Romandebüt „Monster wie wir“: Die Vampire der Kindheit

Ulrike Almut Sandig erzählt in ihrem fulminanten Romandebüt „Monster wie wir“ von der Allgegenwart der Gewalt. Eine Lektüre, die lange nachhallt.

Porträt Ulrike Almut Sandig in btiefblauer Jacke vor dem Hintergrundleerer Stuhlreihen

Bislang veröffentlichte Ulrike Almut Sandig vor allem Lyrik und kurze Prosa Foto: Michael Aust/Villa Concordia

Der Vater ist Pfarrer. Ausgerechnet. Wenn es Probleme in der Familie gibt, schlägt er zu. Die Frau bekommt Ohrfeigen, den beiden Kindern wird der Hintern versohlt. „Wir sind wie jede gute Familie“, sagt Tochter und Erzählerin Ruth so ernüchtert wie sarkastisch. Im Rückblick auf ihre Kindheit schildert sie viele Szenen, die kaum auszuhalten sind, und was schon auf den ersten Seiten dieses präzise komponierten Romans auffällt, ist der einerseits poetische, dann aber auch gekonnt prosaische Tonfall, in dem die Gewalterfahrungen beschrieben werden.

„Monster wie wir“ ist der erste Roman von Ulrike Almut Sandig, die bislang vor allem Lyrik, aber auch kürzere Prosa veröffentlicht hat. Anders als der seltsam holprig formulierte Klappentext suggeriert, handelt es sich keineswegs um das Porträt einer Generation, sondern vielmehr um einen Gesellschaftsroman, der die dunkelsten Seiten familiären Machtmissbrauchs in sehr unterschiedlichen Generationen beschreibt.

Dabei ist die Geschichte weniger als Abrechnung mit den Tätern zu lesen; der Text konzentriert sich vielmehr auf die Frage, wie in autoritär-bürgerlichen Milieus mit körperlichen und verbalen Übergriffen umgegangen wird und welche gravierenden Folgen die Tabuisierung der Gewalt hat. Tatsächlich sprechen Sandigs Protagonisten, wie sie handeln, nämlich rücksichtslos, unverschämt und böse: „Wenn man so dicke Beine hat wie du“, sagt der Mann zur Frau, „sollte man eigentlich keine Minikleider tragen.“

Bildstark gefasste Passagen erinnern an die Formensprache des Filmemachers Ingmar Bergman

Als die Mauer gebaut wurde, war Pap, wie Ruth ihren aggressiven Vater bewusst liebevoll nennt, mit einer Lederjacke in die Schule gekommen und hatte wohl wie Bertolt Brecht ausgesehen, was die Direktion als „Abklatsch einer bürgerlichen Boheme“ wertete, die „von unserer Gesellschaft überwunden sei“. Wie Brecht durfte nur der echte Brecht aussehen. Weil der Sechzehnjährige auch noch die „Autorität der freiheitlich sozialistischen Presse“ anzweifelte, wurde er schließlich von der Schule geworfen.

Die Allgegenwart der Gewalt

Es gehört zum Wesen der strukturellen Gewalt, die von einem diktatorischen Staat ausgeht, dass sie auch die Handlungsweisen im Privaten bestimmt, und dennoch versucht Ruth, die väterlichen Prügelstrafen nicht mit dessen Vergangenheit zu erklären oder gar zu rechtfertigen. Die Erzählerin verweist mit diesen Exkursen vielmehr auf die Allgegenwart der Gewalt, die sich nicht nur gegen die Menschen, sondern auch gegen die Natur richtet. Wo Ruth aufwuchs, verschlingt nun der Braunkohletagebau jene Dörfer, die beim Besuch durchaus heimatliche Gefühle wecken, die aber vor allem Orte des Grauens sind.

In zunächst nur kleinen Andeutungen nähert sich die mittlerweile erwachsene Heldin dem Horror, der sich im Elternhaus abspielte und von dem wohl nicht einmal die Eltern etwas wussten. Schließlich wird Ruth sehr deutlich und berichtet von ihrem Großvater, der sie am Abend vor dem Zubettgehen aufsuchte: „Den Blick aufs Fenster gerichtet, steckte er die Hand unter meinen Pyjama und begann mich zu streicheln.“

Der Opa verging sich an dem Mädchen mit „kerzengeradem Rücken“, während sich draußen vor der Tür eine Bahnschranke senkte und es laut bimmelte. Güterzüge donnerten am Pfarrhaus vorbei, als der Opa stöhnte. Kaum hatte er sich Befriedigung verschafft, „ging er wortlos aus dem Raum“. Und die Bahnschranke gab den Weg wieder frei.

Es ist eine surreale Stimmung, in der von dem Missbrauch erzählt wird, wobei gerade das Unwirkliche dem Kind wohl die Chance bot, sich dem ekelhaften Tun zumindest ein wenig zu entziehen. Diese bildstark gefassten Passagen erinnern an die Formensprache des Filmemachers Ing­mar Bergman, der etwa in seinem grandiosen Familienepos „Fanny und Alexander“ die Momente der Gewalt ebenfalls in ein grotesk-opulentes Setting setzte.

Flucht in die kindliche Fantasie

Fast beiläufig behauptet die kleine Ruth, der Großvater sei ein Vampir, aber statt nachzufragen, wundert sich die Mutter nur über die kindliche Fantasie, kümmert sich aber nicht weiter um die Angst der Tochter vor den Blutsaugern. Vielleicht ist sie auch zu sehr mit dem eigenen Leid beschäftigt.

Zu den literarischen Stärken dieses Romans gehört, dass die Themen auf vielen Ebenen durchgearbeitet werden und die zentralen Metaphern immer wieder an den richtigen Stellen auftauchen, dass die musikalischen Leitmotive unangestrengt in die Erzählung eingeflochten sind, dass die Gewalt, unter der alle Figuren zu leiden haben, auf immer neue und dann wieder erschreckend ähnliche Weise die Lebensläufe prägt.

Auch Ruths Freund Viktor wird missbraucht. In diesem Fall vom Schwager, der nur darauf wartet, dass sich die Erziehungsberechtigen für ein langes Wochenende zu zweit verabschieden und er das Kind ungestört vergewaltigen kann. Die Reaktion der Kinder auf das Verhalten der Erwachsenen ist sehr unterschiedlich: Während Ruth sich ins Geigenspiel flüchtet, baut Viktor Muskeln auf. Er will stärker werden als alle anderen, möchte das Böse besiegen, indem er selbst als Bösewicht auftritt. So schließt er sich einer Nazigruppe an, die im linken Jugendtreff alles kurz und klein schlägt.

Als er in dem verhassten „Zeckenclub“ auch die verehrte Ruth sieht, dreht er völlig durch. Sein so mühsam errichtetes Welt- und Selbstbild, das auf Hass gebaut ist, beginnt er selbst zu hassen. Viktor flieht vor der Familie und seinen falschen Freunden nach Frankreich, um dort als Au-pair in einer vermögenden Familie zu arbeiten.

Ein Verlierer, der dennoch nicht aufgibt

Als „ostdeutscher Hüne in Springerstiefeln“ wird er zunächst ausgegrenzt, aber schon bald findet er Zugang und Vertrauen in der Gastfamilie, die allerdings auch nicht viel besser ist als das, was er zurückgelassen hat. Wieder wird Viktor mit sexueller Gewalt konfrontiert, die verschwiegen werden soll.

Viktor ist ein Verlierer, der dennoch nicht aufgibt. Verrückterweise wird sich Ruth viele Jahre später auf einen Mann aus Finnland einlassen, der auch den Sieg im Namen trägt und ebenfalls ein Gewaltverlierer ist. „Monster wie wir“, sagt Voittoo, um sich und seine Ausraster zu erklären. Ruth aber möchte nicht länger ein Monster sein, sie will die Vampire der Kindheit verjagen, die Taten benennen, dem Tabu die Kraft nehmen und damit den Gewaltkreislauf durchbrechen.

Ulrike Almut Sandig: „Monster wie wir“. Schöffling & Co. Verlag, Frankfurt a. M. 2020, 233 Seiten, 22 Euro

Deshalb schickt sie ihre Lebensgeschichte in Form von Videobotschaften an den ehemaligen Geliebten, mit dem sie einmal verspätet auf einer Geburtstagsfeier auftauchte, weil er sie grün und blau geprügelt hatte. „Wegen der geschwollenen Augen trug ich eine Sonnenbrille und wegen der Abdrücke ein Tuch um den Hals.“ Dem Gastgeber aber erklärte Voittoo die Verletzungen mit einem Augenzwinkern: „Das Hotelbett brach durch.“

Ulrike Almut Sandig hat einen Roman vorgelegt, der schlimmsten Erlebnissen immer auch eine bittere Pointe abzuringen vermag und damit dem absolut Unangemessenen eine angemessene Sprache entgegenhält. „Monster wie wir“ bietet eine Lektüre, die erschüttert und lange nachhallt, nicht zuletzt durch die klug gewählte Erzählperspektive und ein ästhetisches Fingerspitzengefühl, das sich die Autorin sicherlich auch durch die langjährige Arbeit als Lyrikerin erworben hat. Die Dichterin hat viel zu erzählen, und sie kann es auch – wie ihr fulminantes Romandebüt zeigt.

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