Roman von Esther Kinsky: An Flüssen sieht man besser

Esther Kinsky ist eine Meisterin kleiner Beobachtungen. In ihrem Roman „Am Fluss“ erweist sie sich als Archäologin des Unbedeutenden.

River Lea: „Immer flussabwärts, jedes Mal ein Stück weiter.“ Bild: imago/United Archives International

Nein, die Ich-Erzählerin in Esther Kinskys Roman „Am Fluss“ ist keine Flaneurin. Sie schlendert nicht vorbei an der Tower Bridge oder den geschäftigen Docklands, der Postkarten- und Global-City-Kulisse Londons. Ihre ausgedehnten Spazierrouten führen durchs Dickicht der Vorstadt, vorbei an verwitterten Ziegelmauern, buschigem Gelände und durch ärmliche Straßen, in denen Greengrocer Katz, ein schmallippiger Kroate, oder Jackie, dessen Kippa immer schief sitzt, die Zeit totschlagen.

Auch der Fluss, an den die Erzählerin immer wieder zurückkehrt, ist nicht die Themse, sondern der River Lea, ein meist unansehnlicher und unscheinbarer Industriefluss, der schließlich, versteckt hinter Bauzäunen und Brandwänden, in die Themse mündet und die Grenze markiert zwischen East London und dem Marschland, wo der Kompass nicht mehr Richtung Stadt zeigt, sondern zum Meer.

In diese ungesicherte Stadt-Land-Fluss-Geografie hinein wirft Kinsky ihre Heldin, die irgendwann einmal im richtigen London lebte und an anderen Flüssen, bevor es sie in den tristen Osten der Metropole trieb, den sie auf den 387 Seiten dieses mäandernden Textflusses kartiert und seziert. Warum sie das tut, ist eines der Rätsel, das dieses Buch dem Leser aufgibt.

So bleibt einem zunächst nichts anderes, als sich an den River Lea zu halten und die Richtung, die er vorgibt. „Ich ging immer flussabwärts, jedes Mal ein Stück weiter, hielt mich an dem Fluss fest wie an einem Seil beim Balancieren über einem schmalen Steg.“

Esther Kinsky: „Am Fluss“. Matthes & Seitz, Berlin 2014, 387 Seiten, 22,90 Euro

Leeres Land und Stücke der Kindheit

Und plötzlich wird aus dem unscheinbaren Lea ein Erinnerungsfluss. „Zwischen dem leeren Land auf der Ostseite des Flusses und den Siedlungen und Fabriken auf der anderen Seite fand ich Stücke meiner Kindheit wieder, andere aus Landschafts- und Gruppenfotos herausgeschnittene Teile, die sich zu meiner Überraschung hier niedergelassen hatten.“

Esther Kinsky ist ein Flussmensch. Aufgewachsen am Rhein, hat die Übersetzerin und Lyrikerin mit ihrem ersten Roman, „Sommerfrische“, eine Flusslandschaft in Ungarn beschrieben, an der die Menschen sich der Naturgewalt beugen müssen – oder untergehen.

Nun legt sie mit „Am Fluss“ einen Roman vor, dessen Radius viel weiter reicht als die Spaziergänge am River Lea. Dort, aber auch in ihren Erinnerungen an den Rhein, die Oder, den Sankt-Lorenz-Strom, den Ganges, die Neretva oder – eines der berührendsten Kapitel – den Jarkon in Tel Aviv, entwirft sie eine Poetologie der Flüsse, die den Menschen allein Orientierung geben, denn „ohne den Fluss als Halt war ich ratlos“.

Es ist die Sprache, die am Ende doch noch das Rätsel dieses verstörenden und großartigen Romans löst. „Fischreiher standen reglos auf schilfumwachsenen Stein- und Ziegelvorsprüngen der Fabrikmauern und starrten ins Wasser, ungerührt um ihre Unberührbarkeit wissend, wo die abgehalfterte Städtischkeit klaffte und platzte und sich kleinhalmiges Wildgrün aus den Ritzen schob.“

Schule des Sehens

Kinsky verzichtet auf Dialoge und Metaphern und nähert sich der ungewohnten Umgebung (und ihrem neuen Leben) mit der Lupe. „Die Ziegel der Mauer und Pfeiler zwischen rostenden Eisenstäben wurden durchlässig und fanden zu dem zurück, was sie vor ihrer Verziegelung gewesen waren, Lehm, Erde, Boden, Ablagerung längst verströmter Wasserläufe.“ Am Fluss blickt man unmittelbar auf die Dinge und nennt sie beim Namen. So ist der River Lea für die Erzählerin auch eine Schule des Sehens. Die Fotografien aus einer alten Kamera, die sie von ihren Erkundungen am Fluss mitbringt, helfen ihr schließlich, die „herausgeschnittenen Teile“ ihres Selbstbildes neu zusammenzusetzen.

Man muss sich auf den plätschernden Erzählfluss von Esther Kinsky einlassen. Ist man dazu bereit, erfährt man viel über die Unbehaustheit, die jeden irgendwann ereilt, und die kleinen Dinge, die einem dann Halt geben und Orientierung. Und ganz nebenbei entwirft Esther Kinsky, diese Archäologin der scheinbaren Unbedeutendheiten, ein faszinierendes Porträt von London und seinen Rändern.

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