einem weiteren Schwung Rotkäppchen zu lindern versucht. „Ich bin übrigens die Uta“, stellt sich die 39-Jährige mit der pinkfarbenen Kurzhaarfrisur vor. „Aus dem Kreuzworträtsel: Naumburger Stifterfigur, drei Buchstaben.“ Sie sei „Hausfrau im besten Sinne“, erklärt sie. Was eine Hausfrau im schlechtesten Sinne ist, bleibt im Dunkel.

Das Rätselhafte bestimmt insgesamt das Leben der Sawatzkes. Maik ist von Beruf Quizteilnehmer und kann davon gut leben, sagt er. Zu Hause hätten sie noch sieben Toaster und vier Bügeleisen. Alles Gewinne. Einmal sei er sogar Telefonjoker bei Günther Jauch gewesen, aber an der 5.000-Euro-Frage gescheitert: „Wie heißt das berühmte Gebäude in Dresden? Zifeng, Zayed, Zenit oder Zwinger?“ Er sei felsenfest davon überzeugt gewesen, dass Zenit richtig gewesen sei, aber er kenne sich eben nicht in Dresden und Thüringen aus. Er sei echter Halti. Und überhaupt gehöre dieser Jauch ja zu denen da oben. Und die seien alle Verbrecher.

Dass sein eher dürftiges Allgemeinwissen nicht die beste Voraussetzung für seine Berufswahl war, scheint Maik Sawatzke zu ahnen. Freimütig erzählt er, dass er sich mitunter im Berufsleben selbst im Wege stehe. Zum Beispiel habe er einmal mit anderen an einem Telefonquiz im Radio teilgenommen. Wenn die Anrufer die Antwort wüssten, sollten sie einfach den Vornamen rufen, habe der Moderator den Quizteilnehmern erklärt. Nach der ersten Frage rief Maik: „Vorname!“

Tatsächlich laufe in seinem Gewerbe nicht alles rund, weshalb er sich ab und an als Mietdemonstrant verdingen müsse. Meist für die AfD. Wie heute. Dass er damit letztlich aus Bundesmitteln bezahlt werde, weil die AfD großzügig Steuergelder an ihre Anhänger verteile, bringt den mysteriösen Mann endgültig in Rage. „Und jetzt wollen die da oben uns kleinen Leuten das Geld streichen. Mit dem Bundeszwang. Das sind doch alles Verbrecher, die Politiker, die in Berlin, die da oben“, empört sich Sawatzke.

Kriminalität ist eines seiner Lieblingsthemen und lässt ihn nicht los. Neulich sei er sogar zu Hause bestohlen worden, berichtet er aufgeregt. „Ich war im Homeoffice. Am Telefon für ein Quiz. Voll konzentriert. Und da hat jemand mir das Portemonnaie aus der Hosentasche gefingert. Taschendiebe! Später lag es im Papierkorb. Das Geld war natürlich weg!“, schüttelt Sawatzke den roten Kopf. Taschendiebe im Homeoffice – das gibt es nur in Sachsen-Anhalt. Und Uta Sawatzke schaut abwesend in die Tiefe des Magdeburger Raumes.

„Weg mit dem Bundeszwang! Weg mit dem Bundeszwang!“, ruft Maik Sawatzke nun erneut. Er müsse noch eine Stunde arbeiten. Und danach wünsche er sich, was er sich für ganz Sachsen-Anhalt erhofft: „Mehr Freiraum. Wie früher. Als wir noch alle FKK machen durften. Und keine Zwangsheiraten angeordnet wurden.“

Zwangsheiraten? Verlegen gesteht Uta, dass sie und Maik gar nicht verheiratet sind. Der gleiche Nachname sei Zufall. Aber wenn die AfD erst an die Macht kommt, dann würden sie freiwillig den Bund fürs Leben schließen. Damit niemand auf den Gedanken kommen kann: Sachsen-Anhalt – tausend Jahre Inzest müssen ein Ende haben.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen